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16.12.2015 · Spiritualität · Schöpfungsverantwortung

„Der Physiker muss nicht Atheist sein“

In der Physik macht man sich Vorstellungen von einem bestimmten Gebiet. Diese Vorstellungen werden von Theoretikern gemacht, die sich in erster Linie mit Mathematik und eben den physikalischen Anwendungen beschäftigen.

 

Der Theoretische Physiker Herbert Pietschmann beschäftigt sich Zeit seines Lebens abseits der wissenschaftlichen Herausforderungen mit Fragen des Glaubens. Warum ist ihm das wichtig und wo erkennt er Sinn im Leben?

 

Der SONNTAG: Was bringt Sie zum Staunen?

 

Prof. Dr. Herbert Pietschmann: Man kann auf den verschiedensten Ebenen staunen. Ich kann in meinem eigenen Beruf darüber staunen, in was für wunderbarer Weise Materie angeordnet ist, wenn man zu den kleinsten Teilchen hinunterkommt, zu den Elementarteilchen.

 

Was ich aber als echtes Staunen bezeichnen möchte, ist die Tatsache, dass ich auf der Welt bin und dass es überhaupt eine Welt gibt.

Sie beschäftigen sich Zeit ihres Lebens mit Theoretischer Physik. Was kann man sich darunter vorstellen?

 

Prof. Dr. Herbert Pietschmann: Ungefähr bis Ende des 19. Jahrhunderts war die Physik noch eine Einheit und ist dann, weil sie so kompliziert geworden ist, zerfallen in die Experimental- und die Theoretische Physik.

 

Dass heißt, in der Physik macht man sich Vorstellungen von einem bestimmten Gebiet, zum Beispiel vom Atom. Diese Vorstellungen werden von Theoretikern gemacht, die sich in erster Linie mit Mathematik und eben den physikalischen Anwendungen beschäftigen.

 

Und dann müssen solche Vorstellungen aber immer überprüft werden. Das ist das Wesen der Physik seit Galileo Galilei. Man muss also ein Testexperiment vorschlagen, an dem man überprüfen kann, ob die theoretischen Vorstellungen vernünftig sind. Das ist dann die Aufgabe der Experimentalphysiker.

Beides zu können, hat sie nie gereizt?

 

Prof. Dr. Herbert Pietschmann: Ursprünglich habe ich versucht Experimentalphysiker zu werden, weil ich sehr gerne gebastelt habe, aber in Wien war man in den 1950er Jahren noch nicht auf einem so hohen Niveau, wie die Theoretische Physik in dieser Zeit mit Erwin Schrödinger oder Walter Thirring.

Für einen Naturwissenschaftler ist der Glaube an Gott nicht selbstverständlich, für Sie aber schon, warum?


Prof. Dr. Herbert Pietschmann: Die zentrale Frage dabei ist jene von Leibnitz: „Warum ist nicht Nichts?“

 

Darauf gibt es drei verschiedene Antworten.

  1. Die eine ist von Menschen, die sich meistens als Agnostiker bezeichnen: Ich wende mich lieber irdischen Dingen zu, diese Frage ist mir zu kompliziert, die stelle ich nicht.
  2. Die zweite ist jene der Atheisten, die sagen: Also einen Grund dafür darf es auf gar keinen Fall geben, das muss alles zufällig entstanden sein. Joseph Ratzinger hat in seinen Vorlesungen den Ausspruch getätigt: Es gibt keinen Glauben ohne Zweifel. Aber der Trost, den der Gläubige hat ist, dass der Ungläubige auch manchmal zweifelt.
  3. Die dritte Möglichkeit ist: Dass man sagt, es muss einen Grund geben für die Existenz dessen, was es eben gibt, was sonst?

Dieser Grund hat ein Innen und ein Außen.

Das Außen ist die Existenz des Universums und das Innen ist die Existenz von mir, dass ich bin und diese Frage stellen kann.

 

Dazu gibt es zwei Antworten, die asiatische und die europäische.

  • Die asiatische lautet, dass man den Sinn des Ganzen nicht sprachlich erfassen kann. Eines der Hauptwerke des Taoismus von Laotse ist das Tao Te King, das Buch vom Sinn und Leben. Das beginnt mit dem Satz, das ausgesprochene Tao ist nicht das Tao. Das heißt, der Sinn lässt sich mit der Sprache nicht erfassen. Deswegen ist in Asien der Weg der Religion jener der Meditation.
  • In Europa sind wir die glücklichen Empfänger einer Botschaft. Zuerst hat sich dieser Sinn selbst gemeldet im brennenden Dornbusch und dann vor ein bisschen mehr als 2.000 Jahren als Mensch, als Jesus von Nazareth.

Das Wort ist Fleisch geworden. Ganz kann man es ja nicht verstehen. Das ist aber so etwas unglaublich Tröstliches für mich, dass ich gerne darüber spreche, weil ich mir wünsche würde, dass viele Menschen, das als Trost empfinden.

 

Ferdinand Ebner, ein österreichischer Philosoph, hat gesagt: Gott existiert nur in der zweiten Person und nicht in der dritten. Deswegen habe ich bisher Gott noch nicht erwähnt.

 

Ich kann zwar zu Gott und mit ihm sprechen, aber nicht über Gott. Das ist eine sehr tiefe Erkenntnis. Die erinnert auch ein bisschen an den asiatischen Weg.

Sind denn Naturwissenschafter nicht von ihrer Profession her Atheisten oder Agnostiker?

 

Prof. Dr. Herbert Pietschmann: Bei der naturwissenschaftlichen Arbeit ist sozusagen der Atheismus mitprogrammiert. Erwin Schrödinger hat gesagt: Ich finde Gott nicht in den Physikbüchern, sagt der Physiker, und dafür wird er von denen gescholten, in deren Katechismus steht, Gott ist Geist.

 

Das heißt aber nicht, dass der Physiker Atheist sein muss. Der hat die freie Wahl, Agnostiker oder Atheist zu sein, oder sich mit Gott zu beschäftigen.

Was lässt sie glauben?

 

Prof. Dr. Herbert Pietschmann: Das ist schwer zu sagen. Schon als ganz junger Mensch hat mich immer die Frage beschäftigt: Was ist das Leben? Ich bin auf der Welt, was ist das eigentlich?

 

Auf diese Frage gibt es keine endgültige Antwort. Das hat dann dazu geführt, dass ich die innere Gewissheit erlangt habe, dass das Leben sinnvoll ist. Dass es nicht einfach so abzuspulen ist, sondern dass dahinter auch ein tieferer Sinn liegt. Und damit ist man dann schon nicht mehr Atheist.

 

Wie zeigt sich für Sie dieser Sinn im Leben?

 

Prof. Dr. Herbert Pietschmann: Am allerbesten in der Liebe. So heißt es auch im Neuen Testament. Die Voraussetzung für die Liebe ist die Freiheit.

 

Ich zitiere dazu aus dem Galaterbrief von Paulus, der meines Erachtens noch viel zu wenig beachtet wird. Da sagt Paulus: Ihr seid von Jesus zur Freiheit berufen.

 

Benützt diese Freiheit aber nicht zum Dienste des Fleisches, sondern beachtet, dass das gesamte Gesetz erfüllt wird, in dem einen „Liebe deinen Nächsten wie Dich selbst“. Darin ist der gesamte christliche Glaube in einer wunderbaren Weise zusammengefasst.

Albert Einstein sagte: Gott würfelt nicht. Schließen Sie sich dem an?

 

Prof. Dr. Herbert Pietschmann: Nein. Denn Einstein verstand unter Gott nicht jenen Gott, den wir meinen, sondern die Summe der Naturgesetze.

Gibt es so etwas wie Gott für Menschen, die nicht glauben?

 

Prof. Dr. Herbert Pietschmann: Die häufigste Meinung ist, sie glauben an den Zufall. Zufall ist Ersatz für Gott. Das ist aber relativ unsinnig, wenn man sich überlegt, was Zufall bedeutet.

 

Manche glauben an die Evolution. Das heißt dann, die Evolution hat den Menschen geschaffen und ähnliches.

 

Es gibt Ersatzgötter, die nur nicht so genannt werden.

erstellt von: Der SONNTAG / Stefan Hauser
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Weitere Informationen

Prof. Dr. Herbert Pietschmann

studierte Mathematik und Physik. Es folgten Forschungsjahre in Genf (CERN), Virginia, Göteborg und Bonn, in denen er auch auch viele Vortragsreisen durch Europa, USA, Japan und China unternahm.

1968 wurde Herbert Pietschmann Universitätsprofessor an der Universität Wien (zuerst Ao. Univ.-Prof., ab 1971 O. Univ. Prof.), wo er seit 1994 Vorstand des Instituts für theoretische Physik war.

Seit 1. Oktober 2004 ist Herbert Pietschmann emeritiert. Er ist korrespondierendes Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und der Wiener Internationalen Akademie für Ganzheitsmedizin, Mitglied der New York Academy of Science und Fellow der World Innovation Foundation.

Prof. Dr. Herbert Pietschmann setzte sich in zahlreichen Büchern mit den Zusammenhängen zwischen Naturwissenschaften und Gesellschaftsentwicklung auseinander.

 


Das Interview zum nachhören auf Radio Klassik Stephansdom

 



 

 

 

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