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06.04.2017 · Glaube · Kunst&Kultur

Wie hat Jesus ausgesehen?

Welche Darstellung von Jesus entspricht der Realität?

„Jesus schaut aus wie ein normaler Mensch und wir hätten ihn auf der Straße glatt verpasst!“ Davon ist der irische Bibelforscher Andrew Doole überzeugt, der an der Universität Innsbruck lehrt. Doch wie sah Jesus denn jetzt wirklich aus? Hatte er tatsächlich lange Haare, einen Bart und ein schönes weißes Kleid an?

 

Wie Jesus ausgesehen hat, ist eine spannende Frage, da wir es schlichtweg nicht wissen und auch die Bibel nicht wirklich Aufschluss darüber gibt. Trotzdem scheint es ein sehr klares Bild darüber zu geben, wie wir bei einer kleinen Spontanumfrage feststellen:


„Er hat sicher so ausgesehen wie im Film. Mit langen Haaren, einem langen Bart, also nicht nur mit einem Dreitagesbart. Er hatte Sandalen an. Außerdem trug er ein fließendes und weit wallendes Jutekleid“, sagt zum Beispiel Patrizia, die wir in der Wiener Innenstadt ansprechen.


Auch zwei weitere Passanten fragen wir, welches Bild sie von Jesus haben: „Wir stellen ihn uns mit einem langem weißen Gewand vor, zumindest wird er so dargestellt. Zur damaligen Zeit sahen wahrscheinlich alle so aus. Und er hatte sicher einen Bart und lange Haare. Denn die hatten damals ja auch keinen Friseur.“


Lange Haare, langer Bart und ein wallendes weißes Gewand: Die Vorstellung darüber, wie Jesus ausgesehen hat, scheint also recht klar zu sein. Doch entspricht dieses Bild der historischen Realität? Das fragen wir kurz vor dem Fest der Auferstehung  den irischen Bibelforscher Andrew Doole an der Universität Innsbruck. Er hat sich mit dem Aussehen von Jesus intensiv beschäftigt:


„Selbstverständlich ist es möglich, dass Jesus genau so ausgesehen hat, wie wir ihn uns vorstellen – aber es ist eher unwahrscheinlich. Ein Problem für die römischen Herrscher in Judäa und Galiläa war, dass die Juden und Galiläer genauso aussahen wie die Römer selbst. Das führte zum Beispiel zu Problemen, wenn es Aufstände oder Kriege gab, da man Aufständische von Römern nur schwer unterscheiden konnte.

 

Das einzige Kennzeichen eines Juden im ersten Jahrhundert war das Kennzeichen der Beschneidung – und das sah man natürlich nicht sofort. Wenn wir uns also fragen, wie Jesus ausgesehen hat, müssen wir uns fragen: Wie sahen Römer aus? Und das sieht man ganz klar an den römischen Statuen. Als durchschnittlicher Mensch im ersten Jahrhundert trug man zum Beispiel keinen langen Bart und auch keine langen Haare.“

 

Ein langer Bart und lange Haare sind also eher unwahrscheinlich. Doch wie sieht es mit der Kleidung aus. Trug Jesus ein langes weißes Gewand?


Auch das ist höchst unwahrscheinlich. In den Evangelien gibt es sogar Kritik von Jesus an Leuten, die lange Gewänder tragen. Auch von der Farbe her waren gebleichte weiße Kleider damals nur für Frauen typisch. Männer trugen hingegen ungebleichte Kleider. Eine Ausnahme gibt es aber in der Verklärung auf dem Berg, wo Jesus plötzlich strahlt wie die Sonne und wo seine Kleidung plötzlich hell weiß wird (Lk 9, Mk 9, Mt 17). Ob das historisch so war oder nicht, ist eine andere Frage. Aber auf jeden Fall wussten die Christen, die sich diese Geschichte erzählt haben, dass Jesus nur einmal weiß gekleidet war.


Ist es denkbar, dass Jesus ein schlanker Mann war, so wie er in unseren Kirchen dargestellt wird?


Sicher – das ist sehr gut möglich. Jesus wird in den Evangelien als armer Mensch dargestellt, er ist Sohn eines Zimmermannes in Galiläa. Da er nicht reich war, ist es durchaus wahrscheinlich, dass er eher dünn war. Aber es gibt gleichzeitig Belege in den Evangelien, die bezeugen, dass Jesus gut bedient war. Zum Beispiel heißt es im Lukasevangelium, dass viele reiche Frauen ihn versorgt haben. Außerdem war er ständig bei Gastmählern als Gast geladen und hat dort gegessen. Deshalb wurde er von seinen Gegnern als Fresser und Weinsäufer bezeichnet. Die Darstellung des komplett abgemagerten Christus am Kreuz ist also wahrscheinlich eher ein Zeichen seiner Verlorenheit und Ohnmacht in dem Moment.

 

Warum gibt es überhaupt die Vorstellung von Jesus mit Bart, langen Haaren, weißem Gewand und Heiligenschein?


In den römischen Katakomben oder den ältesten Bildern aus Mesopotamien haben wir eher Bilder von Jesus als Teenager oder als junger Mann. Kein Bart, sportlich, jung und gut aussehend, mit einer römischen Toga bekleidet.

 

Der Heiligenschein, die längeren Haare und der Bart kommen wahrscheinlich aus der byzantinischen Kunst. Jesus als Gott ist dort ein Ersatz für Zeus, dem König der Götter in der griechischen Kultur. Und Zeus ist ewig. Und wer ewig ist, hat in der Darstellung viele und vor allem lange Haare.


Auch die modernen Darstellungen in der Kinderbibel haben das Jesusbild stark geprägt. Z.B. hatte Jesus in der byzantinischen Kunst noch keine sanften Augen. Dieses Bild verdanken wir tatsächlich erst der Kinderbibel.

 

Warum gibt es in der Bibel keine Beschreibung von Jesus?

 

Man würde das wohl  vom Evangelisten Lukas erwarten. Denn Lukas interessiert sich sehr für das Sehen. Er sieht sogar ins Herz von Maria und er hat als Autor einen guten Überblick. Er liefert aber keine konkrete Beschreibung von Jesus als Kind oder Erwachsener. Dasselbe gilt auch für das Johannesevangelium. Da haben wir im ersten Kapitel Johannes den Täufer, der Jesus sieht und sofort erkennt: „Er ist das Lamm Gottes.“ Aber auch da gibt es keine Beschreibung.

 

Es ist sehr schwierig, diesen Mangel oder diese Lücke zu erklären. Eine wahrscheinliche Erklärung dafür ist, dass die ersten Christen sehr jüdisch geprägt waren. Und in der jüdischen Religion gibt es ja ein Zögern davor, Gott darzustellen.

 

Wie sah Jesus nach seiner  Auferstehung aus und warum haben ihn seine Freunde anfangs gar nicht erkannt?


Im Lukasevangelium und im Johannesevangelium wird thematisiert, dass der auferstandene Jesus anders aussieht als noch vor Ostern. Das wird vor allem in Verfilmungen von Jesus zum Problem. Denn jeder, der einen Jesus-Film dreht, muss irgendwie damit klar kommen, dass Jesus nach seiner Auferstehung anders aussieht als vorher, vor allem wenn man denselben Schauspieler dafür verwendet. Aber auch in diesen Stellen in der Bibel sieht Jesus selbst nach seiner Auferstehung aus wie ein Mensch, wie ein Wegwanderer – das heißt, er sieht nicht irgendwie himmlisch aus, sondern tatsächlich nach wie vor wie ein normaler Mensch.


Im Brief an die Kolosser heißt es, Jesus sei das Ebenbild des unsichtbaren Gottes. Oder im Johannes-Evangelium sagt Jesus selbst: „Wer mich sieht, sieht den Vater.“ Kann man daraus nicht schließen, dass Jesus göttlich ausgesehen hat?


Im Kolosserbrief ist das Wort Ebenbild interessant. Es eine Übersetzung des griechischen „eikón“, was wir heute noch unter Ikone kennen – aber wie kann man ein Ebenbild eines Unsichtbaren sein? Das ist eher platonisch und philosophisch gemeint und hat nichts mit dem tatsächlichen Jesus in Galiäa zu tun.

 

Was das Johannesevangelium betrifft, verwendet der Evangelist Johannes das griechische Wort „theorein“ – unser Wort Theorie leitet sich davon ab. Auch in dieser Bibelstelle ist also nicht das Sehen im Sinne von optisch gemeint, sondern von bemerken und verstehen. Jesus könnten wir optisch also nicht erkennen, eben weil er aussieht wie du und ich und wie jeder andere Mensch.

 

erstellt von: Der SONNTAG / Stefanie Jeller / Thomas Frühwirth
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zur Person

Andrew Doole: Bibelforscher an der Uni-Innsbruck

Andrew Doole: Bibelforscher an der Uni-Innsbruck

 


SENDUNGSHINWEIS:


Wie sah Jesus aus?

In den Perspektiven am Mittwoch, 12. April, um 17.30 Uhr auf radio klassik Stephansdom

 


 

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Arbeitsgemeinschaft Weltanschauungsfragen will mit Kampagne zu Corona-Krise, Engel und Glück über Verschwörungstheorien, Esoterik und Lebenshilfeangebote informieren. Neue Website bündelt österreichweite Informations- und Beratungsangebote.

Erntedank, St. Martin und Leopoldi in Zeiten von Lockdown und Terror

Das Kirchenjahr geht weiter. Erntedank, Martinsfest und Leopolditag heuer schlichter als gewohnt. Neue Wege, verbindende Werte zu feiern: einfach und auf das Wesentliche bedacht.

Dominikaner Wien: ALPHA-Kurs im Herbst startet

Pater Markus Langer von den Wiener Dominikanern lädt Interessierte und Gläubige zum ALPHA-Kurs ein.

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