„Wer bei uns eintritt, der muss damit rechnen, dass er unter den Menschen sein wird. Wir sind ein lebendiger Konvent, die Begegnung von Mensch zu Mensch soll die Suche nach Antworten auf die letzten Fragen ermöglichen“, betonte Propst Bernhard Backovsky CanReg bei einer Podiumsdiskussion anlässlich des Auftakts der 900-Jahr-Feiern des Augustiner-Chorherrenstifts Klosterneuburg am 10. Jänner im Augustinus-Saal des Stiftes. Backovsky: „Das Jammern bringt nichts. Gehen wir mit Optimismus und Pioniergeist an die Arbeit im Heute.“
Für NÖ-Landeshauptmann Erwin Pröll stehen die Stifte Niederösterreichs für „Beständigkeit in einer unbeständigen Welt, für Orientierung“ und sie sind für Pröll neben den kulturellen Leistungen „Oasen der Selbstfindung des Menschen“. Die Stifte stünden auch „für ein klares Bekenntnis zum christlichen Glauben“, sagte Pröll. Er hoffe, „dass auch die europäische Architektur nach christlichen Grundsätzen weitergebaut werde“.
Propst Maximilian Fürnsinn (Herzogenburg) erinnerte, „dass 65 Prozent aller denkmalgeschützten Gebäude in Österreich kirchliche Gebäude“ sind, deren Erhaltung großteils von der Kirche getragen werde. Ordenspfarren, -schulen und -spitäler fänden großen Zuspruch. Klöster seien „Orte des Gesprächs und der Begegnung“. Fürnsinn sieht in den Gelübden klösterlichen Lebens auch eine Anfrage an die Gesellschaft nach Verbindlichkeit und Treue. Stiften werden künftig „noch mehr Zentren der Pastoral sein“, sagte Fürnsinn: „Das Kloster, das Stift ist ein Freiraum für Gott und die Menschen.“
Für Christian Konrad, ehemaliger Generalanwalt des Österreichischen Raiffeisenverbandes, sind die Stifte „für Land und Gesellschaft unverzichtbar“. Er erinnerte an die wirtschaftliche Bedeutung – „Ethik und Wirtschaft sind bei den Stiften kein Gegensatz“ – und an die größere Selbständigkeit im Gesamt der Kirche. Konrad: „Seid ein Stachel im Fleisch der Kirche.“ Konrad hofft, „dass junge Menschen überzeugt werden können, dass die Lebensform attraktiv ist“. Bei der Auswahl der Kandidaten erhofft er „eine gute Hand“ seitens der Verantwortlichen.
Die historische Pionierleistung der Stifte im Versicherungswesen hob Generaldirektor Günter Geyer, Vorstandsvorsitzender der 1824 gegründeten „Wiener Städtischen Versicherung“ hervor. So fungierte bis 1923 ein Abt als Generaldirektor der Versicherung. Geyer erhofft sich von den Stiften „seelische Wellness“.
Für den Sozialphilosophen Norbert Leser repräsentieren die Stifte etwa anhand der Abtwahl das demokratische Element in der Kirche. Leser hob auch die „Erneuerungsfähigkeit“ der Stifte hervor, sie böten „eine Rückzugsmöglichkeit“ verbunden mit „Besinnung auf die bleibenden Werte“. Klöster und Stifte würden auch „Solidarität und Subsidiarität“ leben.
Die Historikerin Elisabeth Vavra (Universität Salzburg) sieht eine „Erfolgsgeschichte des Lebensmodells Stift“. Die Stifte seien Auftraggeber für Künstler und ein „Ort der Stabilität“. Die Stifte könnten auch „ein guter Ort für den Dialog mit den anderen Religionen, etwa dem Islam“ werden.
An die „unglaubliche Pionierarbeit der Stifte“ erinnerte der Schriftsteller Alfred Komarek. „Auch heute gibt es Leer- und Freiräume“, betonte Komarek: „Die Stifte müssen wieder als Kreative tätig werden.“
Das Stift Klosterneuburg wurde 1114 gegründet, es ist eine religiöse und soziale Institution und besitzt das älteste Weingut Österreichs. Informationen zum Jubiläumsjahr: www.stift-klosterneuburg.at
Stefan Kronthaler