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Wertewandel: Religiosität ist "stabil in Veränderung"

(21.10.2011) "Auf einen Katholiken, der an Gott glaubt, kommen 0,25 Prozent Protestanten und 2,5 Orthodoxe", so die Herausgeberin der Wertestudie, Regina Polak.

Als "stabil in Veränderung" lässt sich laut der Wiener Theologin Regina Polak die Religiosität in Europa umschreiben. Gott und Gebet blieben wichtig, jedoch verändere sich, was die Menschen mit Gott und Religiosität in ihren Sinnkonzepten und ihrer Lebenspraxis verbinden, sagte Regina Polak am Donnerstag, 20. Oktober 2011, bei der Präsentation des von ihr herausgegebenen Buches "Zukunft.Werte.Europa". Darin sind die Ergebnisse der von 2008 bis 2010 durchgeführten Europäischen Wertestudie zusammenfasst und wissenschaftlich-interdisziplinär gedeutet.

Einer eng gefassten Säkularisierungsthese erteilen Polak sowie Christoph Schachinger im Religionsteil eine Absage: Ein kontinuierlich voranschreitender Bedeutungsverlust von Religion in modernen Gesellschaften sei aus den Daten nicht ableitbar. Die Werte beim Gottesglauben, der Gebetshäufigkeit und beim Kirchgang seien in den vergangenen 20 Jahren in Europa relativ konstant geblieben. Freilich zeige sich auch ein sozioreligiöser Wandel: In einzelnen Ländern gibt es größere Gruppen religiöser Menschen ohne konfessionelles Selbstverständnis; ebenso gibt es innerhalb der Konfessionellen auch nicht-religiöse Personen.

 

Rumänien, Polen, Griechenland top in Punkto Kirchgang

Markant ist die hohe Bedeutung der Kirchenzugehörigkeit für das religiöse Leben in Europa: "In der Intensität von Glaube, Kirchgang und Gebet differenziert sich das Feld in hochreligiöse Länder orthodoxer und national-katholischer Tradition, mittelreligiöse Länder katholischer und katholisch-protestantischer Tradition und niedrigreligiöse Länder protestantischer Tradition". Das heißt: In Bezug auf Gottgläubigkeit, Kirchgang und Gebetspraxis "top" sind Länder wie Rumänien, Polen, Griechenland, Italien und Kroatien, ganz hinten rangieren die schon in vorkommunistischer Zeit säkularisierten Länder Tschechien und Ostdeutschland sowie die protestantisch geprägten skandinavischen Staaten.

 

Als Faktoren, die ausdrückliche Religiosität begünstigen, nannte Polak höheres Alter, Migrationshintergrund und der Wohnort ländliche Region oder Großstadt. So seien die Über-60-Jährigen die "frömmsten" Europäer; und Migranten der ersten Generation stimmten "1,6 Mal wahrscheinlicher dem Glauben an Gott zu als die ansässige Bevölkerung".

 

Orthodoxe Europäer sind am "frömmsten"

Am deutlichsten jedoch wirkt sich laut Polak die Konfessionszugehörigkeit der Befragten aus. Sie sei der tragfähigste Erklärungsfaktor für den Glauben: "Auf einen Katholiken, der an Gott glaubt, kommen 0,25 Prozent Protestanten und 2,5 Orthodoxe." Am wichtigsten sei Gott für Muslime, die als untersuchte Gruppe in der Wertestudie jedoch zahlenmäßig zu gering für seriöse Interpretationen waren. Mit "konfessionsnaher Religiosität" werde gesellschaftlich auch in Zukunft zu rechnen sein, so Polak. "Religion bildet in vielen Ländern für viele Menschen einen wichtigen Lebensbereich."

 

Ausnahmen in Österreich

Österreich befindet sich in Bezug auf die Bedeutung der Religion im mittleren Bereich. Österreich sticht laut der Theologin jedoch unter zwei altersbezogenen Aspekten heraus: In allen untersuchten Ländern weist demnach die Gruppe der 30- bis 44-Jährigen eine ähnliche Nähe zu Religion auf wie jene der 45- bis 59-Jährigen - aber nicht so in Österreich: Hier sind die Jüngeren deutlich distanzierter, was Polak mit der spezifischen Kirchenkrise in Österreich in Verbindung bringt. Die Gruppe der Unter-30-Jährigen sei hierzulande im Europavergleich religiös "überdurchschnittlich distanziert". Das heißt laut Polak nicht, dass die jungen Österreicher nicht an Gott glauben - mehr als zwei Drittel bekennen sich dazu. Aber die Kirchenskepsis sei, etwa gemessen an Deutschland oder der Schweiz, besonders ausgeprägt. Dies mache religiöse Bildung zum entscheidenden Zukunftsfaktor, meinte Polak.

 

Hinsichtlich ihrer politischen Einstellungen unterscheiden sich die explizit Religiösen nicht vom Rest der Bevölkerung; lediglich das soziale Engagement in Institutionen ist bei der - in der Minderheit befindlichen - Gruppe der betenden Kirchgänger deutlich höher.

 

Anfragen an die Kirchen

Für Polak ergeben sich aus den Ergebnissen der Wertestudie Anfragen an die Kirchen: Noch könnten sie sich in vielen Ländern - auch in Österreich - auf eine tiefe kulturelle Verankerung von Konfessionalität stützen. Aber die sich vor allem bei den Jüngeren beschleunigenden Entkoppelungen zwischen Konfessionalität und Religiosität zeigten, "dass konfessionelle Religiosität - wie in den protestantischen Ländern - auch marginal werden kann". Die Kirchen stünden vor der Notwendigkeit schlüssiger Antworten auf Fragen wie: Was tragen sie zukünftig zur Unterstützung der Lebensgestaltung einzelner und zur Gestaltung der Gesellschaft bei?

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