Die Zahl der Flüchtlinge im Irak steigt nach Angaben von Hilfsorganisationen weiter rasant. In weniger als einer Woche seien mehr als 200.000 Menschen durch die Terrorgruppe „Islamischer Staat“ (IS) im Nordirak vertrieben worden, die meisten von ihnen Christen. Das berichtete der Malteser Hilfsdienst am Sonntag in Köln unter Berufung auf Mitarbeiter in der Krisenregion.
Der Leiter des Erkundungsteams der Malteser in Erbil, Oliver Hochedez, sagte: „Viele Vertriebene mussten ihre Häuser in der Nacht verlassen. Sie hatten gerade genug Zeit, das Allernötigste mitzunehmen, um Richtung Erbil zu fliehen.“ Dort seien binnen weniger Tage 24 improvisierte Lager entstanden, vornehmlich auf Kirchengrundstücken oder in Schulen. „Selbstlose Nachbarschaftshilfe und unzählige freiwillige Helfer haben Schlimmeres bislang verhindert“, so der Experte. Doch jetzt seien die Kräfte erschöpft.
Unter sengender Sonne mit Temperaturen von bis zu 45 Grad im Schatten hätten die lokalen Helfer große Probleme. Der Gesundheitsexperte des Teams, Joost Butenop, berichtete von Durchfallerkrankungen und Hautinfektionen. Es zeigten sich insbesondere Krankheitsbilder wie Hitzschlag und Austrocknung, bedingt durch die Hitze und die beschwerliche Flucht.
In Österreich hatte zuletzt Caritas-Präsident Michael Landau auf die dramatische Lage der Flüchtlinge hingewiesen und den weiteren Ausbau der Hilfe des internationalen Caritas-Netzwerks vor Ort angekündigt. Das weltweite katholische Hilfswerk „Kirche in Not“ hat für irakische Christen auf der Flucht vor der islamistischen Terrorgruppe IS (Islamischer Staat) erneut eine Soforthilfe von 100.000 Euro zugesagt.
Das Hilfswerk reagiert damit auf die dringende Bitte des wichtigsten christlichen Führers im Irak, des chaldäischen Patriarchen Louis Raphael I. Sako. Er hatte in den vergangenen Tagen Kritik sowohl an der zögerlichen US-Politik als auch am Zaudern des Parlaments in Bagdad geübt. Die Nachrichten aus den Kleinstädten und Dörfern der Ninive-Ebene bezeichnete Sako als „tragisch“. Die Kirchen seien „verwaist und entweiht“, fünf Bischöfe hätten ihre Bischofssitze verlassen müssen, Priester, Mönche und Nonnen könnten ihre Aufgabe nicht mehr erfüllen. Die zügellose Gewalttätigkeit der IS-Milizionäre habe zahllose Dokumente und Manuskripte zerstört, von denen manche 1.500 Jahre alt waren. Nach Angaben des Patriarchen haben in Ankawa, der christlichen Vorstadt Erbils, rund 70.000 christliche Flüchtlinge Zuflucht gefunden, in der Distriktshauptstadt Dohuk weitere rund 60.000. Andere Flüchtlinge hätten sich nach Kirkuk, Suleimaniah oder bis nach Bagdad durchgeschlagen. Wörtlich stellte der chaldäische Patriarch fest: „Tod und Krankheit bemächtigen sich der Alten und der Kinder. Die Leute brauchen Unterkünfte, Nahrungsmittel, Wasser und Medikamente, aber die mangelnde Koordination der Hilfen der internationalen Gemeinschaft wirkt sich negativ aus. „Die Kirche bietet alles auf, was ihr möglich ist.“ Generell sei die Lage der Flüchtlinge dramatisch und lasse eine noch schrecklichere Katastrophe befürchten.
Im Auftrag von Papst Franziskus ist Kardinal Fernando Filoni seit dem 12. August in der Konfliktregion. In Erbil traf er nach eigenen Angaben mit dem Präsidenten der autonomen Kurdenregion, Masud Barzani, zusammen. Dieser sei zum Widerstand gegen die Miliz „Islamischer Staat“ (IS) entschlossen, sagte Filoni. „Sie werden ihr Land bis zum Ende verteidigen und mit ihm auch alle Christen und Minderheiten, die sich dort aufhalten.“ Der italienische Kardinal dankte Barzani auch im Namen des Papstes für die Aufnahme Zehntausender vor den Dschihadisten geflohener Christen im Kurdengebiet.
kap/ aha