"Europa ist schon lange nicht mehr vor so großen geistigen Herausforderungen gestanden, wie heute", betonte der Leiter der ökumenischen Arbeitsstelle "Forum für Weltreligionen" (FWR), Petrus Bsteh, im Gespräch mit Radio Stephansdom. Denn Europa sei keineswegs gerüstet, den Ansturm von Flüchtlingen und Migranten, vor allem aber auch den Ansturm geistiger Strömungen aufzunehmen. Der interreligiöse Dialog sei deshalb eine große europäische Herausforderung. Die Christen müssten in diesem Dialog mehr denn je mit einer Stimme - also nicht konfessionell zersplittert - sprechen, so Petrus Besteh: "Ich glaube, die ökumenische Basis ist diejenige, die auch in Hinkunft den interreligiösen Dialog zusehends tragen wird, weil die Fragen und Anforderungen, die an uns Christen herangetragen werden, immer tiefer zu den eigentlichen Wurzeln unseres Glaubens gehen."
Dialog auf ökumenischer Basis
Der gemeinsam geführte Dialog sei auch das Kernanliegen der ökumenischen Arbeitsstelle "Forum für Weltreligionen", die die Arbeit der ehemaligen "Kontaktstelle für Weltreligionen" der österreichischen Bischofskonferenz weiterführt. Petrus Bsteh, der die Kontaktstelle über 25 Jahre lang geleitet hat, erklärt: "Die Bischofskonferenz hat rein formell seine Institution für den interreligiösen Dialog ausgesetzt. Wir versuchen aber eine Kontinuität zu bewahren; im Großen und Ganzen hat sich nicht viel geändert. Im Beirat waren schon bisher die orthodoxe, die lutheranische, die methodistische Kirche voll präsent. Wir haben auf ökumenischer Basis gearbeitet und bieten hier weiterhin unsere Dienste an."
Basis dafür ist das Zweite Vatikanische Konzil mit seiner Erklärung zu den nichtchristlichen Religionen "Nostra Aetate" sowie die Erklärung "Charta Oecumenica" der europäischen Kirchen.
Europas Religionen und der Atheismus
Das "Forum für Weltreligionen" bietet neben der Fachzeitschrift "Religionen unterwegs" die Vortragreihe "Agora" an, die sich ab Donnerstag, 15. März 2012, mit der Situation der Weltreligionen in Europa auseinandersetzt. In Europa gäbe es breite Strömungen, so Bsteh, die mit Kirche oder Glaubensgemeinschaft nichts zu tun haben wollen, sondern eher skeptisch, distanziert oder explizit atheistisch leben, sich aber auch gesellschaftspolitisch einbringen wollen: "Das ist eine geistige Macht in Europa, die wir sehr ernst nehmen müssen." Die Atheismen versteht Bsteh als eine ernsthafte Anfrage an die Religionen.
Die Vorstellung von einer "Wiederkehr der Religionen" in Europa sei naiv, meint Bsteh. "Wir glauben nicht, dass Religion im herkömmlichen Sinn den heutigen Menschen genügen kann, die Leute sind da allergisch und fühlen sich nicht ganz ernstgenommen." Doch die Auseinandersetzung mit Glaubensfragen, Glaubensrichtungen, Spiritualität und Ethik sei zu ernst, als dass man die Menschen billig abspeisen sollte, betont Bsteh.
Neben der Herausforderung durch atheistische Strömungen sei die Situation für die Weltreligionen - etwa für Islam und Buddhismus - auch in einer anderen Hinsicht radikal neu: "Es ist gar nicht so selbstverständlich, dass buddhistische oder islamische Traditionen, die an sich eine sehr breite und unorganisierte Einheit bilden, plötzlich mit einer Stimme sprechen müssen. Gegenüber dem säkularen Staat müssen sie aber Ansprechpartner und Institutionen haben, mit denen dann der Staat verhandeln kann", erklärt Bsteh.
Die "Agora"-Vortragsreihe "Atheismus und die Restauration der Religiosität in Europa" wir in Kooperation mit dem Katholischen Akademikerverband durchgeführt und findet im Festsaal des Institutes für Ethik in der Medizin statt (Universitätscampus, 1090 Wien, Spitalgasse 2-4, Hof 2.8).
Johanna Rahner (Universität Kassel)
Die neue Theologie ("Theologie nouvelle") ein Verrat an der Restauration kirchlicher Volksfrömmigkeit oder Ausdruck gültiger Identität kirchlichen Wandels?
Donnerstag, 15. März 2012, 18.30 Uhr
Rabbiner Walter Homolka (Berlin/Potsdam)
Das Judentum als universelle Religion - zwischen Tradition und Moderne
Dienstag, 17.April 2012, 18.30 Uhr
Rüdiger Lohlker (Universität Wien)
Anfragen europäischer Muslime an den islamischen Glauben - Ein Weg in die Zukunft?
Dienstag, 22.Mai 2012, 18.30 Uhr
Johann Figl (Universität Wien)
Die buddhistischen Erlösungslehren - offen auch für theistische Interpretationen?
Donnerstag, 14. Juni 2012, 18.30 Uhr
(sj)
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