Im österreichischen Journalismus fehlt zunehmend „religiöse Kompetenz“, hat der Ressortleiter für Religion und Medien bei der christlichen Wochenzeitung „Die Furche“, Otto Friedrich, alarmiert. Das Wissen über religiöse Vollzüge und über religiöse Konnotationen nehme rapid ab. Was soziologische Befunde für die säkulareuropäische Gesellschaft im Ganzen konstatieren, gelte für den Journalismus erst recht, schreibt Friedrich in der jüngst vom Verband Österreichischer Zeitungen (VÖZ) herausgegebenen Public-Value-Bericht „Mehr-Wert“: „Es kann heute nicht mehr fraglos vorausgesetzt werden, was Religion, Religionen und deren Institutionen in der von Journalisten beobachteten und berichteten Wirklichkeit für eine Rolle spielen."
Das stellt nach den Worten des katholischen Publizisten „ein gravierendes kulturelles Problem“ dar: Wenn das religiöse Gedächtnis einer Gesellschaft auch und gerade in den Medien verschwinde, „so verschwindet auch etwas von der Substanz dieser Gesellschaft“. Literatur und Kunst, aber auch die Geschichte bis hinein in die Entwicklung der gesellschaftlichen und politischen Systeme sei ohne deren religiöse Bezüge, Chiffren und Symboliken nicht zu verstehen.
Friedrich plädiert für einen unabhängigen Religionsjournalismus. Er müsse dem Umstand gerecht werden, dass Religion „nicht bloß Sache eines persönlichen Glaubens bzw. der Interessen einer Institution“ sei.
Der Typus des Religionsjournalisten in Österreich stellt, laut Friedrich, speziell im Printbereich – „eine echte Rarität“ dar, doch sei religiöse Kompetenz in der Medienszene aus mehreren Gründen notwendig. Man brauche sie bei Ereignissen wie „9/11“ für differenzierte Berichterstattung statt „Alarmismus“; es brauche ein kritisches Korrektiv zum politischen und gesellschaftlichen Agieren von Religionsgemeinschaften; schließlich brauche es Wissen um Religionsbezüge für die Befassung mit Kultur- und Geistesgeschichte bis hin zu aktuellen Gesellschaftsanalysen, ansonsten würden die Ergebnisse hohl bleiben.
In einem weiteren „Mehr-Wert“-Beitrag weist der Chefredakteur der Linzer „KirchenZeitung“, Matthäus Fellinger, darauf hin, dass Kirchenzeitungen ein besonderes Augenmerk auf die Opfer von Entsolidarisierungsvorgängen in Wirtschaft und Politik legen. Sie seien „nicht primär auf wirtschaftlichen Gewinn ausgerichtet, sondern ideeller Natur“. Das erleichtert ihnen laut Fellinger, in einem konstruktiven Sinn Gesellschaftskritik zu betreiben. Eine Kirchenzeitung sei dann relevant, „wenn sie ihre Inhalte nicht eingrenzt auf kirchlich religiöse Bereiche, sondern wenn sie den Blickwinkel alltäglicher öffentlicher Vorgänge weitet auf eine ethisch-religiöse Dimension hin“.
Ihre besondere Aufgabe hätten Kirchenzeitungen gerade in jenen „sozialen Nischen, in die niemand mehr schaut“. Fellinger nennt als Beispiele den Fokus auf den ländlichen Raum, der Entsolidarisierung besonders zu spüren bekomme, auf Entwicklungszusammenarbeit und „Tendenzen zu einer Abschottung von Armut“. Auch Solidarität unter den Generationen sei vielfach Thema, zumal die „Zielgruppe“ der Kirchenzeitungen nicht eingeengt auf einzelne Schichten oder eine bestimmte Altersgruppe sei. Schließlich seien auch faires Wirtschaften und ein auch kommende Generationen berücksichtigender Lebensstil oftmals Themen der Kirchenzeitungen. Laut Fellinger haben die elf diözesanen Kirchenzeitungen in Österreich – neben den neun deutschsprachigen in jeder Diözese auch „Nedelja“ (slowenisch) in Kärnten und „Glasnik“ (kroatisch) im Burgenland – eine Auflage von insgesamt mehr als 200.000 Exemplaren.