
Der Holodomor der Jahre 1932 und 1933 war eng mit Stalins gewaltsamer Kollektivierung der Landwirtschaft verbunden. Bauern wurden gezwungen, sich Kolchosen anzuschließen; vermeintlich wohlhabende Bauern, die sogenannten „Kulaken“, wurden enteignet, deportiert oder verfolgt. Gleichzeitig verlangte der sowjetische Staat Getreideabgaben, die der bäuerlichen Bevölkerung immer weniger zum Überleben ließen.
Während das stalinistische Regime die Katastrophe in der Ukraine leugnete und Informationen darüber unterdrückte, versuchte Innitzer, die internationale Öffentlichkeit aufzurütteln und eine überkonfessionelle Hilfsaktion ins Leben zu rufen.
Der Historiker Timothy Snyder betont dabei eine entscheidende Verschärfung: Die Hungersnot war nicht lediglich eine unbeabsichtigte Folge einer katastrophalen Wirtschaftspolitik. Als der Hunger bereits eingesetzt hatte, traf die sowjetische Führung Ende 1932 und Anfang 1933 Entscheidungen, die ihn insbesondere in der Ukraine massiv verschärften. Lebensmittel wurden beschlagnahmt, Dörfer bei Nichterfüllung der Abgabequoten von der Versorgung abgeschnitten und die Bewegungsfreiheit Hungernder eingeschränkt. Nach heutigen Schätzungen starben in der Sowjetukraine mehrere Millionen Menschen.
Die politische Verantwortung der stalinistischen Führung ist deshalb für das Verständnis des Holodomor zentral. Die Verbindung zwischen bäuerlichem Widerstand, ukrainischem Nationalbewusstsein und Stalins Furcht vor einer politisch unzuverlässigen Ukraine führte zu Maßnahmen, die das Hungersterben dramatisch verschärften.
Zum Hunger kam die systematische Verschleierung. Ausländische Journalisten in der Sowjetunion arbeiteten unter erheblichen Einschränkungen. Die sowjetische Führung bestritt die Hungerkatastrophe und versuchte, Nachrichten darüber zu kontrollieren.
Auch in Österreich entstand daher zunächst nur ein undeutliches Bild. Schon 1932 berichteten Zeitungen über die katastrophalen Folgen der sowjetischen Agrarpolitik und über Versorgungsprobleme. Das ganze Ausmaß des Hungersterbens wurde einer breiteren Öffentlichkeit aber erst im Laufe des Jahres 1933 bekannt.
In dieser Situation wurde Theodor Innitzer aktiv. Am 20. August 1933 wandte sich der Wiener Erzbischof mit einem öffentlichen Appell an die internationale Gemeinschaft. Sein Anliegen war ausdrücklich humanitär: Die Hilfe für die Hungernden sollte nicht an politischen oder konfessionellen Gegensätzen scheitern. Innitzer wollte internationale Hilfsorganisationen zusammenführen und die Weltöffentlichkeit auf eine Katastrophe aufmerksam machen, deren Existenz Moskau weiterhin bestritt.
Am 16. Oktober 1933 versammelten sich auf Einladung Innitzers in Wien Vertreter der katholischen, orthodoxen und evangelischen Kirchen sowie der Israelitischen Kultusgemeinde. Innitzer verstand Wien dabei als möglichen Vermittlungsort zwischen Ost und West.
Das war mehr als eine symbolische Geste. In einer politisch und konfessionell tief gespaltenen Zeit versuchte ein katholischer Kardinal, Menschen unterschiedlicher religiöser Herkunft für ein gemeinsames humanitäres Ziel zusammenzuführen: Hungernde sollten Hilfe erhalten, unabhängig davon, welcher Religion oder politischen Ordnung sie angehörten.
Im Herbst entstand eine internationale und interkonfessionelle Initiative für die Hungergebiete der Sowjetunion. Im Dezember 1933 kamen im Erzbischöflichen Palais erneut Vertreter verschiedener Hilfsorganisationen zusammen. Innitzer betonte, dass die Welt über das Hungersterben informiert und die vorhandenen Hilfsbemühungen gebündelt werden müssten. Die Abschlussdeklaration stellte einen klaren Zusammenhang zwischen der Katastrophe mit ihren Millionen Opfern und der Politik des sowjetischen Regimes her.
Innitzers Initiative konnte die Katastrophe nicht aufhalten. Gerade darin liegt die Tragik dieser Geschichte. Humanitäre Hilfe setzt voraus, dass sie die Betroffenen erreichen darf. Ein Regime, das die Existenz einer Hungersnot leugnet, kann zugleich verhindern, dass internationale Hilfe dorthin gelangt, wo sie benötigt wird.
Deshalb lässt sich kaum beziffern, wie vielen Menschen Innitzers Engagement unmittelbar das Leben retten konnte. Seine vielleicht nachhaltigste Leistung lag auf einer anderen Ebene: Er half, das Schweigen zu durchbrechen.
Das war 1933 keineswegs selbstverständlich. Denn die Auseinandersetzung um den Holodomor war von Anfang an auch eine Auseinandersetzung um Wahrheit und Wahrnehmung: Findet eine Katastrophe, die ein Regime leugnet und vor der Außenwelt abschirmt, überhaupt Eingang in das Bewusstsein der Welt? Innitzer bestand darauf, dass dies geschehen musste.
Gerade aus heutiger Perspektive verdient dieses Engagement besondere Aufmerksamkeit. Theodor Innitzer ist eine historische Persönlichkeit mit Widersprüchen. Seine spätere Rolle im dramatischen Jahr 1938 und sein anfänglich problematischer Umgang mit dem „Anschluss“ Österreichs gehören ebenso zu seiner Biografie und dürfen nicht ausgeblendet werden.
Aber historische Persönlichkeiten werden nicht verständlicher, wenn man ihre Biografien auf einen einzigen Augenblick reduziert. Der Innitzer des Jahres 1933 zeigt eine andere Seite: einen Kirchenmann, der eine weit entfernte Katastrophe nicht als Angelegenheit eines fremden Staates abtat. Wo Millionen Menschen verhungerten, sah er zunächst keine geopolitische, sondern eine menschliche Frage.
Timothy Snyder hat in seinen Arbeiten über die nationalsozialistische und stalinistische Massengewalt immer wieder darauf aufmerksam gemacht, dass hinter den gewaltigen Opferzahlen einzelne Menschen mit ihren je eigenen Leben stehen. Historisches Erinnern darf sie nicht in einer abstrakten Zahl verschwinden lassen. Auch darin erhält Innitzers Initiative von 1933 eine Bedeutung, die über ihre unmittelbare Wirkung hinausreicht: Die Hungernden sollten nicht namenlos und unbeachtet sterben.
Vielleicht liegt darin auch die bleibende Aktualität dieser Episode. Humanität beginnt dort, wo das Leiden eines Menschen nicht deshalb weniger wichtig wird, weil er jenseits einer politischen, nationalen oder religiösen Grenze lebt. Und manchmal besteht die erste Form der Hilfe darin, öffentlich auszusprechen, was andere verschweigen wollen.
Im Jahr 1933 hat Theodor Innitzer genau das getan.
Quellen und weiterführende Literatur:
Autor: Georg Schimmerl