Welches „Marschgepäck“ die „Weg“- erprobten Frauen und Männer des Nord-Vikariats brauchen. Weihbischof und Bischofsvikar Stephan Turnovszky im Gespräch.
Herr Weihbischof, Sie haben bei acht PGR-Treffen im Weinviertel und Marchfeld Freuden und Sorgen der Pfarrgemeinderatsmitglieder gehört. Wo drückt den Menschen der Schuh?
Turnovszky: Bei den PGR-Treffen, bei denen meist Pfarrgemeinderäte aus zwei Dekanaten zusammengekommen sind, hatten wir die Gelegenheit, einander fundiert zu begegnen. Ich habe ein längeres Referat über den diözesanen Erneuerungsweg gehalten und dann die Teilnehmer eingeladen, in drei Kategorien Ängste, Bedenkenswertes und Hoffnungen auszudrücken.
Der Schuh drückt vor allem bei diesen Themen: „Wie können wir den Glauben an die Jugend weitergeben? Wie wird es weitergehen, wenn wir weniger Priester haben? Wie wird es weitergehen, wenn wir weniger Ressourcen haben? Wie sollen Ehrenamtliche Gemeindeleitung vor Ort wahrnehmen? Sind sie da nicht überfordert? Wird unsere Pfarre Pfarre bleiben oder werden Pfarren einmal aufgelöst werden? Wie wird es in 5, 10 oder 20 Jahren im Weinviertel und im Marchfeld realistisch ausschauen?“
Sie unterscheiden bei der Diözesanreform zwischen Gründen und Anlässen. Was sind die Gründe?
Turnovszky: Die Gründe sind das eigentlich Wesentliche. Ich nennen zwei. Der eine ist die starke Veränderung der Gesellschaft. Sie ist im Wandel und wird sich weiter ändern. Die Kirche hat die Aufgabe, den Menschen dieser Zeit die Frohe Botschaft zu bringen. Wenn sich die Menschen ändern, muss auch die Kirche die Art und Weise der Verkündigung, der Präsenz bei den Menschen, ändern.
D. h. Kirche muss mobiler werden, vielgestaltiger, verständlicher und auch neue Medien verwenden. Der zweite Grund ist das Verständnis vom gemeinsamen Priestertum aller Getauften und Gefirmten und des geweihten Amtspriesters. Durch das Zweite Vatikanische Konzil ausgelöst, verstehen wir immer tiefer, was es bedeutet, dass alle Getauften und Gefirmten einen wesentlichen Beitrag leisten zum Leben des Volkes Gottes. Vor allem dort, wo Getaufte und Gefirmte in der Welt (Schule, Beruf, Familie, Öffentlichkeit, Freundeskreise) leben, sind sie es, die Christus sichtbar machen. Sie haben auch in ihren Gemeinden, in den Pfarren wesentliche Aufgaben kraft ihrer Taufe und Firmung, die sich aber von den Aufgaben der geweihten Priester unterscheiden. Und es gilt: Keine Herden ohne Hirten, und keine Hirten ohne Herden!
Was sind dann die Anlässe für diesen geistlichen Prozess?
Turnovszky: Anlässe sind das Unmittelbare, das nicht so tief geht, aber zum Handeln zwingt. Ich nenne drei Anlässe: 1. Wir haben immer weniger Gläubige in den Gemeinden und in den Kirchen. Es gelingt uns nicht gut, den Glauben weiterzugeben.
2. Die Zahl der Priester nimmt ab. Wir haben zwar einen Priesternachwuchs, aber die Zahl der Priester wird in Zukunft geringer sein als in der Vergangenheit.
3. Wir werden in Zukunft weniger Finanzen zur Verfügung haben. Der Kirchenbeitrag ist rückläufig aufgrund der demographischen Entwicklung und der Anzahl der Kirchenaustritte.
Das sind die Anlässe, die uns zum Handeln zwingen. Ohne diese Anlässe würden wir uns wohl nicht die Mühe der Erneuerung machen, obwohl die vorliegenden Gründe sie auf jeden Fall rechtfertigen. Also könnten die unangenehmen Anlässe ja auch vom Heiligen Geist sein, nicht wahr?
Das Bild vom „Weg“ ist typisch für das Nord-Vikariat. Was brauchen die Menschen als „Marschgepäck“ auf diesem Weg der Reformen?
Turnovszky: Im Nord Vikariat gibt es seit vielen Jahren den Glaubens-, Pilger- und seit heuer auch den Bibelweg. Als Erstes gehört beim langen Marsch der Proviant dazu. Proviant für unseren geistlichen Weg sind die Bibel und die Eucharistie. Die vertiefte Auseinandersetzung mit der Heiligen Schrift wird uns Nahrung geben für diesen Weg, eine vertiefte Liebe zur Eucharistie genauso. Wenn man unterwegs ist, braucht man Wechselgewand und Regenschutz. Für unseren Weg heißt das Geduld, Ausdauer und die Bereitschaft, immer wieder aufeinander zuzugehen, voneinander zu lernen und sich dafür zu interessieren, welche abweichenden Meinungen es gibt.
Man braucht weiters eine Landkarte. Das ist auf unserem Weg ein Grundverständnis von dem, wo es hingeht: das, was unser Erzbischof in seinen Hirtenbriefen als diözesanen Erneuerungsweg skizziert hat. Und dann gehört auch ein Handy zum Marschgepäck: Es ist wichtig, dass man weiß, wo man um Hilfe anrufen kann. Es ist auch wichtig, dass man weiß, wo man Freunde erreichen kann, damit man nicht allein unterwegs ist.
Interview: Stefan Kronthaler