Wenn Christen und Muslime am selben Tag zu fasten beginnen – ein Ereignis, das nur selten eintritt –, entsteht ein Augenblick ungewohnter Nähe. Zwei Traditionen, die sich im Alltag oft fremd bleiben, folgen gleichzeitig einem Weg der Konzentration, des Verzichts und der Versöhnung. Diese Koinzidenz lädt dazu ein, das Verbindende neu wahrzunehmen.
Es passiert nur sehr selten, dass die christliche Fastenzeit und der islamische Ramadan am selben Tag beginnen. Der eine Kalender folgt der Sonne, der andere dem Mond – normalerweise laufen sie aneinander vorbei. Dieses Jahr berühren sie sich. Am 18. Februar beginnen Katholiken und Muslime ihre jeweiligen Fastenzeiten. Das wirkt unscheinbar und ist doch bemerkenswert: Ein gemeinsamer Startpunkt kann den Blick öffnen für Traditionen, die einander fremd erscheinen und doch tief miteinander verbunden sind.
Fasten ist in beiden Religionen ein Weg der Sammlung. Ein Weg, der nicht trennt, sondern Erfahrungen teilt: Hunger, Konzentration, innere Klärung, der Wunsch nach Versöhnung. In einer Zeit, in der religiöse Debatten häufig über Lautstärke funktionieren, erinnert diese Koinzidenz daran, dass Spiritualität im Alltag beginnt – und im Alltag verbinden kann.
Die christliche Fastenzeit zählt vierzig Tage. Das ist keine zufällige Länge, sondern eine Zahl mit biblischem Gewicht. Die Vier steht in der antiken Symbolik für die Welt in ihrer ganzen Ausdehnung: vier Himmelsrichtungen, vier Winde, vier Eckpunkte des Alltags. Wenn sich diese Vier verzehnfacht, wird sie zur Vierzig und drückt die Hoffnung auf Wiederherstellung der vollkommenen Ordnung aus.
Vierzig Tage dauert in der Bibel eine Phase, die den Menschen an einen Übergang führt. Noah findet nach vierzig Tagen Flut wieder festen Boden unter seinen Füßen. Israel sucht vierzig Jahre lang seinen Weg in die Freiheit. Elia geht vierzig Tage, bis er auf dem Horeb die leise Stimme Gottes hört. Und Jesus fastet vierzig Tage in der Wüste, bevor er seinen Weg beginnt. Vierzig Tage haben die Kraft, einen Menschen zu ändern. Das geschieht in der Regel nicht spektakulär, sondern durch stille Wiederholung, durch ein tägliches Sich-Ausrichten.
Auch der Ramadan trägt eine Symbolik des Übergangs und der Erneuerung. Er erinnert an die Nacht, in der nach islamischer Überlieferung die ersten Worte des Korans offenbart wurden. Die täglichen Rhythmen von Enthaltsamkeit und Abendmahl, von Konzentration und Rücksicht, schaffen einen Raum, der die Gemeinschaft verändert und den Einzelnen schärfer sehen lässt, was im Leben wirklich trägt. Vergebung und Versöhnung sind zentrale Themen – und sie sind es im Christentum nicht weniger.
Bei den Kirchenvätern findet sich dafür eindringliche Sprache. Petrus Chrysologus, Bischof von Ravenna im 4. Jahrhundert formulierte es so: „Wie der Glanz der Sonne den Tag noch herrlicher macht und den dunklen Nebelschleier verscheucht, so heiligt das Almosen die Heiligkeit des Fastens und verscheucht die tiefe Nacht der Begierlichkeit mit dem Lichte der Liebe.“ Fasten allein genügt nicht. Es wird erst dann fruchtbar, wenn es uns als glaubende Menschen zu einem Mehr an Liebe wachsen lässt.
Martin Rupprecht, Pfarrer in Wien-Rudolfsheim, seit Jahrzehnten im intensiven Austausch mit Muslimen, weist darauf hin, dass viele Muslime ihren Glauben gerade über das Fasten neu entdecken. Es ist ein unmittelbarer Zugang: Man muss keine Texte auswendig können, keinen neuen Ritus lernen – man beginnt einfach. Die Erfahrung verbindet. Christen, die bewusst fasten, kennen dasselbe: Das Auslassen von Gewohnheiten, die uns binden, führt zu einer ungewohnten Klarheit.
Dass beide Fastenzeiten in diesem Jahr gleichzeitig beginnen, ist daher mehr als eine kalendertechnische Randnotiz. Es ist eine seltene Chance, den Blick zu weiten: Wie leben Muslime ihre Spiritualität im Alltag? Wie leben Christen sie? Was verbindet uns? Welche Sorgen teilen wir? Und welche Hoffnungen? Vielleicht zeigt sich gerade in dieser stillen Überschneidung, dass unterschiedliche religiöse Wege nicht in Parallelwelten führen müssen. Wer fastet, spürt seine Grenzen – und entdeckt darin die gemeinsame Menschlichkeit. Glaube wächst dort, wo Menschen sensibler füreinander werden. Und: Fasten – im Christentum wie im Islam – ist genau dafür da: ein Weg hin zu einem aufmerksamen, solidarischen Miteinander.