Sonntag 11. Januar 2026
Artikel aus dem Archiv

Hirtenbrief und Dialog

(19.05.2011) Der Kirchenhistoriker und Redemptoristenpater Martin Leitgöb sieht im Hirtenbrief von Kardinal Schönborn eine Fortsetzung kirchlicher Tradition, zugleich würden aber neue zukunftsweisende Akzente gesetzt.

Im 18. Jahrhundert habe sich im deutschsprachigen Raum die Tradition eines Fastenhirtenbriefs entwickelt, erklärt der Redemptorist und Kirchenhistoriker Pater Martin Leitgöb. "Der jüngste Hirtenbrief von Kardinal Schönborn signalisiert mit dem Datum seiner Verlesung österliche Dynamik und vorpfingstliche Hoffnung", so Pater Leitgöb weiter. Die Verlesung am "Guten-Hirten-Sonntag" zeige, dass sich der Verfasser seiner Hirtenaufgabe für die ihm anvertraute Erzdiözese bewusst sei und er bereit sei, diese Aufgabe tatkräftig in Anspruch zu nehmen.

 

Jahrhundertelange Tradition

Die Praxis des Hirtenbriefschreibens habe sich im Laufe der Jahrhunderte immer wieder verändert. Hirtenbriefe, wie sie heute bekannt seien, gebe es seit dem Konzil von Trient (1545-1563). Damals wurde den Bischöfen die Hirtenaufgabe neu eingeschärft und der nicht lang zuvor erfundene Buchdruck machte eine weite Verbreitung möglich. Im 18. Jahrhundert hatten die Hirtenbriefe oftmals den Charakter von "Pastoralinstruktionen" und im 19. Jahrhundert von "Lehr- und Mahnschreiben" in Angelegenheiten der Sitte, des Glaubens, der Frömmigkeit. Im 20. Jahrhundert waren Hirtenbriefe zur Zeit des Nationalsozialismus auch ein Mittel des Protestes. In den letzten Jahrzehnten habe die Tradition des Hirtenbriefs wieder an Bedeutung verloren, so Pater Leitgöb. Gerade vor diesem Hintergrund sei der Hirtenbrief von Kardinal Christoph Schönborn bemerkenswert.

 

Wichtige Anliegen der Kirchenreform

"Der Hirtenbrief von Kardinal Schönborn ist wichtigen Anliegen der Kirchenreform gewidmet: dem Miteinander-Kirche-Seins, dem Aufbaus und der Stärkung christlicher Gemeinden, der Zukunftsfähigkeit der Katholischen Kirche in der Erzdiözese Wien und nicht zuletzt der Mission vor Ort in dieser Erzdiözese", sagt Pater Martin Leitgöb. Es gehe um einen Entwicklungsweg der Erzdiözese Wien, der mit dem Hirtenbrief in großer Transparenz voran gebracht werden solle. Gegenüber der bisherigen Hirtenbrieftradition sei die Themenstellung eine Neuheit, die sich allerdings bereits am Hirtenbrief von Kardinal Schönborn zur Eröffnung des Prozesses APG 2010 im Jahre 2009 gezeigt habe.

 

Keine "Einbahnkommunikation"

Ein weiterer bedeutender Punkt ist für Pater Leitgöb die Tatsache, dass der Hirtenbrief in einer Kurzform zum Verlesen und in einer Langform für das Studium und die gemeinsame Reflexion veröffentlicht wurde. Weiters gebe es die Einladung, Rückmeldungen zum Hirtenbrief auf der Homepage von APG 2010 abzugeben. "Das Medium 'Hirtenbrief' wird mit dieser Einladung von Kardinal Schönborn methodisch in markanter Weise neu interpretiert. Ein solcher Hirtenbrief ist nicht der Ausdruck von 'Einbahnkommunikation' zwischen einem Bischof und seinen Diözesanen, sondern von einem dialogischen Kirchenverständnis geprägt", erklärt Pater Leitgöb.

Kardinal Schönborn spreche die während der Diözesanversammlungen gemachten Erfahrungen mit dem offenen Mikrophon ausdrücklich an und schildere in der Langfassung ausführlich seine eigenen Erfahrungen. "Dies signalisiert, dass er sich als einen wahrnehmenden und zuhörenden Hirten versteht und dass er solcherart Wahrnehmung und Zuhören zu den wichtigsten Komponenten in seinem eigenen bischöflichen Selbstverständnis zählt", so Pater Leitgöb.

Dialogangebot annehmen

Anzumerken sei auch die allgemein verständliche Sprache, in der der Hirtenbrief verfasst ist. Kardinal Schönborn sehe sich auf gleicher Augenhöhe wie die Leser des Briefes, erklärt Pater Leitgöb. Auch die Präsentation des Hirtenbriefs als Broschüre sei in der Tradition der Kirche ziemlich neu. "Es ist zu hoffen, dass das Dialogangebot des Kardinals auf den verschiedensten Ebenen und in den verschiedensten Bereichen der Erzdiözese nun tatsächlich wahrgenommen wird und dass es damit gelingt, die Apostelgeschichte für die heutige Situation der Kirche in gemeinsamer Verantwortung weiterzuschreiben", wünscht sich Pater Martin Leitgöb.

Weitere Artikel:
Gottesdienste
Finden Sie Gottesdienste in Ihrer Umgebung
ERZDIÖZESE WIEN
Wollzeile 2
1010 Wien
Tel.: +43 1 51552 - 0

anliegen@edw.or.at

Impressum
Datenschutzerklärung
Barrierefreiheitserklärung
Cookie-Einstellungen
https://www.erzdioezese-wien.at/
Darstellung: Desktop - Mobil