Warum wagen heutzutage viele nicht mehr, in der Verkündigung von Sühne oder Schuld zu sprechen?
Buckenmaier: Papst Franziskus redet sehr oft von der Barmherzigkeit. Für ihn ist es die Voraussetzung, von Sünde zu reden. Davon zu sprechen, ist oft schwierig; Wo wird denn die Barmherzigkeit Gottes für jemanden erfahrbar? Der Mensch möchte auch als einer, der Fehler gemacht hat, wieder leben können. Niemand möchte sich immer angeklagt fühlen. Gibt es solche Gemeinden und Pfarren, in denen einer das erfahren kann, dass die anderen seine Sünde kennen und ihm dann konkret helfen, dass er nicht wieder zurückfällt?
Was sagt uns das Zeugnis der Heiligen Schrift über Sühne, Schuld und Erlösung?
Buckenmaier: Erlösung bedeutet, dass Gott die Welt rettet, die durch das Misstrauen des Menschen einen Sprung bekommen hat; dass Gott diesen Riss zwischen ihm und den Menschen und zwischen uns wieder heilen kann. Als Christen glauben wir, dass Gott in der Person Jesu damit ans Ziel gekommen ist. Die ersten Christen erfuhren zerstörendes Misstrauen unter ihnen oder Gott gegenüber als geheilt. Auch zu ihrer Zeit war diese Erlösung fast versteckt und verborgen, weil die Gemeinden Jesu so klein waren. Aber sie waren Orte, in denen es keine Not mehr gab, eben auch keine Not einer unerlösbaren Schuld. Sühne bedeutet: Jesus hat sein Leben für die Erlösung Israels hergegeben, als er merkte, dass er abgelehnt wird. Er hat den Preis gezahlt, damit den Jüngern die Augen aufgingen und Gott die Welt doch erlösen kann.
Wie wird die Erfahrung von Erlösung „alltagstauglich“ für uns Katholiken?
Buckenmaier: Wenn ich Christ sein will, muss ich verstehen, dass ich um dieses Maß Jesu nicht herumkomme: Mein Leben soll dazu dienen, dass es solche Orte der Erlösung gibt. Paulus sagt: Mit der Taufe sterben wir mit Christus. Das sind große Worte für das Einfache, dass man anerkennt, dass man als Christ sein Leben nicht für sich selbst hat. Damit ist nichts Schweres verlangt, keine moralische Perfektion oder religiöse Talente, sondern nur, dass ich den anderen in der Kirche vertraue. Sühne meint dann, dass man dem anderen hilft, und sich selbst helfen lässt, so zu leben: Dass man die Folgen der Schuld eines anderen mitträgt und übernimmt.
Wenn Sie einem Muslim den Begriff Erlösung in fünf Sätzen erklären müssten, wie lauten dann diese fünf Sätze?
Buckenmaier: Ich meine, es gibt keine spezielle Antwort für Muslime. Erlösung heißt: (1) Gott will die Welt wiederherstellen, so wie er sie gedacht und gewollt hat. (2) Nur Gott kann seine Welt erlösen, nicht Menschen. (3) Damit es die Freiheit für den Menschen gibt, arbeitet Gott an dieser Reparatur immer „durch“, durch das Volk Israel, durch Jesus, durch die Glaubenden. (4) Wenn die Jünger Jesu heute „erlöst“ leben, das heißt im Vertrauen, in Gemeinschaft, auch wenn es nur unscheinbare kleine Orte sind, dann gibt es eine Hoffnung. (5) Deswegen haben alle Glaubenden eine große Verantwortung für die Erlösung der Welt.
Interview: Stefan Kronthaler
Achim Buckenmaier
ist Professor für Dogmatik und Direktor des „Lehrstuhles für die Theologie des Volkes Gottes“ an der Päpstlichen Lateranuniversität in Rom.