Bischof Gregor M. Hanke OSB (Diözese Eichstätt), Festredner beim kürzlich stattgefundenen Wiener Symposion über Liturgie, über die Tagzeitenliturgie und „50 Jahre Liturgiekonstitution" des Zweiten Vatikanischen Konzils.
Die Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils wünschte eine verstärkte Beteiligung der Gemeinden an der Tagzeitenliturgie (Laudes, Vesper). Geschieht das – 50 Jahre nach der Verabschiedung der Konstitution?
Hanke: Das geschieht da und dort, aber alles in allem geschieht es leider zu wenig. Man müsste noch einmal genau hinsehen, ob die vorliegende Form, die sicher für die Priester eine gelungene Form ist, geeignet ist als Tagzeitengebet der Gemeinde. Die alte Tradition des gemeindlichen Stundengebets war etwas anders aufgebaut – weniger Psalmodie, mehr Symbolik, Beteiligung des Volkes beim Gebet, beim Gesang. Da haben wir noch nicht das Optimum gefunden.
Steht das liturgische Gebet in Spannung zum persönlichen Gebet oder setzt es dieses sogar voraus?
Hanke: Es ist eine Wechselwirkung: Das liturgische Gebet befruchtet mein persönliches Gebet, das persönliche Gebet ist eine Voraussetzung für das liturgische Gebet. Jemand, der nicht persönlich betet, der wird auch mit der Liturgie wenig anfangen können.
Ist die Reform der Liturgie in den Pfarren angekommen? Was ist besonders gelungen? Welche Reichtümer liegen „brach“?
Hanke: Die Liturgiereform ist angekommen, aber wir haben uns in den letzten Jahrzehnten ganz stark auf die hl. Messe, auf die Eucharistiefeier gestützt und haben vom liturgischen Reichtum, den uns das Konzil wieder in Erinnerung gerufen hat, noch nicht alles umgesetzt, etwa das Stundengebet. Das Stundengebet gehört genauso zur Liturgie der Kirche, es ist Stimme der Kirche. Da haben wir noch Handlungsbedarf, dass wir die Breite und Vielfalt der Liturgie neu schätzen und verstehen lernen.
Braucht es eine verstärkte Besinnung auf die Kategorie des „Heiligen“ in der Liturgie?
Hanke: Diese Kategorie des Heiligen ist dem modernen Menschen vielfach fremd geworden, er kann oft nichts damit anfangen. Da müssen wir ihn hinführen durch Zeichen, durch Symbole, durch eine Bildersprache. Diese Kategorie des Heiligen ist ganz zentral für jemand, der Liturgie feiern, mitfeiern will. Ohne das Heilige zu ahnen, wird Liturgie eine Ansammlung von Handlungen und Rubriken bleiben.
Sind wir achtsam genug auf die „Heiligen Zeichen“ in der Feier der Liturgie?
Hanke: Da ist bei uns oft eine mangelnde Ehrfurcht zu spüren. Der moderne Mensch hat ein Stück weit die Ehrfurcht verloren. Ich erschrecke mitunter bei großen Gottesdiensten über die Art und Weise und die Praxis des Kommunionempfangs, wie unehrfürchtig wir Priester den Leib des Herrn austeilen und wie „selbstverständlich“ die Kommunion empfangen wird. Da muss ich an Paulus denken, der uns im Ersten Korintherbrief mahnt, doch zu begreifen, was wir empfangen und was wir tun. Hier sind große Defizite, gerade was die Ehrfurcht anlangt. Und wir müssen Schritte tun, dass wir die Menschen wieder zu einer Ehrfurcht, zu einer Achtsamkeit des Herzens hinführen. Ehrfurcht heißt ja, etwas wertschätzen. Wir haben die Wertschätzung verloren.
Wie kann in der liturgischen Feier die Spannung von „Einübung“ und „Spontaneität“ ausgehalten werden?
Hanke: Das kann man am grünen Tisch nicht so ohne weiteres abhandeln. Die Verantwortung für die Liturgiefeier besagt, dass ich bereit sein muss, mich zurückzunehmen. Die Liturgie lebt nicht in erster Linie von meiner Kreativität und von meiner Gestaltungskraft, sondern von der Transparenz, die ich als Priester oder als jemand, der eine sonstige liturgische Rolle wahrnimmt, bereitstellen, ermöglichen muss. D. h., ich muss durchlässig werden, damit sichtbar wird, dass Christus der eigentliche Handelnde ist.
Ich kann durch eine falsche Form der Kreativität oder auch durch eine falsche Steifheit den Blick auf Christus verstellen. Sicherlich gibt es eine Kreativität, die Ausdruck einer tiefen Frömmigkeit, einer Spiritualität ist, aber die hat innerhalb der Eucharistiefeier gerade nur an bestimmten Plätzen ihren Ort und nicht während der ganzen Eucharistiefeier. Denn es kann nur der Liturgie feiern, der auch eine Grund-Demut in sich trägt. Demut ist der Raum, in dem Gott ankommen kann, und für die Schwestern und Brüder.
Ist Schönheit im Gottesdienst Luxus oder zeichenhafte Teilhabe am Glanz von Gottes Herrlichkeit?
Hanke: Da sage ich ganz klar: Sie ist Abbild von Gottes Herrlichkeit, wenn das Ganze auch mit dem Herzen getragen ist. Man kann Schönheit auch museal aufziehen, da lebt dann nichts darunter. Aber wenn das Herz den Weg bereitet, wenn sich das Herz zu Gott erhebt („Sursum corda“ – „Erhebet die Herzen“), dann wird eine solche Liturgie automatisch auch nach Schönheit verlangen, nach Formen, an denen man Freude hat.
Interview: Stefan Kronthaler
Die – programmatische – Liturgiekonstitution „Sacrosanctum Concilium“ (SC) war vor 50 Jahren das erste Dokument, das beim Zweiten Vatikanischen Konzil beschlossen wurde. Genau 400 Jahre nach Beendigung des Konzils von Trient wurde der Text am 4. Dezember 1963 mit 2147 Stimmen und vier Gegenstimmen von den Konzilsvätern angenommen und von Papst Paul VI. approbiert. Das Dokument enthält die Grundlagen und Regeln für die Erneuerung der Liturgie, die während und nach dem Konzil erfolgte.