Rund 130 Seelsorgerinnen und Seelsorger der Diözese St. Pölten beschäftigten sich drei Tage lang mit dem Verhältnis zwischen Christentum und Judentum – und mit einer unbequemen Geschichte.
Beim Bildungshaus St. Hippolyt in St. Pölten endete am Mittwoch die diesjährige Priesterstudientagung der Diözese. Priester, Diakone und Pastoralassistentinnen und -assistenten diskutierten unter anderem das Matthäus-Evangelium und dessen Bezüge zum Judentum. Bischof Alois Schwarz hatte die Tagung eröffnet, Weihbischof Anton Leichtfried betreute sie organisatorisch.
Zentraler Referent war der Neutestamentler Prof. Markus Tiwald, der klare Worte fand: Der kirchliche Antijudaismus habe den Antisemitismus der Nationalsozialisten vorbereitet. Eine besonders heikle Stelle im Matthäus-Evangelium ist dabei der sogenannte „Blutruf" – jener Vers, in dem das Volk ruft: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!" Dieser Text wurde über Jahrhunderte missbraucht, um Judenfeindschaft religiös zu legitimieren. Tiwald betonte: Jesus war gläubiger Jude, der bis in den Tod für seinen Glauben einstand. Die endgültige Trennung zwischen Judentum und Christentum vollzog sich erst im fünften Jahrhundert. Bis dahin gab es Christinnen und Christen, die ihren Glauben mit jüdischen Vorschriften wie Sabbatheiligung oder Beschneidung verbanden. Erst danach begannen Kirchenväter mit teils scharfen antijüdischen Polemiken.
Aus dieser Geschichte leitet Tiwald konkrete Konsequenzen für den christlich-jüdischen Dialog ab. Die Kirche müsse zunächst ihre Schuldgeschichte ehrlich aufarbeiten und die eigene Mitverantwortung für Jahrhunderte des Antijudaismus anerkennen. Ebenso wichtig sei es, die jüdischen Wurzeln des Christentums stärker ins Bewusstsein zu rücken. Und schließlich brauche es eine sorgfältige Lektüre des Neuen Testaments: Wer seine Entstehungsgeschichte kennt, versteht heikle Texte im richtigen historischen Kontext. Einen wichtigen Schritt habe die katholische Kirche bereits beim Zweiten Vatikanischen Konzil (1962–65) gemacht. Mit dem Dokument Nostra Aetate wurde die Vorstellung verworfen, das Heil im Judentum sei durch das Christentum einfach „ersetzt" worden. Auch Lumen Gentium erinnere daran, dass Jesus das Volk Israel sammeln und zum Licht für alle Völker machen wollte.