Univ.-Prof. Ingeborg Gabriel über die anhaltende Wirtschaftskrise, die Folgen der Krise für Österreich, die notwendige Nachhaltigkeit und die sozialen Aussagen von Papst Franziskus.
Welche Antworten hat die Katholische Soziallehre auf die seit 2008 anhaltende Weltwirtschaftskrise?
Gabriel: In der jetzigen Situation geht es zuerst darum, die richtigen Fragen zu stellen, um tragfähige Lösungen zu finden, die global gerechtere Verhältnisse schafft. Eine liberale Marktwirtschaft ruht auf einem Sockel von moralischen Tugenden auf (das zeigt nicht zuletzt die gegenwärtige Skandalflut) und der Markt kann nicht aus sich heraus soziale Gerechtigkeit schaffen. Dazu braucht es zwischenmenschliche Solidarität und ausgleichende Maßnahmen der politischen Gemeinschaft. Das hat in der sozialen Marktwirtschaft bei uns lange ganz gut funktioniert.
Aber in einer globalisierten Weltwirtschaft ist die öko-soziale Marktwirtschaft in Gefahr, ausgehöhlt zu werden. Dazu kommen das riesige Übergewicht des Finanzsektors, den zu regeln bisher nur begrenzt gelungen ist und Fragen ökologischer Gerechtigkeit. Unter schlechten Umweltbedingungen, Klimawandel etc. leiden alle, am meisten aber die sozial Schwachen. Es braucht also globale Regelwerke auch in allen diesen Bereichen.
Was sind die Grundpfeiler einer nachhaltigen und gerechten Wirtschaftsordnung?
Gabriel: Solidarität mit den Mitmenschen sowie ein sparsamer und achtsamer Umgang mit den begrenzten natürlichen Ressourcen. Beides liegt in unserer aller Verantwortung. Materielle Güter sind dazu da, um Leben für alle zu ermöglichen. Eine Wirtschaftsordnung ist daran zu messen, wieweit das in ihr gelingt.
Was sind die sozialen Folgen der Krise unmittelbar in Österreich?
Gabriel: Die Armut nimmt zu – bisher nur an den Rändern. Die Arbeitslosigkeit steigt, wenn sie auch noch nicht beängstigend hoch ist. Das ist in anderen europäischen Ländern, wie Spanien oder Griechenland, der Fall. Finanzdebakel (s. Hypo-Alpe-Adria) lassen befürchten, dass die sozial Schwachen noch stärker an den Rand geraten, da irgendwo gespart werden muss.
Was bedeuten die sozialen Aussagen von Papst Franziskus für die Gesellschaft und die Kirche?
Gabriel: Papst Franziskus setzt starke soziale Akzente. Er nimmt sich kein Blatt vor den Mund, um aufzurütteln und menschenunwürdige Verhältnisse, wo immer sie existieren, anzuprangern. Und das gelingt ihm auch, vor allem im lesenswerten Apostolischen Schreiben „Evangelii gaudium“ vom November. Ich finde das sehr positiv. Es zeigt, dass es in unseren Gesellschaften moralisches Potential gibt. Menschen sind bereit, ihre Gleichgültigkeit zu hinterfragen. Ihn in das Schema Marktwirtschaft gegen Planwirtschaft einzuholen, wird seiner prophetischen Botschaft schlicht nicht gerecht und ist zudem überholt.
Es geht darum, in einer Welt mit beachtlichem Reichtum und Vermögen, in der ca. 1 Milliarde in menschenunwürdigen Verhältnissen vegetieren, eine Globalisierung der Gerechtigkeit laut und hörbar einzumahnen. Das ist eine zentrale Aufgabe der Kirche in der Nachfolge Jesu und damit ihres Oberhauptes. Seine existentiell-gesellschaftskritische Botschaft sollte uns nachdenklich machen. So heißt es am Anfang von „Evangelii gaudium“: „Die große Gefahr der Welt von heute mit ihren vielfältigen und erdrückenden Konsumangebot ist eine individualistische Traurigkeit, die aus einem bequemen und begehrlichen Herzen hervorgeht...“ (EG 2).
Anders gesagt: eine unsolidarische Gesellschaft, in der die einen viel und die anderen zu wenig haben, schadet letztlich allen – in Österreich, in Europa und weltweit. Und sie macht taub für die Stimme Gottes, so der Papst weiter. Freude und gesellschaftliche Harmonie entstehen hingegen durch Großzügigkeit und Teilen. Es ist die Aufgabe der Kirche, das klar und deutlich zu sagen.
Interview: Stefan Kronthaler