Annemarie Fenzl war fast fünf Jahrzehnte im Wiener Diözesanarchiv tätig. Zunächst als Mitarbeiterin, später als Leiterin. Im „Sonntag“-Interview gibt sie einen Rückblick und schaut auch ein wenig in die Zukunft.
Wann kamen Sie ins Diözesanarchiv?
Annemarie Fenzl: Ich kam am 1. August 1965 ins Haus. Ich muss sehr dankbar sein, weil es fast unglaublich ist, dass man eine so lange Zeit an ein- und demselben Platz verbringen darf. Ich bin schon mit 20 Jahren als Studentin hierher gekommen. Meine damalige Chefin Dr. Peters, ein Englisches Fräulein, war ganz allein. Sie war sehr froh, dass sich mich bekommen hat. Wir haben uns nach kurzer Zeit gut verstanden, waren dann eigentlich befreundet. Die erste Zeit habe ich halbtags gearbeitet, daneben meine Dissertation fertiggemacht, wie es sich gehört ein Thema aus dem Haus: „Die Bibliothek des Wiener Bischofs Dr. Johann Caspar Neubeck".
Ich bekam dann immer mehr Aufgaben und wurde immer stärker mit dem Archiv vertraut. Um so länger man da ist, desto besser lernt man die Bestände kennen. Auch das Verständnis für die Kirchengeschichte, die ein Teil der allgemeinen Geschichte ist. Da meine Chefin krankheitshalber mehr oder weniger weggegangen ist, in den 70er Jahren, etwa um 1975, habe ich das Archiv übernommen und habe es fast 30 Jahre lang geführt. Es war damals schon eine Herausforderung. Ich hatte keine wirklichen Mitarbeiter, wie ich mir das vorgestellt habe. Ich konnte mir alles dann aufbauen, durfte mir Mitarbeiter dann selber suchen, die heute zum Teil noch da sind. Ich habe in meiner Zeit hier am Stephansplatz insgesamt drei Kardinäle, einen Erzbischof (Franz Jachym), zehn Weihbischöfe, acht Generalvikare erlebt.
Seit wann sind Sie nun offiziell in Pension?
Fenzl: Seit Oktober 2013. Eigentlich hätte ich früher in Pension gehen können, es gab noch etwas, was abgerundet werden sollte. Wir wollen nämlich das Archiv ausbauen. Es ist heute im obersten Geschoß des Mitteltraktes des Erzbischöflichen Palais beheimatet. Wie einer weibliche Version von Moses, der vom Berg Nebo ins Gelobte Land schauen durfte, ist es mir noch vergönnt, dass ich in die tiefen Keller des Palais hineinschauen darf. Dort werden wir einen Neubau unseres Archivs bekommen. Das wird nun die Aufgabe meines Nachfolgers Dr. Johann Weißensteiner sein. Er ist maßgeschneidert dafür, denn er denkt schon nach, wie man umbaut und wo man wieviel unterbringen kann.
Welche Aufgaben hat ein Diözesanarchiv?
Fenzl: Ich betone immer, dass ein Archiv drei Aufgaben hat. Erstens: Es gibt Personen, die etwas Schönes sehen möchten, wie Urkunden etc. Zweitens suchen Studenten oder Pensionisten das Archiv auf, weil sie eine Uni-Arbeit oder Pfarrgeschichte schreiben wollen. Und drittens sind Archive Hüter der Wahrheit. Ich bringe immer das Beispiel aus George Orwells „1984". Da gibt es diesen Winston, der einen Job im Wahrheitsministerium hat und dessen Aufgabe darin besteht, wenn der große Bruder irgendetwas gemacht hat, er die Zeitungen ausschnipseln und eine neue Wahrheit machen muss. Das Alte verschwindet im „Wahrheitsloch". Wir müssen aufpassen, dass die Dinge, die gewesen sind, einfach so bleiben, wie sie sind. Auch das Schlechte, auch das Böse. Es hat einen Grund, dass es eine 50-jährige Archivsperre gibt. Später kann es sein, dass man Dinge anders beurteilt, als man sie heute beurteilt hat – nicht alle, aber manche.
Welche Dokumente werden archiviert?
Fenzl: Gewisse Dinge muss man aufheben und für mich stellt sich immer die Frage: Dass wir die Bistumsurkunde aufbewahren ist klar, dass wir die Urkunden von Rudolf dem Stifter oder irgendeinen Akt von Kardinal Rauscher aus dem 19. Jahrhundert aufheben, ist auch selbstverständlich. Aber wann wird ein Akt jetzt nicht mehr wichtig? Wir haben immer an der Universität gelernt und das meine ich jetzt ganz ernst: Das ganze Schriftgut muss man so behandeln, wie wenn wir auf einem Standpunkt 500 Jahre später wären. Wir können gar nicht beurteilen, was wichtig ist oder nicht. Denn in 500 Jahren wird vielleicht einer kommen, und dieser hat einen anderen Blick, dadurch ist die Bewertung sehr schwierig. Als Archivar ist man schon angehalten, lieber ein Ding mehr aufzuheben als wegzuwerfen.
Wie das mit dem papierlosen Büro begonnen hat, hat man gesagt: Der Computer spart Papier. Das stimmt aber nicht, er produziert Unmengen von Papier. Es taucht folgendes Problem auf: Es gibt viele Gremien in der Erzdiözese Wien, hier sitzen meistens dieselben Personen drinnen. Ist eine Sitzung beendet, wird ein Protokoll versandt. Theoretisch denke ich jetzt, dass wirklich nicht mehr gedruckt wird, aber jedoch drucken sich viele die Dokumente heimlich, still und leise aus. In dem Moment, in dem ein Protokoll beschrieben wird, stenographisch etc., ist es nicht mehr ein Protokoll, sondern ein Akt. Man kann es nicht mehr als bloßes Protokoll behandeln.
Es gibt ein eigenes Kardinal-König-Archiv. Warum?
Fenzl: Wenn man die Geschichte und die Akten der Wiener Bischöfe betrachtet, dann sage ich immer: Vom ersten Kardinal Khlesl haben wir zwei Archivschachteln. Erster Erzbischof von Wien war Kollonitz. Da gibt es 7 oder 8 Schachteln. Nächster Sprung: Kardinal Rauscher, 19. Jahrhundert, Kardinal des I. Vatikanums und des Konkordats. Von ihm haben wir 25 Schachteln, von Kardinal Innitzer 50 bis 60 Schachteln.
Von Kardinal König gibt es 2.000 Archivschachteln in zwei Etagen. Er war 29 Jahre lang Erzbischof, er war fast 15 Jahre Kurienbischof als Leiter des Sekretariats für die Nichtglaubenden. Dass es ein Kardinal-König-Archiv gibt, verdanke ich Kardinal Schönborn. Es war seine Idee. Wir haben dann diesen Raum gefunden, der vorher eine Rumpelkammer war. Ich denke, das Kardinal-König-Archiv haltet die Erinnerung an einen Menschen wach, der zeit seines Lebens sich immer um das Gemeinsame, das Zusammenführen bemüht hat. Für ihn war der Dialog das Wichtigste. Als Kirche dürfen wir nicht das Bild eines zerstrittenen Haufens abgeben. Wenn wir ineinander zerstritten sind, was geben wir für ein Bild nach außen ab? Ich glaube, dass das ein guter Geist ist.
Der Raum ist fast schade für nur ein Archiv. Deshalb habe ich mich auch bemüht, dass ein kleiner Konferenztisch Platz gefunden hat. Hier kommen Menschen zusammen, die im Geist von Dialog und Versöhnung zu sprechen bereit sind.
Wie lange werden sie dieses Archiv ehrenamtlich leiten?
Fenzl: Da müssen wir den lieben Gott fragen. Solange mein Hirn funktioniert, solange es mir Freude macht. Von den 2.000 Archivschachteln sind 400 noch nicht präsentabel, weil Kardinal König sehr viel bei sich in der Wohnung hatte. Man darf nicht vergessen, er ist fast 100 Jahre alt geworden. Beim Konzilsnachlass fällt mir das immer auf. Es gibt alleine 35 Schachteln davon. Es gibt hier noch viel Nacharbeit. Ich hoffe, dass mich der liebe Gott noch 10 Jahre arbeiten lässt. Ich möchte in der ewigen Seligkeit, falls ich auch in die Nähe dieses Ortes komme, wo ich denke, dass Kardinal König ist, ihm nicht gegenübertreten und ihm nicht sagen müssen: „Dein Nachlass ist noch nicht ganz in Ordnung.“
Interview: Markus Langer