Die Novemberpogrome vom 9. auf den 10. November 1938 - von den Nationalsozialisten verharmlosend als „Reichskristallnacht“ bezeichnet - waren in Wien besonders schlimm. Hier wurde weit mehr als Glas jüdischer Geschäfte und Synagogen zerbrochen: 27 österreichische Juden wurden getötet, 6.500 verhaftet und in Konzentrationslager deportiert, die der Großteil nicht lebend wieder verließ.
Als Vorwand für die systematische Ausarbeitung und Propagierung der Pogrome nahm NS-Propagandaminister Joseph Goebbels das Attentat des 17-jährigen polnisch-jüdischen Jugendlichen Herszel Grynszpan auf Ernst von Rath, einen Angehörigen der deutschen Botschaft in Paris. Die Novemberprogrome waren nicht Folge eines „spontanen Volkszorns“, sondern bildeten den Auftakt einer massenhaften und systematischen Enteignung und Entrechtung von Juden, eine Entwicklung, die letztlich in den Holocaust mündete.
Der 1926 in Wien geborene Paul Back hatte das Glück, dass er mit seiner Mutter und dem Stiefvater nach Palästina im März 1939 auswandern konnte. Von seinem leiblichen Vater hat er, nachdem sie Österreich verlassen hatten, nie wieder etwas gehört und konnte auch nicht in Erfahrung bringen, wo dieser ermordet wurde.
Paul Back erinnert sich an das verhängnisvolle Jahr 1938: „Man lebte damals von wahren und erfundenen Gerüchten. Wenn jemand in einer bedrückenden Lage ist, wird auf alle Seiten hin übertrieben. Aber es war damals schon einiges abzusehen. Familien, die es sich leisten konnten, versuchten, ihre Leute herauszubekommen. Meine Mutter, die bereits geschieden war, und ich lebten damals bei der Großmutter. Wir sahen, dass Verwandte nach und nach verschwanden, entweder ins Ausland oder ins KZ. Wir selbst bereiteten uns vor wegzufahren.“
Diese Novemberpogrome seien schon eine arge Erfahrung gewesen, so Back: „Aber nicht auf mich persönlich gemünzt. Man hörte da und dort von Menschen, die angegriffen und auf irgendeine Weise gedemütigt wurden. Mich als Kind berührte dies nicht direkt.“
Die Stadt sei in einer Hochstimmung gewesen, erzählt Back. „Man erwartete sich Großes und Veränderungen. Kein Wunder, weil die Lage vorher war ziemlich schlecht. Wir selbst erwarteten das Ärgste. Man wusste schon aus Deutschland, dass die jüdische Minderheit zum Handkuss kommen würde. Wir lebten zu dieser Zeit im 20. Bezirk. Persönlich konnte ich keine Drangsalierungen beobachten. Allerdings war man auf Schritt und Schritt eingeengt etwa durch Verbote in Parks mit diskriminierenden Aufschriften ,Juden und Hunden ist der Eintritt verboten!’.“
Der zwölfjährige Paul musste in eine Schule wechseln, die nur jüdische Kinder besuchten. „Es war alles dahin ausgerichtet, dass die Schüler langsam verschwinden würden. Es war kein richtiges Lernen mehr möglich“, so Back.
Markus Langer