Mittwoch 25. Februar 2026
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„Wir können extreme Armut beenden"

(23.3.2014) Ökonom und Nachhaltigkeitsforscher Jeffrey Sachs im Interview.

Sie sagen, dass wir bereits in das Zeitalter der nachhaltigen Entwicklung eingetreten sind. Was heißt nachhaltige Entwicklung?

Jeffrey Sachs: Nachhaltige Entwicklung ist zunächst ein wissenschaftlicher Ansatz, wirtschaftliche, soziale und ökologische Systeme in unserem Denken zu integrieren. Aber es bedeutet auch eine Reihe von Zielen. Es ist die Idee, dass sich eine gesunde Gesellschaft, ob in einem Land oder weltweit, nicht nur auf das Wachstum der Wirtschaft konzentrieren muss, sondern auch auf den sozialen Zusammenhalt, die Stärke der Gemeinschaft und natürlich auch auf ökologische Nachhaltigkeit. Es ist ein ganzheitliches Konzept für das Leben einer integrierten globalen Gesellschaft.

Wie können wir wirtschaftliches Wachstum erreichen, das innerhalb der planetarischen Grenzen bleibt?

Sachs: Wenn die Weltwirtschaft weiterhin wächst und vor allem die armen Länder einfach dem Weg folgen, dem die reiche Welt bisher gefolgt ist, werden wir die biophysikalischen Grundlagen unseres Wohlergehens zerstören. Also müssen wir Wege finden, um wirtschaftliche Verbesserung ohne physische Zerstörung zu bekommen. Wir müssen uns aus unserer Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen, welche die traditionelle Art der Entwicklung ist, zu einem Weltenergiesystem bewegen, das auf kohlenstoffarme Energie aufbaut.
Das andere große menschliche System, das ganz tiefe Veränderung braucht, ist, wie wir Nahrung produzieren. Das globale Nahrungsmittelsystem ist auch nicht nachhaltig in der Weise, wie wir es tun. Es selbst verursacht eine Menge von Klimaveränderungen, es selbst ist Teil des Verschmutzungsproblems und das Problem des Wassermangels.

 

Können Technologien die meisten Probleme lösen?

 

Sachs: Technologie ist von entscheidender Bedeutung, weil die Idee – was gut klingen mag – einen Low-Tech-Weg aus dem Problem heraus zu finden, nicht mehr wirklich erreichbar ist. Lower Tech-Lösungen sind nicht machbar, wenn sich mehr als 7 Milliarden Menschen zusammendrängen und jeder von ihnen braucht, erwartet, möchte eine angemessene Versorgung mit Lebensmitteln, Trinkwasser, Zugang zu Elektrizität und Zugang zu Bildung von einer Art, die ein menschenwürdiges Leben schafft. Wir haben eine große organisatorische Herausforderung: Es gibt immer noch Milliarden von Menschen, die sich ganz ausgesperrt aus dem internationalen System fühlen. Sie wollen mehr. Und es ist nicht nur verständlich, es ist moralisch notwendig, dass sie in der Lage sind, ihre Bedürfnisse zu erfüllen. Aber in Anbetracht, wie die Umwelt belastet wird, haben wir viel intelligenter zu sein, wie das künftige Wirtschaftswachstum erfolgt.

Warum glauben Sie, dass extreme Armut beendet werden kann?

Sachs: Etwa einer von sieben Menschen auf dem Planeten lebt immer noch in extremer Armut und die höchste Konzentration von diesen extrem Armen befindet sich in Subsahara-Afrika und Südasien. Kann die Armut in diesen Orten beendet werden? Ich glaube, dass es geschehen kann, wenn diese Orte sich selbst regieren, wenn die Außenwelt diesen Ländern hilft, die grundlegenden Systeme von Bildung, öffentlicher Gesundheit und Infrastruktur zu errichten, so dass eine normale Wirtschaft zu greifen beginnen kann. Dann können die dringendsten Bedürfnisse der armen Menschen erfüllt werden. Ich habe viele Jahre Berechnungen angestellt, wie viel das alles kosten würde. Und die Antwort ist: Das könnte mit einem Budget erfolgen, das wir oft in der Vergangenheit vereinbart haben, indem die reichen Länder 0,7% ihres nationalen Einkommens für Entwicklungshilfe geben sollten. Natürlich war es in der Praxis nur die Hälfte dieses Niveaus, sogar ein bisschen weniger bei etwa 0,32%.

 

Sie sagten in Ihrer Rede an der Päpstlichen Akademie der Sozialwissenschaften im letzten Dezember, dass soziale Integration ein universelles Ziel wäre. Was heißt das?

 

Sachs: Dies bedeutet, dass jedes Mitglied der Gesellschaft, ein Kind ob arm oder reich geboren, eine Frau sowie ein Mann oder Angehöriger einer Minderheit, die gleichen Möglichkeiten und natürlich gleichen Schutz durch das Gesetz erfahren soll. Es müssen auch soziale Einstellungen und ethische Haltungen vorhanden sein, die jedem Gleichheit, Würde und eine Chance, in der Wirtschaft teilzunehmen, geben. Man wünscht sich, dass wir auf diesen Weg wären, aber wir wissen, dass es nicht so ist. Im Moment haben wir eine sehr große Kluft zwischen Arm und Reich innerhalb der Länder.

 

Sie gelten als  einer der Architekten der Millennium-Entwicklungsziele. Was sind die Erfolge und auch Misserfolge?

Sachs: Die größte Leistung ist, dass die Gesamtrate der extremen Armut um mehr als die Hälfte seit 1990 gesunken ist - das ist die erste Hälfte des Ziels Nummer eins. Die zweite Hälfte ist der starke Rückgang des Hungers. Aber sowohl der Kampf gegen extreme Armut als auch gegen Hunger sind weiterhin große Bereiche, die nicht  den nötigen Durchbruch erfahren haben. Trotzdem ist der Fortschritt bedeutsam. Dramatische Fortschritte gab es in der Bekämpfung von Krankheiten und vermeidbaren oder behandelbaren Todesursachen. Es war ein deutlicher Rückgang von Kindertodesfällen sowie der Sterberaten von Müttern bei der Geburt und Schwangerschaft zu verzeichnen. Einige der wichtigsten Krankheiten wie Malaria konnten unter Kontrolle gebracht werden, nicht unter vollständiger Kontrolle, sondern eine Kindersterberate, die um 50% seit dem Jahr 2000 gefallen ist.


Auf der anderen Seite gibt es beträchtliche Misserfolge. Viele Länder erreichen nicht alle Ziele. Einige werden sehr wenige der Ziele erlangen, vielleicht ist es die schlechte Regierungsführung oder der Mangel an Hilfe von außen. Es ist oft eine gewisse Kombination der beiden. Oder es könnte einfach großes Pech sein. Denn wie wir wissen, bestimmte Teile der Welt wurden von schrecklichen Klimaschocks oder anderen Katastrophen bombardiert. Und dies bedeutet einen Rückschlag. Insgesamt ist Fortschritt feststellbar, aber er ist unvollständig. Was wir natürlich tun müssen, ist unsere Anstrengungen zu verdoppeln. Denn wenn wir uns anstrengen, sehen wir den Erfolg vor Augen.

 

Bitte erzählen Sie etwas über das Millennium-Dörfer-Projekt, das Sie betreuen.

 

Sachs: Das Millennium Villages Project ist ein Projekt, um die Millenniums-Entwicklungsziele in 10 verarmten Dorfgebieten in 10 Ländern Afrikas zu implementieren. Mehrere Philanthropen kamen zusammen und sagten, dass sie bei der Anwendung von bewährten Praktiken helfen würden - in der Bildung, in der Gesundheitsversorgung, in der Landwirtschaft, im Naturschutz und in der Infrastruktur, um die ärmsten Teile Afrikas bei der Erreichung der Millenniumsziele zu unterstützen und Beispiele dafür zu schaffen, wie dies generell durchgeführt werden kann. Das Millennium Villages Project läuft seit fast 9 Jahren. Es wird im Jahr 2015 in der gleichen Weise enden wie die Millenniums-Entwicklungsziele ihren Endpunkt erreichen werden. Wir werden das Projekt voll und ganz dann an dieser Stelle bewerten, um zu sehen, wie weit diese Dörfer im Vergleich zu den dazugehörigen Ländern vorangekommen sind.

 

Eine Reihe von nachhaltigen Entwicklungszielen sollen die Millennium-Entwicklungsziele ersetzen. Was werden die Hauptsäulen dieser nachhaltigen Ziele sein?

 

Sachs: Die Entwicklungsagenda nach 2015 wird auf der nachhaltigen Entwicklung basieren. Das Beenden der extremen Armut (Ziel Nummer eins) wird weiterhin gefragt sein, das Vollenden des Auftrags der Millennium-Entwicklungsziele wird oberste Priorität sein. Es werden Ziele für menschenwürdige Arbeitsplätze und Wirtschaftswachstum, für den universellen Zugang zu Gesundheitsversorgung und für den allgemeinen Zugang zu einer mindestens sekundären Schulausbildung, für saubere Energie und Klimaschutz oder die Eindämmung des Klimawandels, für die Erhaltung der biologischen Vielfalt oder für widerstandsfähige Städte formuliert werden. Diese Ziele werden von führenden Politikern der Welt bei einem Gipfel im September 2015 finalisiert.

 

Sie schlagen in Ihrem Buch „Das Ende der Armut“ einen neuen Ansatz für Entwicklungsökonomie vor: die sogenannte „klinische Ökonomie“. Was ist unter diesem Begriff zu verstehen?

 

Sachs: Ich bin mit einer Krankenhausärztin verheiratet. Ich habe meine Frau im Einsatz als praktizierende Kinderärztin seit mehr als 30 Jahren erlebt. Die klinischen Künste sind wunderbar. Sie sind wissenschaftlich fundiert, aber sie sind auf die Lösung der Probleme von realen Personen in Echtzeit und im realen Kontext gerichtet. Mit anderen Worten: allgemeine Grundsätze, die an einer realen Person angewendet werden. Und das bedeutet, dass der Arzt als erstes das machen muss, was die Differentialdiagnose genannt wird. Was stimmt in diesem besonderen Moment mit dieser konkreten Person nicht und was kann dagegen getan werden. Das ist, was klinische Praxis ausmacht, wissenschaftliche Grundsätze, die Technik - wenn man so will - der modernen Gesundheitswissenschaften herzunehmen und anzuwenden, um bestimmte Probleme zu lösen. Und als Ökonom habe ich das Gefühl, dass es das ist, was gute Ökonomie auch sein sollte. Nicht einfach nur hochgeistige Aussagen oder allgemeine Prinzipien, sondern tatsächliche Problemlösung an bestimmten Orten zu bestimmten Zeiten und auch basierend auf der Idee der Differentialdiagnosen.
Zu viele meiner Ökonomiekollegen denken, dass es nur ein Rezept gibt. Es ist, als ob ein Arzt nur eine Krankheit behandeln würde, oder sie dächten, dass jede Krankheit nur durch einen Faktor verursacht wurde, von dem wir wissen, dass es nicht der Fall ist.

 

Sie sagen: Wir können es schaffen. Was müssen wir in Zukunft tun?

 

Sachs: Wir können nachhaltige Entwicklung erreichen. In der Tat müssen wir es, und ich glaube, es ist unsere gemeinsame Verantwortung. Meines Erachtens, lasst uns klare Ziele bis 2030 oder 2050 festlegen. Lasst uns in verschiedenen Teilen der Gesellschaft zusammenarbeiten, um zu bestimmen, wie diese Ziele erreicht werden können. Und dann machen wir die Schritte, die erforderlich sind, ob es die Regierungspolitik betrifft, die Wirtschaft, die Entwicklungsforschung oder die gute Arbeit der gemeinnützigen Organisationen, um diese Ziele zu erreichen - anhand einer guten Analyse, die Lösungen unterstützen kann. Natürlich können wir diese Probleme lösen, in Wirklichkeit müssen wir es.

 

Interview: Markus Langer

 


 

Jeffrey Sachs

ist Professor an der Columbia University in  New York und UN-Sonderberater.

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