Sonntag 4. Januar 2026
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Das Gedächtnis des Stiftes

(27.1.2013) Das Augustiner-Chorherrenstift Klosterneuburg beherbergt die größte nichtstaatliche Bibliothek Österreichs.

„Wir haben mehr als 300.000 Bände im Stift Klosterneuburg. Wahrscheinlich sind es sogar 310.000“, sagt Stiftsbibliothekar Nicolaus Buhlmann CanReg, der seit Herbst 2012 Nachfolger des langjährigen Klosterneuburger Kustos Univ.-Prof. Floridus Röhrig CanReg ist. „Die Zahl der Bestände wurde nie genau ermittelt. Es ist daher sogar noch heute ein Mammutprojekt, alles zu zählen und zu katalogisieren“, erzählt Buhlmann. 

 

Die Bestände der größten nichtstaatlichen Bibliothek Österreichs können sich durchaus sehen lassen. So verfügt Klosterneuburg über 1256 mittelalterliche Handschriften und 836 Inkunabeln oder „Wiegendrucke“ (von lat. incunabula, „Windeln, Wiege“). Das sind mit beweglichen Lettern gedruckte Schriften, die zwischen der Fertigstellung der Gutenberg-Bibel im Jahr 1454 und 1500 hergestellt wurden. „Mitarbeiter der Österreichischen Akademie der Wissenschaften katalogisieren seit mehr als 30 Jahren vor Ort die Handschriftensammlung des Stiftes“, berichtet Bibliothekar Martin Haltrich.


„Privilegium minus"

Das Stift hütet das Gedächtnis der Kirche und des Landes Niederösterreich. In Klosterneuburg wird auch die „älteste Abschrift des sogenannten ,Privilegium minus‘ aus dem Anfang des 13. Jahrhunderts aufbewahrt“, weiß Haltrich. Das „Privilegium minus“ ist eine Urkunde Kaiser Friedrichs I. Barbarossa vom 17. 9. 1156, mit der anlässlich der Beilegung des Streits um Bayern Österreich von einer Mark in ein Herzogtum umgewandelt wurde. Verliehen wurde es Herzog Heinrich II. Jasomirgott und seiner Gattin Theodora. Beim „Privilegium maius“ handelt es sich hingegen um eine im Auftrag Herzog Rudolfs IV. 1359 hergestellte Urkundenfälschung, in der dem österreichischen Herzog Sonderrechte zugestanden wurden. Rudolf IV. ließ damals das „Privilegium minus“ vernichten, die Klosterneuburger Abschrift ist erhalten geblieben.


1483: Deutsche Bibel

Klosterneuburg besitzt auch eine sogenannte vorlutherische deutsche Bibel. Aus der berühmten Druckerei von Anton Koberger (eine Verwandtschaft mit dem früheren Propst kann nicht belegt werden) stammt die zweibändige deutsche Bibelausgabe, gedruckt im Jahr 1483. Bereits vor Luthers Bibel-Übersetzung (gedruckt 1534) existierten deutschsprachige Bibelübersetzungen, von diesen ist die Koberger-Bibel in der Zählung die neunte. Koberger, ein bedeutender deutscher Buchdrucker, Verleger und Buchhändler, erkannte die wirtschaftlichen Möglichkeiten des Buchdrucks. Die Koberger-Bibel „war weiter verbreitet, als man oft vermutet“, betont Buhlmann.


Das „Bücher-Rad"

Im gar nicht so dunklen Mittelalter bewahrten die Stifte und Klöster das damalige Universalwissen und gaben es weiter. Es gibt hier wertvolle Werke aus dem historiographischen wie aus dem naturwissenschaftlichen Bereich. Zu den wertvollsten Büchern zählen die sogenannte „Leopolds-Bibel“ und das „Leopolds-Gebetbuch“, die „Naturgeschichte“ des Beda Venerabilis (um 1200 n. Chr., eine Kurzfassung des damaligen naturwissenschaftlichen Wissens der Zeit) sowie die Inkunabeln, darunter eine illuminierte, also ausgemalte, Kirchenrechtssammlung – das „Decretum Gratiani“ auf Pergament gedruckt.

 

Klosterneuburg besaß auch eine renommierte Schreibschule. „Das Stift war im 15. Jahrhundert einer der größten Auftraggeber für Buchmaler“, weiß Bibliothekar Haltrich.
Das sehr seltene „Bücher-Rad“ aus der Barockzeit war so etwas wie eine Art „frühes Windows“ für die Bibelwissenschaftler der damaligen Zeit. Es  ist ein rotierendes Lesepult, das das Lesen von mehreren Büchern erlaubt. „Die Chorherren in Klosterneuburg waren auch bedeutende  Exegeten, sie haben immer biblisch gepredigt“, sagt Buhlmann: „Daher war für sie die intensive Beschäftigung mit der Heiligen Schrift ein Muss.“


„Alles" gesammelt

„Unsere Bibliothek ist mehr eine Forschungsbibliothek und weniger eine Studienbibliothek“, betont Buhlmann. Besonders die Handschriftensammlung und alle Bände betreffend die österreichische Geschichte ziehen Forscher an. „Die österreichische Geschichtsforschung ging von den großen Stiften aus“, unterstreicht Haltrich.


Klosterneuburg hat auch eine bedeutende Druckgraphikensammlung zur Geschichte Österreichs, dazu an die 1.000 Gemälde und Spezialitäten wie eine Elfenbeinsammlung von Weltrang. Manches davon ist in der Dauerausstellung in der neugestalteten Schatzkammer zu sehen, aber bei weitem nicht alles. Was die Chorherren in den letzten Jahrhunderten gesammelt haben, darunter eine Münz- oder Porzellan-Sammlung, lagert im Tiefspeicher des Stiftes und harrt der Aufarbeitung. So gibt es auch eine komplette Kirchenrechts-Sammlung einer Chorherren-Bibliothek aus dem 15. Jahrhundert und ein Musik-Archiv, „das noch einige musikhistorische Überraschungen erwarten lässt“, ist Buhlmann überzeugt: „Vielleicht finden wir auch eine bislang unbekannte, für Klosterneuburg komponierte Messe...“


„Wir sind sehr vorsichtig beim Wegwerfen“, erklärt Kustos Buhlmann das Klosterneuburger Sammel-Prinzip: „Zum einen geht es uns dabei um die Qualität, zum anderen um die Geschlossenheit der Sammlungen.“


Im „Jahr des Glaubens"

„Unsere Bibliothek hat durch all die Jahrhunderte hindurch Generationen von Theologen das geistige Rüstzeug für die Verkündigung des Glaubens geboten und bietet sie auch heute noch“, sagt Kustos Buhlmann: „Gerade im ,Jahr des Glaubens‘ unterstreicht eine Bibliothek zum einen, dass auch die Alten schon viel über die Glaubensweitergabe wussten. Zum anderen, dass das Christentum untrennbar mit dem Lesen, der Vernunft und dem Wissen verbunden ist.“                      
Stefan Kronthaler

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