Bundespräsident Heinz Fischer hat sich zuversichtlich geäußert, dass die seit dem Zuzug muslimischer Gastarbeiter angestiegene "Islamophobie-Kurve" wieder flacher wird. Erfahrungen der letzten Jahre stimmten ihn hoffnungsvoll, so Fischer anlässlich des 100-Jahr-Jubiläums des Islamgesetzes in Österreich, "und zwar einerseits, weil die Zuwanderungsrate flacher wird, und andererseits, weil wir lernen, mit unterschiedlichen religiösen Bekenntnissen unserer Mitbürgerinnen und Mitbürger besser umzugehen".
Die rechtliche Anerkennung des Islam als Religionsgemeinschaft durch Kaiser Franz Joseph am 15. Juli 1912 zeige, "dass bereits zu dieser Zeit der Donaumonarchie in Österreich Menschen unterschiedlichen Glaubens, unterschiedlicher kultureller Traditionen sowie eine Vielzahl von Völkern und Volksgruppen zusammengelebt haben, und dass sich der Staat bemüht hat, Rahmenbedingungen für ein harmonisches Zusammenleben aller Bürgerinnen und Bürger zu schaffen". Dazu seien die heutigen Bewohner Österreichs ungeachtet stark geänderter Rahmenbedingungen "selbstverständlich erst recht verpflichtet", betonte der Bundespräsident. Ein respektvoller interreligiöser Dialog könne hier wichtige Impulse geben.
Fischer räumte ein, dass sich die Stimmung gegenüber Muslimen seit dem Bau der derzeit markantesten Moschee in Österreich - dem Islamischen Zentrum in Wien-Floridsdorf - verschlechtert habe. Das Zentrum war 1979 im Beisein von Fischers Amtsvorgänger Rudolf Kirchschläger von Wiens Bürgermeister Leopold Gratz eröffnet worden; Gratz sprach damals - ohne rechtspopulistische "Begleittöne" - von einer "dringenden Notwendigkeit" angesichts vieler muslimischer Gastarbeiter und Studierender in Wien.
Auf spätere Wahlkampfslogans wie "Daham statt Islam" (FPÖ-Plakat 2006) angesprochen sagte Fischer, dies sei "einfach dumm, und ich schäme mich für solche Parolen auf österreichischen Plakatwänden".
Phobien beruhten auf Angst - im Fall der "sogenannten Islamophobie" auf Angst vor dem Fremden und Unbekannten, so der Bundespräsident. Dem versuche man im Rahmen der Schulbildung, der außerschulischen Jugenderziehung und der Erwachsenenbildung mit sachlichen Informationen zu begegnen. Vor allem Österreichs Jugend gelte es "dazu hinzuführen, andere Kulturen als die uns vertrauten nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung zu sehen". Dieses Erziehungs- und Bildungsziel muss nach den Worten Fischers "natürlich auch in Österreich lebenden Menschen mit Migrationshintergrund vermittelt werden".
Zum "arabischen Frühling" der vergangenen eineinhalb Jahre äußerte sich der oberste Repräsentant Österreichs im Ausland differenziert. Mit diesem Ausdruck werde eine Hoffnung muslimisch dominierter Länder "nach mehr Freiheit, nach mehr Demokratie und nach einem besseren Leben in blumiger Sprache" umschrieben. Er sei aber keine präzise Beschreibung eines politischen Zustandes oder einer geradlinigen und einheitlichen politischen Entwicklung, so Fischer. "Faktum ist, dass die Gesellschaft in mehreren arabischen Ländern in Bewegung gekommen ist und in Zukunft in noch weiteren arabischen Ländern in Bewegung kommen wird", so der Bundespräsident. "Ich betrachte diese Strömungen, diese Unruhe und diese Aufbruchsstimmung in Teilen der Gesellschaft grundsätzlich als positiv." Der zukünftige Verlauf sei freilich aus heutiger Sicht schwer zu beurteilen. "Daher muss Europa auf diese Bewegungen mit Respekt, mit Verantwortungsbewusstsein, mit Geduld und ohne Egoismus reagieren", so Fischer.