Mit einem einzigen Webstuhl hat 1983 in der „Webstube und Kreativwerkstatt“ der St. Elisabeth-Stiftung der Erzdiözese Wien alles begonnen. 2.513 Frauen haben hier seither einen Arbeitsplatz gefunden, haben wieder Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten entwickelt und das Leben wieder lieben gelernt.
Konzentrierte Stille herrscht in der Webstube und Kreativwerkstatt in der Arbeitergasse, Wien 5. Gestern hat eine Kundin beim traditionellen Adventmarkt im Zwettlerhof am Stephansplatz alle kleinen Kerzerl mit Engeln gekauft. 100 Stück werden nun nachproduziert. Ab morgen soll es die Engerlkerzen wieder zu kaufen geben. „Das schaffen wir“, lacht Gerti Fuchs, die Leiterin der Webstube und Kreativwerkstatt.
Mit einem einzigen Webstuhl hat 1983 alles begonnen. 1973 wurde – als Reaktion auf die Einführung der Fristenregelung – der „Diözesane Hilfsfonds für Schwangere in Not“ von Kardinal Franz König ins Leben gerufen, der schwangere Frauen in Not unterstützen und begleiten und ihnen das Ja zum Kind damit erleichtern bzw. ermöglichen sollte. Die Webstube und Kreativwerkstatt wurde ein paar Jahre später als Teil des Vereins „Rat und Hilfe“ gegründet, der eng mit dem Diözesanen Hilfsfonds zusammenarbeitete. Schwangere Frauen und Frauen in Not lernten in der Webstube, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen.
Durch den klar strukturierten Arbeitsalltag wurden die Frauen auf einen Einstieg bzw. Wiedereinstieg ins Berufsleben vorbereitet. Das ist bis heute so. Seit Jänner 2010 sind der Verein „Rat und Hilfe“ und der Hilfsfonds in der St. Elisbeth-Stiftung der Erzdiözese Wien zusammengeführt. In Zusammenarbeit mit der hier nun ansässigen Familien-, Rechts- und Schwangerenberatungsstelle, der „aktion leben“ und der Caritas werden Frauen hier befristet angestellt und stellen unter fachkundiger Anleitung Handarbeiten her, die bei den Advent- und Ostermärkten, aber auch unterm Jahr in der Webstube oder in Pfarren verkauft werden.
Hier finden außerdem die Kreativkurse statt, bei denen Frauen durch das Team der Webstube fachlich angeleitet lernen, verschiedenste Handarbeiten herzustellen. „Die Frauen lernen damit hier, ihre Fähigkeiten und Begabungen zu erkennen, Eigenverantwortung zu übernehmen und Vereinbahrungen einzuhalten“, weiß Gerti Fuchs. Seit mehr als 20 Jahren arbeitet sie in der Webstube und Kreativwerkstatt, seit 1998 leitet sie die Webstube auch. Als Schneidermeisterin und Mode-Direktrice suchte sich nach dem Abschluss der Modeschule Herbststraße einen Beruf, der zu ihr passte. „In die Modebranche wollte ich nicht“, sagt sie: „das schien mir zu oberflächlich.“ Bei der Webstube und Kreativwerkstatt fand sie schließlich einen Job, bei dem sie ihre handwerkliche Ausbildung mit sozialem Engagement verbinden konnte. „Dass ich die Arbeitsstelle hier gefunden habe, war für mich eine himmlische Fügung“, sagt sie heute: „Wenn ich sehe, wie die Frauen sich hier verändern, wie sie sich öffnen, wie die Sorgen von ihnen wenigstens für kurze Zeit abfallen, wie sie sich an der gelungenen Arbeit freuen und beginnen, sich den Alltag wieder zuzutrauen, dann geht mir das Herz auf.“
2.513 Frauen konnte in der Webstube und Kreativwerkstatt seit ihrer Gründung bereits geholfen werden. „Die Webstube ist eines unserer Angebote, wo schwangere Frauen und Mütter in Not unter Betreuung im Rahmen einer Anstellung oder eines Kreativkurses ihr Selbstwertgefühl und ihre Chancen am Arbeitsmarkt vergrößern können“, bringt es Lukas Pohl, der Geschäftsführer der St. Elisabeth-Stiftung auf den Punkt. Ein weiterer Schwerpunkt der „Webstube und Kreativwerkstatt“ ist mittlerweile die Integration von Menschen mit Behinderung. Zwei gehörlose Frauen arbeiten dauerhaft in der Einrichtung und bringen ihre kreativen Talente ein.
Zählen kann die „Webstube und Kreativwerkstatt“ auch auf eine große Zahl von Ehrenamtlichen. „Sie bilden eine starke Lobby für jene Menschen, denen mit der Hilfe der St. Elisabeth-Stiftung Mut gemacht und Zuversicht geschenkt wird“, so Lukas Pohl: „Sie helfen uns, unsere Anliegen für schwangere Frauen und Mütter in Not nach außen zu tragen, treten in Pfarren und bei unseren Märkten mit vielen Menschen in Kontakt und sind eine unverzichtbare Stütze für die tägliche Arbeit."
Die „Produktpalette“ der „Webstube und Kreativwerkstatt“ kann sich dabei mehr als sehen lassen: es werden Wollteppiche gewebt und Seidentücher bemalt – beides übrigens auch auf Bestellung und ganz genau auf die individuellen Wünsche der Kundinnen und Kunden abgestimmt, es gibt Kerzen in allen Größen, Bibel- und Buchhüllen, Grußkarten, Kreuzsticharbeiten, Kekse und vieles mehr. Bis zum 20. Dezember sind all diese Dinge noch beim Adventmarkt im Zwettlerhof zu erwerben. Mit dem Erlös werden schwangere Frauen und Mütter in Not unterstützt.
Andrea Harringer
Nähere Information: www.elisabethstiftung.at