
Wer die Kirche St. Barbara betritt, merkt sofort, dass hier etwas anders ist. Eine Ikonostase trennt den Altarraum vom Kirchenschiff. Ikonen bestimmen den Raum. Die Liturgie wird weitgehend gesungen, Weihrauch gehört selbstverständlich zum Gottesdienst. Gefeiert wird nicht nach dem in Österreich vertrauten römischen Ritus, sondern nach der byzantinischen Tradition. Und dennoch ist St. Barbara eine katholische Kirche. Seit 250 Jahren treffen hier Welten aufeinander, die wir heute gern als „Ost“ und „West“ voneinander unterscheiden. Die Geschichte der Kirche führt nach Galizien und in die heutige Ukraine, nach Mukatschewo in Transkarpatien, nach Križevci in Kroatien, nach Siebenbürgen und Ungarn. Sie führt zu Maria Theresia und Joseph II., zu ukrainischen Studenten und Priestern, zum heiligen Josafat, zu Kardinal Theodor Innitzer und schließlich zu jenen Menschen, die seit dem russischen Großangriff auf die Ukraine wieder in großer Zahl nach Wien gekommen sind. Im Mittelpunkt dieser Geschichte steht ein fast vergessenes Experiment Maria Theresias: das Barbareum.
Der Ausgangspunkt liegt nicht in Wien, sondern in einer der großen territorialen Verschiebungen des 18. Jahrhunderts.
1772 teilten Russland, Preußen und die Habsburgermonarchie große Teile Polen-Litauens untereinander auf. Bei dieser ersten Teilung Polens erhielt Maria Theresia ein großes Gebiet, das fortan als Königreich Galizien und Lodomerien Teil der Habsburgermonarchie wurde. Mit dem neuen Land kamen Millionen Menschen unter habsburgische Herrschaft. Viele von ihnen waren Ruthenen – die Vorfahren der heutigen Ukrainer – und gehörten einer Kirche an, die den Wiener Behörden zunächst fremd erscheinen musste. Diese Menschen waren katholisch, feierten ihren Gottesdienst aber wie orthodoxe Christen.
Der Hintergrund lag in der Union von Brest von 1596. Ein Teil der orthodoxen Bischöfe im polnisch-litauischen Reich war damals in Gemeinschaft mit Rom getreten. Sie erkannten den Papst an, behielten aber ihre byzantinische Liturgie, ihre kirchliche Ordnung und ihre geistliche Tradition. Das Ergebnis war keine Mischform zwischen katholisch und orthodox. Es entstand vielmehr eine katholische Kirche östlicher Tradition.Maria Theresia stand damit vor einer Frage, die für die weitere Geschichte entscheidend wurde: Sollte man diese Christen allmählich an den lateinischen Katholizismus angleichen – oder ihre eigene Tradition stärken? Die Kaiserin entschied sich bemerkenswert deutlich für den zweiten Weg.
Schon die Bezeichnung dieser Christen war politisch aufgeladen. Der Ausdruck „uniert“ wurde häufig abwertend verwendet. Maria Theresia förderte stattdessen die Bezeichnung „griechisch-katholisch“. Damit sollte etwas Wesentliches ausgedrückt werden: Diese Gläubigen waren nicht Katholiken zweiter Klasse. Ihre byzantinische Tradition sollte innerhalb der katholischen Kirche grundsätzlich denselben Rang besitzen wie die lateinische. Das war nicht nur eine theologische Frage. Die griechisch-katholische Bevölkerung Galiziens brauchte gut ausgebildete Priester und Bischöfe. Das Bildungsniveau des Klerus war sehr unterschiedlich, geeignete Ausbildungsstätten fehlten. Maria Theresia wollte deshalb eine Elite griechisch-katholischer Geistlicher heranbilden. Und zwar nicht irgendwo am Rand ihres Reiches. Sondern mitten in Wien.
Die Gelegenheit ergab sich durch eine andere kirchenpolitische Umwälzung. 1773 hatte Papst Clemens XIV. den Jesuitenorden aufgehoben. Damit wurden in Wien Gebäude frei, die bisher dem Orden gehört hatten. Dazu gehörten eine kleine Kirche und ein Konvikt in der heutigen Postgasse. Die Kirche war der heiligen Barbara geweiht. Am 7. Oktober 1775 übergab Maria Theresia St. Barbara samt angrenzenden Räumen den griechisch-katholischen Gläubigen und gründete dort ein Seminar. Nach der Patronin der Kirche erhielt es einen Namen, der heute beinahe kurios klingt: Barbareum. Doch hinter diesem Namen stand ein ehrgeiziges Projekt. In der Hauptstadt der katholischen Habsburgermonarchie sollte ein Zentrum entstehen, an dem junge Männer aus den östlichen Kirchen des Reiches eine moderne theologische Ausbildung erhielten, ohne ihre eigene kirchliche Tradition aufgeben zu müssen. Das Barbareum war damit weit mehr als ein Priesterseminar. Es war ein Experiment darüber, wie Einheit und Verschiedenheit innerhalb einer Kirche zusammenleben konnten.
Nun kamen Studenten aus Regionen nach Wien, die aus Sicht der Hauptstadt weit entfernt lagen. Besonders wichtig waren die "Ruthenen" aus Galizien. Aber die griechisch-katholische Welt der Habsburgermonarchie war wesentlich größer. Da war die Eparchie Mukatschewo im nordöstlichen Teil des im Südwesten der Ukraine. Ihre kirchliche Geschichte war eng mit der Union von Uschhorod von 1646 verbunden. Orthodoxe Priester waren damals in Gemeinschaft mit Rom getreten und hatten zugleich ihre byzantinische Tradition bewahrt. 1771 – nur wenige Jahre vor der Gründung des Barbareums – hatte Papst Clemens XIV. Mukatschewo als eigenständige Eparchie kanonisch errichtet. Die Bevölkerung dieser Kirche war ethnisch vielfältig. Besonders wichtig waren Ruthenen beziehungsweise Rusinen, daneben gab es andere Bevölkerungsgruppen des Königreichs Ungarn. Weiter südlich lebten griechisch-katholische Christen im kroatischen und südslawischen Raum. Für sie wurde 1777 die Eparchie Križevci errichtet. Auch ihre Geschichte war mit älteren Unionsbewegungen und mit den besonderen Verhältnissen an der habsburgischen Militärgrenze verbunden.
Im Osten der Monarchie wiederum entwickelte sich die rumänische griechisch-katholische Kirche. Um 1700 war ein Teil der orthodoxen Rumänen Siebenbürgens in Gemeinschaft mit Rom getreten. Zentren wie Blaj entwickelten sich später zu bedeutenden Orten rumänischer Bildung und Kultur.
Und schließlich gab es innerhalb des Königreichs Ungarn Gläubige des byzantinischen Ritus, die zunehmend eine ungarische griechisch-katholische Identität entwickelten. Lange gehörten sie zu bestehenden Eparchien wie Mukatschewo. Erst 1912 entstand mit Hajdúdorog eine eigene Eparchie, aus der sich die heutige ungarische griechisch-katholische Kirche entwickelte. All diese Regionen gehörten zeitweise zu jenem großen politischen Raum, dessen Hauptstadt Wien war. Das Barbareum wurde zu einem Ort, an dem diese Welten einander begegneten.
Man kann sich die jungen Männer vorstellen, die im späten 18. Jahrhundert nach Wien kamen. Sie brachten unterschiedliche Sprachen mit. Ruthenisch, Rumänisch, Ungarisch, Kroatisch und andere Idiome gehörten zu ihrer Lebenswelt. Ihre Heimatorte lagen Hunderte Kilometer voneinander entfernt. Was sie verband, war ihre ostkirchliche Tradition. Im Barbareum sollten sie diese Tradition nicht ablegen. Gerade das war das Neue. Sie studierten Theologie und Philosophie, lernten Latein und Griechisch, beschäftigten sich mit Kirchenslawisch und erhielten Zugang zur intellektuellen Welt der Reichshauptstadt. Gleichzeitig feierten sie in St. Barbara die byzantinische Liturgie. Das Seminar war damit im Kleinen ein Spiegel der Monarchie selbst: viele Sprachen, Völker und Traditionen unter einem gemeinsamen Dach. Natürlich sollte man dieses Bild nicht romantisieren. Die Habsburgermonarchie war kein konfliktfreies multikulturelles Paradies. Staatliche Kirchenpolitik bedeutete immer auch Kontrolle. Maria Theresia wollte einen gut ausgebildeten und zugleich loyalen Klerus.Aber das Ergebnis war dennoch bemerkenswert.Mitten im lateinisch geprägten Wien entstand eine Institution, deren Existenz voraussetzte, dass katholische Einheit nicht liturgische Gleichförmigkeit bedeuten musste.
Die erste Geschichte des Barbareums dauerte allerdings nur neun Jahre. 1780 starb Maria Theresia. Ihr Sohn Joseph II. verfolgte eine wesentlich radikalere Reformpolitik. Er wollte die kirchlichen Institutionen stärker vereinheitlichen und unter staatliche Kontrolle bringen. Davon war auch die Priesterausbildung betroffen.1784 wurde das Barbareum aufgehoben. Die Ausbildung griechisch-katholischer Geistlicher sollte künftig in anderen staatlich organisierten Generalseminaren erfolgen, unter anderem in Lemberg und Eger. Damit war Maria Theresias Wiener Experiment zunächst beendet. Doch paradoxerweise traf Joseph II. im selben Jahr eine Entscheidung, die das eigentliche Vermächtnis des Barbareums dauerhaft sicherte.St. Barbara blieb griechisch-katholisch.
Joseph II. errichtete 1784 bei St. Barbara eine griechisch-katholische Zentralpfarre. Damit änderte sich die Aufgabe des Ortes grundlegend. St. Barbara war nun nicht mehr in erster Linie die Kirche eines Seminars. Sie wurde zur geistlichen Heimat der griechisch-katholischen Bevölkerung Wiens. Das war für eine wachsende Reichshauptstadt wichtig. Beamte, Soldaten, Studenten, Händler, Handwerker und Dienstboten kamen aus allen Teilen der Monarchie nach Wien. Unter ihnen waren auch griechisch-katholische Christen. Für sie wurde St. Barbara zu einem Ort, an dem sie ihre eigene Liturgie feiern konnten. Und diese Gemeinde war von Anfang an nicht ausschließlich ukrainisch. Das ist für das Verständnis der Kirche entscheidend.
Heute wird St. Barbara verständlicherweise vor allem mit der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche verbunden. Die ukrainische Gemeinde ist groß, und die Geschichte Galiziens prägt den Ort tief. Historisch war die Situation jedoch vielfältiger. Nach Wien kamen Ruthenen aus Galizien und aus dem Gebiet von Mukatschewo, Rumänen aus Siebenbürgen, Ungarn, Kroaten und Angehörige anderer griechisch-katholischer Gemeinschaften. St. Barbara war deshalb keine Nationalkirche. Sie war eine Zentralpfarre für Katholiken des byzantinischen Ritus. Gerade ihre Matriken und ihr umfangreiches Archiv, das heute wissenschaftlich erschlossen wird, dokumentieren diese erstaunliche Vielfalt. In ihnen begegnet gewissermaßen die ganze östliche Hälfte der Habsburgermonarchie.
Doch auch die Geschichte des Seminars war 1784 noch nicht endgültig vorbei. Im 19. Jahrhundert wuchs das Bedürfnis nach einer qualifizierten Ausbildung griechisch-katholischer Geistlicher erneut. Wien war inzwischen nicht nur politische Hauptstadt, sondern eines der bedeutendsten Bildungszentren Europas. 1852 wurde deshalb wieder ein griechisch-katholisches Zentralseminar in Wien eingerichtet. St. Barbara wurde erneut zu seinem geistlichen Mittelpunkt. Vier Jahrzehnte lang, bis 1892, kamen wieder junge griechisch-katholische Theologen aus unterschiedlichen Regionen der Monarchie nach Wien. Damit knüpfte das 19. Jahrhundert an Maria Theresias ursprüngliche Idee an. Die Studenten sollten Zugang zu einer erstklassigen theologischen Ausbildung erhalten und zugleich in ihrer eigenen kirchlichen Tradition verwurzelt bleiben. St. Barbara wurde erneut zu einer Schule zwischen den Welten.
Gleichzeitig veränderte sich die politische Landschaft.
Im 19. Jahrhundert entwickelten sich in fast allen Völkern der Habsburgermonarchie moderne nationale Bewegungen. Das galt auch für die Ruthenen Galiziens, die sich zunehmend als Ukrainer verstanden. Die griechisch-katholische Kirche spielte dabei eine bedeutende Rolle. Viele der gebildeten ukrainischen Eliten Galiziens stammten aus Priesterfamilien. Geistliche waren nicht nur Seelsorger, sondern Lehrer, Publizisten und kulturelle Vermittler. Wien wurde für diese neue ukrainische Intelligenz zu einem wichtigen Ort. Studenten kamen an die Universität. Abgeordnete aus Galizien saßen im Reichsrat. Beamte und Intellektuelle lebten zeitweise in der Hauptstadt. Und viele fanden den Weg nach St. Barbara. 1862 wurde die St.-Barbara-Bruderschaft gegründet. Die Kirche wurde damit neben ihrer religiösen Funktion zunehmend zu einem sozialen und kulturellen Treffpunkt. Aus dem Seminar Maria Theresias war ein Zentrum einer lebendigen Diaspora geworden.
Der Erste Weltkrieg brachte eine dramatische Wendung.
Galizien wurde zu einem der großen Kriegsschauplätze zwischen Österreich-Ungarn und Russland. Lemberg wechselte mehrfach den Besitzer. Hunderttausende Menschen flohen. Auch kirchliche Schätze mussten in Sicherheit gebracht werden. 1916 gelangten die Reliquien des heiligen Josafat Kunzewytsch nach Wien. Josafat war ein griechisch-katholischer Erzbischof des frühen 17. Jahrhunderts. Er hatte sich leidenschaftlich für die kirchliche Union mit Rom eingesetzt und war 1623 in Witebsk getötet worden. Für die griechisch-katholische Kirche wurde er zum Märtyrer und Symbol der Einheit mit Rom. Nun fand sein Leichnam ausgerechnet in St. Barbara Zuflucht. Später wurde für ihn eine eigene Kapelle eingerichtet. Damit wurde die kleine Wiener Kirche zu einem Wallfahrtsort mit internationaler Bedeutung.
1918 brach die Habsburgermonarchie zusammen.
Das politische System, in dem St. Barbara entstanden war, existierte plötzlich nicht mehr. Galizien gehörte nun zu Polen. Transkarpatien kam zur Tschechoslowakei. Siebenbürgen wurde Teil Rumäniens. Kroatien gehörte zum neuen südslawischen Staat. Ungarn wurde ein wesentlich kleineres Land. Die große griechisch-katholische Welt der Habsburgermonarchie war nun auf verschiedene Staaten verteilt. Doch St. Barbara blieb in Wien. Vielleicht zeigt sich gerade darin die besondere Kraft dieses Ortes. Grenzen hatten sich verschoben. Reiche waren verschwunden. Nationale Konflikte hatten die alte Welt verändert. Die Liturgie in der Postgasse ging weiter.
1935 änderte sich die kirchenrechtliche Stellung der Gemeinde. Bis dahin hatte St. Barbara dem griechisch-katholischen Metropoliten von Lemberg unterstanden. Nun wurde die Jurisdiktion dem Wiener Erzbischof als Delegaten des Heiligen Stuhls übertragen. Der damalige Erzbischof hieß Theodor Innitzer hatte bereits zwei Jahre zuvor gezeigt, dass er die Vorgänge im Osten Europas aufmerksam verfolgte. 1933 gehörte er zu den wenigen prominenten Persönlichkeiten Westeuropas, die öffentlich auf die Hungerkatastrophe in der Sowjetunion und besonders in der Ukraine aufmerksam machten. Während das stalinistische Regime den Holodomor leugnete, rief Innitzer zu internationaler Hilfe auf. Im Oktober 1933 brachte er in Wien Vertreter der katholischen, orthodoxen und evangelischen Kirchen sowie der Israelitischen Kultusgemeinde zusammen. Wien sollte, wie er sagte, zwischen Ost und West vermitteln. Für einen Erzbischof, zu dessen Verantwortung wenig später St. Barbara gehören sollte, besitzt dieser Satz eine bemerkenswerte Symbolik.
Nach dem Zweiten Weltkrieg begann für die ukrainische griechisch-katholische Kirche ihre vielleicht schwerste Zeit.
Die Westukraine war nun Teil der Sowjetunion.
Stalin betrachtete die mit Rom verbundene Kirche als politisch unzuverlässig. Ihre Bischöfe wurden verhaftet. 1946 inszenierte das Regime in Lemberg eine Versammlung, auf der die Union mit Rom für aufgehoben erklärt wurde.
Die ukrainische griechisch-katholische Kirche war offiziell verboten. Priester wurden verhaftet, deportiert oder getötet. Gemeinden mussten zur russisch-orthodoxen Kirche übertreten oder im Untergrund weiterleben. Eine der größten katholischen Ostkirchen Europas verschwand aus der Öffentlichkeit. Aber nicht in Wien. Hier brannten weiterhin die Kerzen vor der Ikonostase von St. Barbara. Hier wurde weiterhin die Liturgie des heiligen Johannes Chrysostomos gefeiert. Was in Lemberg verboten war, blieb in der Wiener Postgasse sichtbar.
1945 erhielt Kardinal Innitzer vom Heiligen Stuhl eine eigenständige Jurisdiktion über die Katholiken des byzantinischen Ritus in Österreich. 1946 ernannte er den Pfarrer von St. Barbara, Myron Hornykewytsch, zum Generalvikar. Damit wurde die Kirche endgültig zu einem organisatorischen Zentrum für die griechisch-katholischen Gläubigen Österreichs. Die alte Idee des Barbareums lebte nun in anderer Form weiter. St. Barbara sollte nicht nur einer einzelnen Nationalität dienen. Sie wurde zu einem kirchlichen Mittelpunkt verschiedener katholischer Ostkirchen.
Dann ereignete sich eine Episode, die fast wie aus einem Spionageroman des Kalten Krieges wirkt. Nach 1945 war Wien in vier Besatzungszonen geteilt. Die Innenstadt wurde von den Alliierten gemeinsam kontrolliert. Auch sowjetische Truppen waren präsent. Die Verantwortlichen fürchteten um die Reliquien des heiligen Josafat. 1949 wurden sie deshalb heimlich aus Wien gebracht. Der Heilige, der im Ersten Weltkrieg nach Wien geflüchtet war, musste nun ein zweites Mal vor den politischen Verwerfungen Europas gerettet werden. Mit einem amerikanischen Flugzeug, getarnt als Kohlelieferun gelangten die Reliquien nach Rom. Seit 1963 ruhen sie im Petersdom am Altar des Hl. Basilius, sehr nahe vom Grab des Hl. Johannes XXIII, der das Grab Josafats dort haben wollte. Es ist schwer, ein eindrücklicheres Bild für die Geschichte St. Barbaras zu finden: Ein ostkirchlicher Heiliger wird heimlich aus dem sowjetisch mitbesetzten Wien geschmuggelt, während seine Kirche in der Ukraine verboten ist.
Während der Jahrzehnte des Kommunismus wurde die Wiener Kirche damit zu einem Ort des Gedächtnisses.
Die ukrainische griechisch-katholische Kirche lebte in der Sowjetunion im Untergrund. Bischöfe weihten heimlich Priester. Gottesdienste wurden in Wohnungen gefeiert. Familien gaben Gebete und Traditionen weiter. In Wien war all das öffentlich möglich. St. Barbara bewahrte eine Tradition, die anderswo ausgelöscht werden sollte. Doch zugleich blieb die Gemeinde offen für andere griechisch-katholische Christen. Menschen aus Ungarn, Rumänien, der Slowakei, Kroatien und anderen Ländern fanden hier ebenfalls einen Bezugspunkt. Damit blieb etwas vom alten habsburgischen Charakter erhalten.
Mit dem Zusammenbruch des Kommunismus änderte sich die Lage erneut. 1989 konnte die ukrainische griechisch-katholische Kirche aus dem Untergrund zurückkehren. Was jahrzehntelang verboten gewesen war, wurde wieder sichtbar. Kirchen wurden geöffnet, Gemeinden entstanden neu, Priesterseminare wurden gegründet.Nun veränderte sich auch die Rolle Wiens. St. Barbara musste nicht mehr stellvertretend eine unterdrückte Kirche sichtbar halten. Stattdessen konnte die alte Verbindung zwischen Wien und der Ukraine neu belebt werden. Wieder reisten Priester, Studenten und Gläubige zwischen beiden Welten. Die Brücke war wieder offen.
2018 erhielt die Seelsorge für die katholischen Ostkirchen in Österreich schließlich eine neue kirchenrechtliche Form.
Papst Franziskus errichtete ein eigenes Ordinariat für die Gläubigen der katholischen Ostkirchen in Österreich.
Damit wurde institutionell sichtbar, was St. Barbara seit dem 18. Jahrhundert verkörpert.
Zur katholischen Kirche gehören die ukrainische griechisch-katholische Kirche, die rumänische griechisch-katholische Kirche, die ungarische griechisch-katholische Kirche und weitere katholische Ostkirchen mit jeweils eigener Geschichte und Tradition. Auch die historischen Kirchen von Mukatschewo und Križevci gehören in diese vielgestaltige Welt, wie mittlerweile auch die arabisch-sprachige Gemeinde der katholischen melchitischen Kirche oder die greichisch katholische Kirche der Slowakei. Und mitten in Österreich bleibt St. Barbara ihr ältester gemeinsamer Bezugspunkt.
Dann kam der 24. Februar 2022. Mit dem russischen Großangriff auf die Ukraine begann die größte Fluchtbewegung Europas seit dem Zweiten Weltkrieg. Wieder kamen Ukrainer nach Wien. Und wieder wurde St. Barbara zu einem Ort, an dem Menschen in einer fremden Stadt etwas Vertrautes fanden. Sie hörten ihre Sprache. Sie sahen die Ikonen. Sie feierten dieselbe Liturgie, die sie aus Lwiw, Kyjiw, Ternopil oder anderen Orten kannten. Sie beteten für Angehörige an der Front, für Tote und Vermisste und für eine Heimat im Krieg. Plötzlich war die alte Geschichte der Kirche wieder Gegenwart. 1775 hatte Maria Theresia St. Barbara Menschen aus dem Osten ihrer Monarchie übergeben. Fast 250 Jahre später fanden dort erneut Menschen aus der Ukraine eine geistliche Heimat.
Vielleicht lässt sich erst heute ganz erkennen, wie ungewöhnlich Maria Theresias Experiment von 1775 war.
Das Barbareum existierte in seiner ersten Form nur neun Jahre. Und dennoch lebt seine Idee weiter. Es ging darum, Menschen nicht dadurch in eine größere Gemeinschaft einzufügen, dass man ihre Tradition beseitigte. Ein ukrainischer, rumänischer, ungarischer oder kroatischer griechisch-katholischer Christ musste nicht lateinisch werden, um katholisch zu sein. Einheit verlangte nicht Gleichförmigkeit. Das war im 18. Jahrhundert keineswegs selbstverständlich. Und vielleicht ist es auch im 21. Jahrhundert noch keine selbstverständliche Einsicht.
Deshalb lohnt es sich, in der Postgasse die Tür von St. Barbara zu öffnen. Die Kirche erzählt von Maria Theresia und Joseph II., von der ersten Teilung Polens und dem Ende der Habsburgermonarchie, von Galizien und Lemberg, Mukatschewo und Križevci, Siebenbürgen und Ungarn.
Sie erzählt von Studenten, die aus fernen Provinzen nach Wien kamen, um Theologie zu studieren. Von Ukrainern, die in der Reichshauptstadt eine kulturelle Heimat fanden. Von einem Heiligen, dessen Leichnam vor zwei Kriegen fliehen musste. Von Kardinal Innitzer und seinem Versuch, während des Holodomor das Schweigen über das Verhungern von Millionen Menschen zu durchbrechen. Von einer Kirche, die Stalin verbieten ließ und die trotzdem überlebte. Und von Flüchtlingen, die heute wieder in Wien ankommen. Vielleicht ist St. Barbara gerade deshalb eine zutiefst europäische Kirche. Nicht weil hier Unterschiede verschwunden wären. Sondern weil sie sichtbar bleiben durften. Ukrainer, Rusinen, Rumänen, Ungarn, Kroaten und andere Völker brachten unterschiedliche Sprachen und Geschichten mit. Ihre Kirchen entstanden aus unterschiedlichen historischen Unionen. Ihre nationalen Identitäten entwickelten sich auf verschiedenen Wegen. Und dennoch konnten sie sich in Wien unter einem Dach begegnen. Das Barbareum war dafür vor 250 Jahren ein erstaunlicher Anfang. Sein Seminar ist längst verschwunden. Die kleine Kirche aber steht noch immer in der Postgasse. Vor ihrer Ikonostase wird weiterhin jene byzantinische Liturgie gefeiert, für die Maria Theresia den griechisch-katholischen Christen 1775 mitten in Wien einen eigenen Ort gab. Reiche sind seither untergegangen. Grenzen wurden verschoben. Diktaturen entstanden und verschwanden. Menschen wurden vertrieben und fanden eine neue Heimat. St. Barbara blieb. Als Gedächtnis einer untergegangenen Monarchie. Als Heimat verschiedener katholischer Ostkirchen. Als ukrainischer Erinnerungsort. Und vor allem als eine kleine Wiener Brücke zwischen Ost und West.