"Es gibt viele gute theologische Schriften über Maria, es gibt mariologische Traktate, doch darum geht es dem Autor nicht", betont Christoph Kühn, Nuntiaturrat an der Apostolischen Nuntiatur in Wien, im Gespräch mit Radio Stephansdom. Er ist der Herausgeber der deutschen Ausgabe eines Buches über die Gottesmutter Maria, das der italienische Kardinal Angelo Comastri verfasst hat. Das Besondere an dem Buch ist, dass es sich als Autobiographie versteht. Der Verfasser wolle "über das Leben Marias aus ihrer eigenen Perspektive" sprechen, "er versetzt sich gewissermaßen in sie hinein", erklärt Kühn. Mit einfachen Worten richte sich das Buch an Leserinnen und Leser, die keine theologische Fachbildung mitbringen. Ihnen soll es ermöglicht werden, die Gedanken und Empfindungen Marias nachzuvollziehen.
Der Verfasser, der 1943 in der Toskana geborene Angelo Comastri, komme aus der Seelsorge und er habe eine ganz innige Beziehung zu Maria, erklärt Christoph Kühn das Anliegen des Autors. Kardinal Comastri wirkte von 1996 bis 2005 im bekannten italienischen Wallfahrtsort Loretto. Seit 2005 ist er Erzpriester am Petersdom im Vatikan.
Im Vorwort seiner "Autobiographie der Gottesmutter" schreibt Comastri, Maria sei die einzige Zeugin etwa der Geburt Jesu oder der Flucht nach Ägypten gewesen. Er ruft dazu auf, sich den "warmen und ergriffenen Tonfall… den liebvollen Tonfall einer Mutter" vorzustellen, sich zu ihren Füßen zu setzen und sie zu bitten, "Mama, erzähle uns von deinem Leben!"
Wenn der Leser "ihre Stimme aus den Seiten des Evangeliums" hören soll, so der Autor weiter, dann steht dahinter wohl die Legende, nach der Maria dem Evangelisten Lukas die Ereignisse rund um die Geburt Jesu erzählt haben soll.
Tatsächlich hat man beim Lesen den Eindruck, ein ungewöhnliches Zeugnis des Heilsgeschehens in Händen zu halten. Erinnert ist man an die detailreichen apokryphen Schriften, die ab dem zweiten nachchristlichen Jahrhundert entstanden sind und nicht in die Bibel aufgenommen wurden. So schildert der Ich-Erzähler beispielsweise die Szene, in der Jesu zum ersten Mal "Mama" sagte. Später riecht Maria den Duft der ungesäuerten Brote im Abendmahlssaal, in dem tags zuvor Jesus mit den Aposteln das Paschamahl zu sich genommen hatte - hierbei war Maria nicht Zeugin. Von der Osternacht erzählt Maria, ein Licht umhüllte sie und eine "Stimme drang in meine Seele: 'Mama!' Es war Jesus, er war es …"
Über weite Strecken vermittelt das Buch das Gefühl, dass Kardinal Comastris Maria authentischer von den Ereignissen des Lebens Jesu zu berichten weiß, als es die Bücher des Neuen Testaments in der Lage sind. Auf die Frage, ob es theologisch in Ordnung sei, Maria als wichtigste Zeugin zu bezeichnen, antwortet der Herausgeber der deutschen Ausgabe, Christoph Kühn: "Der Titel 'Autobiographie Marias' ist gerechtfertigt." Aufgrund der vielen Zitate aus dem Alten und Neuen Testament sei es ein "zutiefst biblisches Buch", so Kühn. "Maria denkt und versteht in der Tradition ihres Volkes und lässt sich aus der Überlieferung des Alten Bundes zum Verständnis der Heilssendung ihres Sohnes führen." Das Buch ordne sich ein in die marianische Frömmigkeit der Kirche und sei ein "frommes Buch". Darüber hinaus würde das Buch durch Maria zu Jesus führen. "Wer es liest, wird vertraut mit dem Heilsplan Gottes für die Menschheit - aus der ungewöhnlichen, der ganz nahen und mütterlichen Perspektive."
Angelo Kardinal Comastri
Der Engel des Herrn brachte mir dir Botschaft.
Eine Autobiographie der Gottesmutter Maria.
Fe-Medienverlag
ISBN: 978-3-86357-013-2
Preisinfo: 13,20 Euro