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06.12.2019 · Glaube · Kunst&Kultur

Der Nobelpreisträger und die Religion

Am 10. Dezember wird dem österreichischen Schriftsteller Peter Handke in Stockholm der Literaturnobelpreis verliehen. Wir sprechen mit Jan-Heiner Tück, Germanist und Professor für Dogmatik an der Theologischen Fakultät der Universität Wien.

Er sieht eine durchgängige Präsenz biblischer, liturgischer und religiöser Spuren im Werk des heute in Paris lebenden Autors. Die literarische Qualität und die religiöse Dimension seiner Bücher werde angesichts der Kritik an Handkes Aussagen zum Balkankrieg zu Unrecht in den Hintergrund gedrängt.

 

 

 

Jan-Heiner Tück, Professor für Dogmatik an der Theologischen Fakultät der Universität Wien, verfolgt die religiösen Spuren im Werk von Peter Handke bereits seit mehreren Jahren.

 

Den Literaturnobelpreis hat der gebürtige Kärntner bei aller Kritik an seinen politischen Äußerungen zum Balkankrieg aus Tücks Sicht auf jeden Fall verdient: „Peter Handke gehört sicher zu den sprachmächtigsten Schriftstellern der Gegenwart – das ist völlig unbestritten.

 

Die Ausdruckspalette, die Sprachverdichtungskünste aufweist, die man sonst kaum wo findet, ist außer Diskussion“, erklärt der Theologe und Germanist im Gespräch mit dem SONNTAG.

 

Peter Handkes Werk stelle seit den achtziger Jahren, seit dem „Versuch über den geglückten Tag“ und „Versuch über die Müdigkeit“ eine Einladung dar, die Beschleunigung zurückzunehmen, langsamer zu werden und die Wirklichkeit bewusster, deutlicher wahrzunehmen.

 

„Er nimmt sich als Schriftsteller auch den Raum, die Wirklichkeit so zu beschreiben wie er sie wahrnimmt und er findet da sprachliche Wendungen, die ohne Gleichen sind. Das ist auch von Schriftstellern wie Botho Strauß herausgestellt worden, dass Handke der wohl sprachmächtigste Dichter seiner Generation sei. Das würde ich auch mit Nachdruck unterstreichen“, betont Jan-Heiner Tück.

 

Diese Wirklichkeit, die Handke in seinen Werken schildert, umfasst zentral auch das Katholische und die Bibel. „Peter Handke ist katholisch sozialisiert worden. Er hat die Gebete der Liturgie, auch der slowenischen Litaneien früh kennengelernt“, schildert der Theologe.

 

Im Alter von sechs Jahren kehrte Peter Handke 1948 aus Berlin, der Heimatstadt seines Stiefvaters Adolf Bruno Handke, an seinen Geburtsort zurück, dem Dorf Griffen im Süden Kärntens. Nach der Volksschule und zwei Jahren Hauptschule in Griffen wechselte der ausgezeichnete Schüler in das Priesterseminar Marianum in Maria Saal mit dem angeschlossenen katholisch-humanistischen Gymnasium Tanzenberg.

 

Die dafür nötigen Formulare und Empfehlungen besorgte sich der Zwölfjährige selbst vom Pfarrer. Die Biografie des Kärntner Autors weist somit schon frühe und auch spannungsreiche Bezüge zur Religion auf.


Jan-Heiner Tück sagt: „Es wäre falsch, Handke als religiösen Dichter zu vereinnahmen, aber die produktive Auseinandersetzung mit religiösen Themen ist für sein Werk zentral.“ Schon im Schauspiel „Publikumsbeschimpfung“ von 1966, mit dem er schlagartig berühmt wurde, lautete Handkes Anweisung an die Darsteller, sich bei der Aufführung an katholischen Litaneien zu orientieren.


Peter Handke und die Liturgie

In seinem Roman „Der große Fall“ greift Peter Handke das Thema der Eucharistie in besonderer Weise auf. Im Mittelpunkt des Buches steht ein Schauspieler, der zu Fuß in das Zentrum einer Stadt geht, um dort einen Preis entgegenzunehmen.

 

Auf dem Weg wird er von Glockengeläut in eine Kirche gelockt und nimmt an einem Gottesdienst teil. Dieser wird  detailgenau geschildert. Nach der Messe nimmt er mit dem Priester in der Sakristei eine Jause ein. Jan-Heiner Tück: „Auch das wird sehr plastisch beschrieben, dadurch wird die Liturgie geerdet.

 

Bei Handke ist es immer wichtig, die Basisverhältnisse nicht aus dem Blick zu verlieren.“ Als der Schauspieler im Roman danach weitergeht, „setzt im Hintergrund des Bewusstseins ein Rauschen der Freude ein“, wie Jan-Heiner Tück schildert: „Der Schauspieler fragt sich, was diese Freude, die ihn hochgestimmt sein lässt von den flüchtigen Freuden, die er sonst so gehabt hat, unterscheidet.

 

Er kommt in einem längeren Reflexionsprozess darauf, dass diese Freude das Leid der anderen nicht verdrängen muss, weil sie durch die memoria passionis, die Leidenserinnerung, hindurchgegangen ist“. Die durch die Teilnahme an der Liturgie freigesetzte Freude ist nach der Interpretation Tücks also eine, die das Leiden der anderen nicht verrät, „weil sie durch den Schmerz der Erinnerung hindurchgegangen ist“.

 

Der Theologe sagt über diese religiöse Spur im diesbezüglich reichen Werk Peter Handkes: „Selten ist über die verwandelnde Kraft der Memoria passionis (Erinnerung an das Leid, Anm.) eindringlicher geschrieben worden.“  


Kritik an Peter Handke

Problematisch seien die vieldiskutierten Äußerungen Peter Handkes zu Serbien und sein Besuch beim Begräbnis von Slobodan Miloševic. „Das hat die Medien und den Literaturbetrieb in den letzten Wochen so sehr bestimmt, dass die Qualität des literarischen Werkes fast schon in den Hintergrund gerückt ist und die religiöse Dimension seines Werkes kaum thematisiert wurde“, bedauert Jan-Heiner Tück: „Kaum einem, der die Sache nur von außen beobachtet, ist klar, was der Zerfall Jugoslawiens für Slowenen, Kroaten, Bosniaken und eben auch Serben bedeutet hat.

 

Handke war erschüttert über die sprachfloskelhafte Berichterstattung in den Medien, gegen die er sich zur Wehr gesetzt hat.“ Der Autor unternahm in der Folge Wanderungen durch Serbien und lernte die einfache Bevölkerung kennen und schätzen.

 

In Miloševic sah er wohl jemanden, der diese Idee Jugoslawiens als Vielvölkerstaat beibehalten wollte. „Mir ist ganz wichtig, dass das literarische Werk und die Sprach- und Ausdruckskunst Peter Handkes nicht vergessen wird hinter dem Konflikt seiner politisch sicher umstrittenen und erklärungsbedürftigen Äußerungen zu Serbien“, betont der Theologe.    

      

Handke lesen – Buchtipps

Handke lesen und wiederlesen – das wollen angesichts der Verleihung des Literaturnobelpreises an den Österreicher viele. Jan-Heiner Tück empfiehlt insbesondere zwei Bücher des Autors:

 

„Wunschloses Unglück“, in dem Handke den erschütternden Selbstmord seiner Mutter literarisch verarbeitet,

sowie das Buch „Gestern unterwegs“: „Wer eine Antenne für biblische Spuren und religiöse Motivlagen hat, möge in dieses Buch einen Blick werfen.“ Handke besichtigt darin u. a. Kirchen und beschreibt Altäre, ein Zitat daraus lautet: „Die Frage Gottes in mir: Warum bist DU nicht da?“

 

Jan-Heiner Tück erklärt dazu: „Wir klagen immer über die Abwesenheit Gottes. Handke dreht den Spieß um und fragt: Warum bist DU, lieber Leser, liebe Leserin, nicht da?“

 

Der Theologe sieht eine durchgängige Präsenz biblischer, liturgischer und religiöser Spuren im Werk des Literaturnobelpreisträgers 2019.

 

Noch heute steht Peter Handke mit seiner Heimatpfarre Griffen in einem engen freundschaftlichen Kontakt. Berichte über einen Wechsel des Autors von der katholischen zur serbisch-orthodoxen Kirche treffen nicht zu, wie der Griffener Pfarrer Johann Dersula dem Kärntner SONNTAG mitteilte. „Ich habe seine Tochter getauft, und er kommt regelmäßig zu uns in die Messe“, erzählte Dersula.

 

„Es gibt keinen Besuch in der Heimat, ohne dass ich in die Stiftskirche von Griffen gehe“, sagte Peter Handke im Interview mit der Kleinen Zeitung und unterstrich darin seine besondere Beziehung zur Eucharistie.

 

Er schätze zudem den Rosenkranz. Und er findet den Advent schöner als Weihnachten: „Advent ist schöner. So wie immer. Das Warten auf die Ankunft ist immer schöner als das Danach.“

erstellt von: Der SONNTAG / Agathe Lauber-Gansterer
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Wunschloses Unglück

Suhrkamp Verlag

ISBN-13: 978-3518397879

 

 

Gestern unterwegs

Suhrkamp Verlag

ISBN-13: 978-3518458860


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