Mittwoch 25. Februar 2026
Artikel aus dem Archiv

Gott im Krieg?

(27.7.2014) Dr. Johann Weißensteiner über die Katholische Kirche und den Krieg.

Schon zwei Stunden vor der offiziellen Kriegserklärung Österreichs an Serbien konnten die Leser der Nachmittagsausgabe der „Reichspost“ vom 28. Juli 1914 den Kriegshirtenbrief von Kardinal Piffl lesen. Am Tag zuvor war der Wiener Erzbischof vom Minister für Kultus und Unterricht Max Ritter Hussarek von Heinlein über den bevorstehenden Krieg informiert und um Veröffentlichung eines entsprechenden Hirtenwortes gebeten worden.


Gerechter Krieg

Für Kardinal Piffl und seine bischöflichen Amtskollegen stand bis zum Kriegsende unverbrüchlich fest, dass Österreich einen gerechten Krieg führt: „Wo ist einer unter uns, der von der Gerechtigkeit und Notwendigkeit des unserem Friedenskaiser aufgezwungenen Krieges nicht vollauf überzeugt wäre?“


Die Bischöfe kannten zur Genüge die Lehre vom „gerechten Krieg“, wie sie der hl. Thomas von Aquin formuliert hatte; vielleicht erinnerten sie sich aber auch an Fabius Cunctator, den römischen Feldherrn gegen Hannibal, der die Überzeugung vertreten hatte, um sich die Gunst der Götter oder einen guten Ruf unter den Menschen zu sichern, sei es von nicht geringer Wichtigkeit, den Anschein zu vermeiden, man habe einen Krieg begonnen, hingegen jenen zu erwecken, man wehre sich gegen Angreifer.


Glaube & Patriotismus

Die Bischöfe sahen es durchaus als ihre Pflicht, ihre Gläubigen mit den der Kirche eigenen Mitteln und Formen für den Krieg zu mobilisieren und Gott gleichsam als Bundesgenossen des Reiches um Hilfe und Beistand anzurufen. Dass auf der anderen Seite ebenso Katholiken kämpften, blieb durchgehend unerwogen. Gleich der Namenstag des Kaisers (4. Oktober) im Jahr 1914 wurde von den Bischöfen als Bettag für die gesamte Monarchie proklamiert, „um den Segen Gottes auf Seine Majestät, unser Vaterland und unsere Armee herabzuflehen“.

 

Zur Fortsetzung propagierte die „Katholische Union für Österreich“ mit Billigung durch Kardinal Piffl einen „Gebetsfeldzug unter der Anrufung Unserer Lieben Frau vom Siege zur baldigen Erlangung des Sieges und eines ehrenvollen, dauernden Friedens“. Nach dem Vorbild des Landes Tirol, das sich in der Not der napoleonischen Kriege dem heiligsten Herzen Jesu geweiht hatte, riefen die Bischöfe Österreichs zur Weihe an das Herz Jesu am 1. Jänner 1915 auf; der letzte Absatz des dabei gesprochenen Gebetes lautete: „Liebreichster Jesus, siehe, ein blutiger Krieg hat jetzt schon Sorge, Schmerz und Trauer über uns gebracht. Erbarme Dich unserer Väter, Gatten, Söhne und Brüder, die im Felde stehen. Gib ihnen Mut und Kraft, dass sie die Feinde besiegen. Führe sie glücklich zu uns zurück, oder wenn sie nicht mehr unter den Lebenden sind, gib ihnen zum Lohne für ihr Opfer das ewige Leben in Deiner Anschauung. Segne unseren Kaiser, das kaiserliche Haus und unser Vaterland, das Dir ewige Glaubenstreue halten will. Kürze ab die Tage unserer Heimsuchung. Die Ehre eines Sieges gehöre Dir und die Segnungen des Friedens wollen wir dankbar als Geschenk Deiner Güte betrachten. Verleihe allen Völkern unseres Reiches Frieden und Ordnung, damit von einem Ende unseres Reiches bis zum andern der eine Ruf erschalle: Hochgelobt sei das heiligste Herz Jesu, durch das uns das Heil geworden, ihm sei Ruhm und Ehre in Ewigkeit. Amen“.


Der Krieg – ein Segen?

Mit dem Fortschreiten des Krieges änderten sich auch die Gebetsintentionen: wurde zunächst um den Sieg gebetet, erflehte man nach dem Tod von Kaiser Franz Joseph (21. November 1916) einen „siegreichen“ und schließlich einen „ehrenvollen“ Frieden.


„Ist dieser Krieg ein Fluch oder ein Segen“ fragte gleich im Herbst 1914 ein Korrespondenzblatt deutscher katholischer Akademiker und brachte damit die von vielen gestellte Sinnfrage auf den Punkt. Die Hirtenbriefe und sonstigen Äußerungen von Bischöfen sind voll von Aussagen, der Krieg sei von Gott als ernste Mahnung zu Besinnung, Buße und Umkehr zugelassen worden. Der Krieg wurde so in eine scheinbar logische Abfolge von Sünde – Buße – Gnade eingeordnet. Gerade in Kriegszeiten sind religiöse Deutungsmuster gefragt, sie spenden Trost im Leiden, auch bei der Trauer um einen Gefallenen. Im August 1918 müssen aber die Bischöfe eingestehen: „Die unerwartet lange Dauer des Krieges hat äußere Entbehrungen und Seelennöte gebracht: Zweifel, Entmutigung, Erbitterung, Lebensmüdigkeit erfüllen gar manchen“.


Die Maßnahmen

Die Amtsblätter der einzelnen Diözesen für die Kriegsjahre 1914 bis 1918 geben ein getreues Bild davon, wie sehr der Krieg in den Alltag der Menschen und in das Leben der Pfarren eingriff. Die Nachrichten reichen von der Zurückberufung der Priester aus ihrem Urlaub im August 1914, die Einschränkung bei Kirchen- und Pfarrhofbauten, Aufrufen zur Kriegsfürsorge in pastoraler und karitativer Hinsicht, Mitteilungen über die Einführung von Lebensmittelkarten und der Sommerzeit und die Bekanntgabe der angeordneten Ablieferung von Glocken und Orgelpfeifen.


Besonders oft wurden die Kriegsanleihen erwähnt: Zur Finanzierung des Krieges wurden von 1914 bis 1918 insgesamt acht Kriegsanleihen aufgelegt. Zur ersten mahnte Kardinal Piffl seine Priester: „Seit drei Monaten kämpfen Österreichs Heldensöhne an den Grenzen des Reiches und im Feindesland und bringen die schwersten Opfer für die Ehre, Größe und Freiheit unseres heißgeliebten Vaterlandes. ... Eine neue patriotische Ehrenpflicht tritt nunmehr gebieterisch heran in Gestalt einer Volksanleihe für die finanzielle Sicherung dieses Volkskrieges.


Der katholische Klerus von Österreich ist in Erfüllung patriotischer Pflichten stets in den ersten Reihen gestanden. Ich darf deshalb mit voller Zuversicht erwarten, dass er sich auch an der Kriegsanleihe nicht bloß nach Maßgabe aller seiner verfügbaren Kräfte mit größter Opferwilligkeit beteiligen, sondern auch jede Gelegenheit mit rastlosem Eifer benützen wird, den Gläubigen das Wort des Heilands ans Herz zu legen „Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist ...“.


Einsamer Rufer

Am 20. August 1914 war Papst Pius X. gestorben. In einem Aufruf an alle Katholiken des Erdkreises hatte er noch am 2. August alle, besonders aber die Priester, dazu aufgerufen, zu Christus, dem Friedensfürsten um Auslöschung der eben entflammten Kriegsfackel zu beten.

 

Aus dem folgenden Konklave ging Kardinal Giacomo della Chiesa, Erzbischof von Bologna, als Papst Benedikt XV. hervor. Trotz vieler diplomatischer Schwierigkeiten – seit 1870 waren die Päpste nach dem Verlust des Kirchenstaates „Gefangene im Vatikan“, 1915 trat Italien in den Krieg gegen Österreich ein – versuchte er die Leiden des Krieges ohne Unterschied von Nation und Konfession zu lindern und für einen baldigen Frieden zu wirken. Am 1. August 1917 rief er vergeblich alle kriegsführenden Staaten zur sofortigen Aufnahme von Friedensverhandlungen und allgemeinen Abrüstung auf.

 

 


Kardinal Piffl: Der „gerechte“ und „notwendige“ Krieg

Aus dem Hirtenbrief zum Kriegsausbruch am 28. Juli 1914 von Kardinal Friedrich Gustav Piffl (1913 von Kaiser Franz Joseph zum Erzbischof von Wien ernannt, gestorben 1923):
„Vielgeliebte Diözesanen! Tage schwerer Prüfung sind über unser Vaterland hereingebrochen. Unserem vielgeliebten Kaiser […] ist durch maßlose Herausforderungen eines Nachbarstaates […] das Kriegsschwert in die Hand gedrückt worden. In diesem aufgezwungenen Kampfe handelt es sich nicht nur um die Behauptung der Großmachtstellung unseres Staates, um das Ansehen und die Achtung unserer glorreichen Armee, es handelt sich vor allem um die Verteidigung hoher idealer Güter, es handelt sich insbesondere um unser heiliges Recht, an dessen Stelle fremder Landeshunger Aufruhr und offene Gewalttätigkeit zu setzen bestrebt ist.


Wo ist in diesen Tagen einer unter uns, […]der von der Gerechtigkeit und Notwendigkeit des unserem Friedenskaiser aufgezwungenen Krieges nicht vollauf überzeugt wäre?
Mit vollem Vertrauen auf die gerechte Sache unseres Vaterlandes ziehen unsere Söhne und Brüder in den Kampf.


Wir aber, die wir zurückbleiben, wollen in diesen Tagen ernster Prüfung vor allem unser Auge und Herz zu dem Herrn der Heerscharen emporheben und ihn im Geiste demütiger und opferwilliger Buße bitten, die Waffen unserer Streiter zu segnen. Wenn der Herr mit uns ist, wer ist wider uns? […]


Gebet und Opfer verlangt die Sachlage unseres Vaterlandes! Gebet und Opfer wollen auch wir bringen!


Wir bringen sie für unseren heiligen Glauben und unser heiliges Recht, […] wir bringen sie für unseren geliebten Kaiser, vor dem in Ehrfurcht sich die ganze zivilisierte Welt neigt […], wir bringen sie für unser Vaterland, an dem wir mit jeder Faser unseres Herzens hängen, für das uns kein Opfer zu groß, keine Prüfung zu schwer erscheinen darf.“

Im Anschluss verfügt der Kardinal, dass in der ganzen Erzdiözese in den Messen ein besonderes Tagesgebet „ex missa tempore belli“ (aus der Messe in Kriegszeiten), gebetet wird, dass in allen Pfarrkirchen eucharistische Betstunden abgehalten werden und dass die Prediger die Gläubigen „aufmuntert, ihre Gebete und guten Werke“ für das Vaterland aufzuopfern. Außerdem soll am Ende jeder Hauptmesse „laut mit dem gläubigen Volke“ gebetet werden: „Lasset uns zum Herrn der Heerscharen beten für unseren Kaiser, unsere im Heere stehenden Söhne und Brüder und unser Vaterland“ und daran anschließend drei Vaterunser und drei Avemaria.

 

Johann Weißensteiner

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