Für das Gedenkjahr 2014 erarbeitete die Wienbibliothek im Rathaus in Zusammenarbeit mit dem Wiener Stadt- und Landesarchiv eine Ausstellung mit dem Titel „Wohin der Krieg führt. Wien im Ersten Weltkrieg 1914-1918“.
Die Schau zeigt mit historischen Dokumenten die Metamorphose einer Stadt im und nach dem Ersten Weltkrieg, wie sie keine andere europäische Großstadt in ähnlicher Form erlebte: Nach fast viereinhalb Jahren Krieg, zur Hauptstadt eines kleinen Restes eines mächtigen Imperiums degradiert, wurde Wien in Europa zum Synonym für einen umfassenden urbanen Niedergang. Die Stadt war die Metropole inmitten der „Versuchsstation des Weltuntergangs“, wie der Schriftsteller und Satiriker Karl Kraus Österreich einmal genannt hat.
Die Ausstellungsstücke stammen aus der sogenannten „Kriegssammlung“, die auf Betreiben des christlich-sozialen Bürgermeisters Richard Weiskirchner während des Ersten Weltkriegs in den damaligen Städtischen Sammlungen angelegt wurde. Auf acht Schautafeln wird in dem Ausstellungsraum die Entwicklung der Stadt und ihrer Bevölkerung aufgezeigt.
Unsere Vorfahren brachten den Ersten Weltkrieg in Verbindung mit Hunger, Kälte und Entbehrungen, mit Brot- und Kartoffelkarte, Tuberkulose und Spanischer Grippe sowie einer stark erhöhten Sterblichkeitsrate. Die Wiener Bevölkerung war konfrontiert mit alltäglichen Überlebenskämpfen, den demütigenden Erlebnissen des Anstellens und Hamsterns, die Erfahrungen von Ablehnung und Ausgrenzung im Wiener Umland. Das alles schuf ein Trauma, das nicht so schnell vergessen werden sollte.
„Durchhalten!“ hieß die propagandistische Parole in den Kriegstagen. Karl Kraus schrieb dazu: „Zu den grauslichsten Begleiterscheinungen des Durchhaltens, als wär´s kein Leiden, sondern eine Passion, gehört dessen tägliche Feststellung, Belobigung und behagliche Beschreibung.“ Der Großteil der Bevölkerung war längst unterernährt, Kleider und Anzüge passten nicht mehr, die Nachfrage nach Mitteln gegen Krätzmilben stieg stark an, Schuhe und Ledersohlen wurden zum hoch begehrten Gut. Müllabfuhr und Schneeräumung funktionierten nicht mehr, der Straßenbahnverkehr wurde zur Qual. Landgemeinden teilten auf Tafeln mit, dass „Hamsterer“, Ausflügler und Sommerfrischler aus Wien unerwünscht seien. Die Wiener Bevölkerung fühlte sich eingesperrt, vergessen von Regierung und Verwaltung. Jugendliche zogen auf der Suche nach Nahrung plündernd durch die Stadt. Die Stimmung war aggressiv, im Überlebenskampf blieben Rücksicht und Höflichkeit auf der Strecke. Das städtische Leben zerfiel zusehends. Autos und Fiaker waren von den Straßen verschwunden, in den Schaufenstern herrschte Leere, viele Waren gab es nicht mehr. Viereinhalb Jahre lang wurde bis auf einige wenige Ausnahmen jegliche Bautätigkeit eingestellt, es gab kaum Renovierungen. Der U-Bahn-Bau blieb mit Kriegsbeginn in der Planungsphase stecken.
Bezüglich Einwohnerzahlen erreichte die Reichs- und Residenzstadt während des Krieges noch einen Höchststand. Wien blieb politisches und administratives Zentrum. Hotels und Pensionen waren in der Endphase des Krieges überbelegt. Die Chance, eine Wohnung anzumieten, war gleich null. Neuankömmlinge hatten größte Mühe, irgendwo eine Bettstelle zu bekommen. Die Stadt war über die gesamte Kriegsdauer die Schaltzentrale aller Kriegsanstrengungen - sowohl an der Front als im Hinterland. Wien war Kasernenstadt für Soldaten aus der ganzen Monarchie geworden, Wien verwandelte sich auch zur Lazarettstadt. Allein bis zum März 1915 landeten 260.000 Verwundete in Wiener Spitälern. Die Hälfte aller Schulen, das Parlament oder die Universität wurden als Hilfsspitäler benützt. Zeitweise hielten sich bis zu 200.000 Flüchtlinge aus dem Osten und Süden in der Stadt auf. Wien wurde zum Zentrum der Kriegswirtschaft und zog Arbeitskräfte aus der ganzen Monarchie an. Die Wiener Bahnhöfe bildeten die Verteilerstationen der Menschenströme. In Summe erhöhten diese Bewegungen die Zahl der Bewohner und temporären Gäste auf weit über 2,4 Millionen.
Die „digitale Wienbibliothek“ präsentiert qualitativ hochwertiges Material zur Erforschung des Ersten Weltkriegs. Rund 120.000 Zeitungsausschnitte, zwischen 1914 und 1918 in über 600 Bänden gesammelt, stehen thematisch und chronologisch geordnet schrittweise zur Verfügung und erschließen das Alltagsleben, die Versorgung Wiens, die Innenpolitik wie auch das Geschehen an der Front. Darüber hinaus ist ein Teil des Druckschriften-Bestandes zum Ersten Weltkrieg zugänglich:
»www.digital.wienbibliothek.at«
red