Die Entwicklung der Diözese als geistlicher Prozess und die Begeisterung der Ehrenamtlichen: Bischofsvikar P. Dariusz Schutzki CR über den Reformprozess im Vikariat Wien-Stadt.
Herr Bischofsvikar, warum ist es Ihnen so wichtig, dass der diözesane Entwicklungsprozess ein geistlicher Prozess ist und bleibt?
Schutzki: Er möge ein geistlicher Prozess sein und bleiben, weil mir die Verkündigung und die Freude am Glauben wichtig sind: In Freude begegnen, in Freude stärken, in Freude Jesus Christus verkünden. Wie jetzt auch Papst Franziskus sein Apostolisches Schreiben genannt hat: „Evangelii gaudium“ – „Die Freude des Evangeliums“. Der diözesane Entwicklungsprozess ist ein geistlicher Prozess: Wenn wir einander begegnen, wenn wir einander vom Glauben erzählen, dann kommt Freude ins Spiel. Dann haben wir Lust, einander von Jesus Christus zu erzählen. Wenn die anderen dies hören, dann kriegen sie diese Freude mit. Natürlich ist es notwendig, sich auch über die Strukturen zu unterhalten. Primär müssen wir uns aber austauschen, einander kennenlernen.
Im Rahmen der Reformen gibt es unterschiedliche Geschwindigkeiten im Vikariat. Das eine Dekanat ist oft weiter als das andere. Warum?
Schutzki: Das hängt von mehreren Faktoren ab. In manchen Dekanaten haben sich die Pfarrer mit den „Leitlinien“ sofort nach deren Veröffentlichung beschäftigt. Viele haben sich in einem ehrlichen Dialog damit auseinandergesetzt: Wir müssen darüber reden. Jetzt muss etwas geschehen aufgrund der vielen Anlässe, die heute gegeben sind – demographische Entwicklung, weniger Personal, große Baulast. In anderen Dekanaten wurde das Ganze sehr ambivalent aufgenommen, es wurde wenig darüber gesprochen. Das spiegelt sich jetzt ein wenig in diesen unterschiedlichen Geschwindigkeiten im Vikariat. Das Schöne heute ist allerdings, dass sich die Menschen miteinander austauschen, mit den Nachbarpfarren, über ihre Sorgen, aber auch über ihre Freuden.
Die Pastoraltheologin Regina Polak warnte beim PGR-Tag am 23. 11. vor einer „Selbstausbeutung“ der engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Ist diese Warnung berechtigt?
Schutzki: Wir müssen bei unseren Überlegungen auf sehr breiter Basis mit den Menschen ins Gespräch kommen. Wir müssen uns auch bewusst sein, dass viele ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in unseren Pfarren und Gemeinden sehr engagiert sind. Ihnen gebührt eine große Anerkennung. Wenn das ein Prozess der Verkündigung, ein geistlicher Prozess ist, dann wird das nicht eine Ausbeutung, sondern eine Bereicherung. Eine spirituelle Ausrichtung bringt neue Kraft, bringt einen neuen Aufbruch. Die Ausbeutung kommt dann ins Spiel, wenn der Sinn verlorengegangen ist. Wofür machen wir das? Wenn der starke missionarische Geist drinnen ist, dann gibt es einen Ruck nach vorn. Das spüre ich in vielen Dekanaten, diesen Geist des Aufbruchs: Reden wir nicht so viel , tun wir etwas!
Aufgefallen ist dieser Geist des Aufbruchs beim PGR-Tag, nämlich die große Bereitschaft der Frauen und Männer, im Vikariat am Reformprozess mitzuarbeiten. Sehen Sie auch diese Begeisterung?
Schutzki: Absolut, ich sehe diese Aufbruchsstimmung. Ich plädiere aber auch dafür, über diesen Aufbruch mehr zu erzählen. In vielen Gemeinden gibt es so viele Schätze, es gibt so vieles zu entdecken, so viel wertzuschätzen, was sich da alles tut. Reden wir drüber, schauen wir über die Grenzen unserer Pfarren. Eine große Bereicherung ist es auch, dass wir in Gesprächen sind mit den Orden und Säkularinstituten. Da sind so viele Charismen, da ist so viel Kraft. Wir sind seit geraumer Zeit im Gespräch – mit den Dechanten, mit den Ordensfrauen und -männern und den Mitgliedern der Säkularinstitute. Ich möchte diese Menschen mit ihrer Kraft, ihren Stärken mitnehmen auf diesen Weg. Nur dann, wenn dieser partizipative Geist – dass wir alle Träger der Mission und der Verkündigung sind aufgrund der Taufe und Firmung – dabei ist, nur dann gelingt der Prozess.
Interview: Stefan Kronthaler