Mit 77 Kreuz-Darstellungen des im Dezember verstorbenen Künstlers Arnulf Rainer eröffnet das Wiener Domkapitel gemeinsam mit der Sammlung Trenker eine Ausstellung im Stephansdom. Die Präsentation läuft bis 7. Juni.
Die Ausstellung erfolgt trotz einer vorherigen Absage Rainers: Der Künstler hatte einer Dom-Präsentation zunächst zugestimmt, die Zustimmung später aber über seinen Anwalt widerrufen. Dompfarrer Toni Faber bezeichnete die Situation als „schwierig“, betonte jedoch, dass das Projekt nach sorgfältiger Prüfung die Grundintention Rainers respektiere. Die Werke stammen aus der Sammlung von Werner Trenker, der sie dem Dom zur Verfügung stellt. Rainer beschäftigte sich sein Leben lang intensiv mit dem Kreuz, lehnte jedoch eine religiöse Vereinnahmung seiner Kunst ab. „Mit Respekt und Hochachtung nehmen wir das wahr“, sagte Faber. Die Schau wolle keinen Anspruch auf Deutung stellen, sondern ein „Angebot zum Dialog über die existenzielle Dimension von Horizontalem und Vertikalem“ bieten.
Gezeigt werden 70 Kaltnadelradierungen aus den Jahren 1956 bis 2014 sowie sieben großformatige Kreuzarbeiten aus den 1980er- und 1990er-Jahren. Die Zahl 77 wurde bewusst gewählt, da das Kreuzmotiv Rainers gesamtes Schaffen durchzieht. Viele Druckplatten überarbeitete er mehrfach – „Rainer wollte immer alles perfekt“, so Trenker. Kuratiert wurde die über eineinhalb Jahre vorbereitete Ausstellung von P. Friedhelm Mennekes.
Die Werke sind bewusst räumlich inszeniert: In der Vierung führt die Hängung zum mittelalterlichen Lettnerkreuz, das heuer ausnahmsweise während der Fastenzeit unverhüllt bleibt. Weitere Arbeiten sind in der Barbarakapelle, am sogenannten Zahnweh-Herrgott sowie im Aufgang zum Curhaus zu sehen. Dombaumeister Wolfgang Zehetner sprach von einer „geistlichen Linie“ innerhalb der Architektur des Doms. Die Ausstellung trägt den Titel „Das Kreuz – Das Zeichen, das bleibt“ und wird täglich zugänglich sein. Angesichts der rund sechs Millionen Besucher jährlich erhofft sich das Domkapitel eine breite Resonanz über konfessionelle Grenzen hinweg. Offizieller Start ist am Vorabend des Aschermittwochs mit Reden von Faber, Trenker, Mennekes, Schörghofer sowie Bundeskanzler Christian Stocker und Erzbischof Josef Grünwidl. Eine Teilnahme der Familie Rainers ist nicht zu erwarten.
Arnulf Rainer (1929–2025) zählt zu den international bekanntesten österreichischen Gegenwartskünstlern. Er wurde berühmt durch seine Übermalungen, Radierungen und Kreuzdarstellungen, die sich als zentrales Motiv durch sein Werk ziehen. Rainers Arbeiten verbinden expressive Geste mit existenzieller Verdichtung und einer radikalen Auseinandersetzung mit menschlicher Grenzerfahrung.