Samstag 10. Januar 2026
Artikel aus dem Archiv

"Den Faden nicht abreißen lassen"

(12.01.2011) Trotz der vielen Menschen, die 2010 aus der römisch-katholischen Kirche ausgetreten sind, gibt es auch eine Tendenz zum Wiedereintritt.

Im Jahr 2010 verzeichnet die Erzdiözese Wien 922 Neueintritt oder Wiedereintritte in die römisch-katholische Kirche. Ein behutsamer Prozess mit einem Brief von Kardinal Christoph Schönborn an die Ausgetretenen, einer eigenen Kontaktstelle, aber auch durch persönliche Kontaktnahme mit Priestern führt oft zur Rückkehr in die Kirche.

 

Brief des Wiener Erzbischofs

Seit dem Amtsantritt des Wiener Erzbischofs Christoph Schönborn 1995 erhält jeder, der seinen Austritt aus der Kirche erklärt, einen Brief des Kardinals. Darin wird der Ausgetretene einerseits gebeten, Motive für diesen Schritt zu benennen, andererseits wird das sehr konkrete Angebot der Weiterführung des Gesprächs formuliert. "Auf diese Briefe gibt es einen hohen Rückfluss", bestätigt der Leiter des Amtes für Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation der Erzdiözese Wien, Erich Leitenberger. Es sei immer interessant zu sehen, dass oft "sehr konkrete Probleme als Motiv des Austritts benannt werden", so Leitenberger. Diese reichen von "Ärger oder Unbehagen über kirchliches Personal im weitesten Sinne, bis hin zu oft sehr tiefgehenden Fragen des Glaubens, zum Beispiel wie es möglich sei, das Gott Leid zulassen könne."

 

Eine noch unveröffentlichte Studie des Wiener Pastoraltheologen Paul Michael Zulehner zeigt, das unter den Personen, die innerhalb eines Jahres ihren Austritt aus der römisch-katholischen Kirche erklären 44 Prozent unter bestimmten Umständen ernsthaft daran denken, in die Kirche zurückzukehren. Hier setze die Erzdiözese Wien an, so Erich Leitenberger. Es gehe um die Bemühung mit den aus der Kirche Ausgetretenen, in einem Gespräch oder Dialog zu bleiben. Dies zeige immer wieder sehr positive Ergebnisse.

 

Es ist ein sehr behutsamer Prozess, in dem es darum geht, die Entscheidungen von Menschen zu akzeptieren. Kardinal Christoph Schönborn brachte es in seiner aktuellen Stellungnahme zu den Austrittszahlen von 2010 zum Ausdruck: "Die Entscheidung eines Menschen, die Kirche als Gemeinschaft der getauften und gefirmten Christen zu verlassen, ist zu respektieren, aber deswegen ist die Geschichte Gottes mit diesem Menschen und umgekehrt nicht zu Ende."

Die Gründe für den Kirchenaustritt seien "unterschiedlicher Natur", erläutert Erich Leitenberger, was aus den Rückläufen der Briefe abzulesen ist. "Sie sind so vielfältig wie das Leben selbst, es gibt kein Generalmodell." Es gehe immer darum, den Einzelnen hochzuschätzen, seine Fragen und Probleme zu akzeptieren und zu versuchen im Gespräch zu bleiben. Der Kirchenbeitrag stelle nicht die Ursache dar, könne aber der letzte Anstoß zum Austritt sein, erläutert Erich Leitenberger.

 

Kontaktstelle für Ausgetretene

Der Wiedereintritt in die römisch-katholische Kirche wird üblicherweise über die Wohnsitzpfarre angebahnt. Wenn dies aus persönlichen Gründen nicht möglich ist, dann gibt es auch die Möglichkeit über zentrale Personen, wie zum Beispiel den Wiener Weihbischof Franz Scharl oder Dompfarrer Anton Faber, denen es immer wieder gelingt viele Menschen in die Kirche zurück zu begleiten.

Zentrale Adresse ist die Kontaktstelle für Ausgetretene, die von Christine Mitter geleitet wird. Oft rufen dort Ausgetretene an und suchen Kontakt. "Es geht immer darum, dass der Faden nicht abreißt", schildert Erich Leitenberger. Anfang des Folgemonats - nach Erklärung des Austritts bei einer staatlichen Stelle - erhält der Ausgetretene den Brief von Kardinal Schönborn. Ab diesem Zeitpunkt gilt eine dreimonatige Widerrufspflicht. In diesem Zeitraum gilt sein Religionsbekenntnis "in Schwebe", erläutert Christine Mitter. Mit einem einfachen Formular besteht die Möglichkeit den Austritt rückgängig zu machen. Der Betreffende gilt dann als "nie ausgetreten". Nach Ablauf dieser Frist muß jeder Ausgetretene, der in die Kirche wieder eintreten möchte, sich an einen Priester wenden.

Knapp 1 Prozent der Ausgetretenen widerrufen ihren Schritt, 2010 waren es 188 Menschen. "Reden hilft auf jeden Fall, zuhören ist das Wichtigste", schildert Christine Mitter ihre Erfahrungen. Die meisten Gründe für einen Wiedereintritt sind: Annäherung an den Glauben, Menschen möchten wieder zur Glaubensgemeinschaft der Christen gehören, manchmal auch ein konkretes Ereignis wie Hochzeit oder Taufpatenschaft. Die Kontaktstelle für Ausgetretene ist unter der Telefonnummer 0800 99 91 34 oder per E-Mail anliegen@edw.or.at erreichbar.

 

Wiedereintritt durch Begegnung und Begleitung

Der Dompfarrer von St. Stephan, Anton Faber, begleitet jährlich 50 bis 60 Menschen beim Wiedereintritt in die Kirche. Aus seinen Erfahrungen schildert Faber, dass es eine "Chance vor dem guten Hintergrund des Stephansdoms" gäbe. Der Dom sei über Konfessionsgrenzen hinweg ein identifizierbares Mahnmal und leuchtkräftiges Zeichen der Identität von Wien.

Die Menschen würden ihm zutrauen, so Dompfarrer Faber, dass er sie nicht moralisch verurteile, "wo immer sie auch stehen". Dies sei ein sehr jesuanischer Zugang zu den Menschen. Fabers Anliegen ist, den Menschen zu zeigen: "Du bist mit all deinen Fehlern und Sehnsüchten, Wünschen und Träumen willkommen und wir arbeiten beide daran, dass wir Stück für Stück davon umsetzen."

Der Erfolg bestätigt die Bemühungen des Wiener Dompfarrers. Mehrmalige Treffen führen am Ende zum Wiedereintritt der Menschen in die römisch-katholische Kirche: "Es geht darum die persönliche Glaubensgeschichte weiterzuschreiben, die Zeiten der Distanz kannte. Diese Menschen haben Gott nicht verloren. Sie erkennen den Mehrwert der Kirche, den Mehrwert der Solidaritätsgemeinschaft mit jenen, denen es nicht so gut geht."

 

Für die Eingetretenen gäbe es den Mehrwert, dass sie sich in einem spirituellen Netz gehalten fühlen. "Für mich als Seelsorger ist das ein großes Geschenk", freut sich Dompfarrer Faber.

Gottesdienste
Finden Sie Gottesdienste in Ihrer Umgebung
ERZDIÖZESE WIEN
Wollzeile 2
1010 Wien
Tel.: +43 1 51552 - 0

anliegen@edw.or.at

Impressum
Datenschutzerklärung
Barrierefreiheitserklärung
Cookie-Einstellungen
https://www.erzdioezese-wien.at/
Darstellung: Desktop - Mobil