Filmemacher Erwin Wagenhofer, Grünen-Politikerin Alma Zadic und Ökonomin Sigrid Stagl diskutierten beim Figl-Haus-Europa-Talk im WUK
Für gesellschaftliche Transformation und mehr Eigeninitiative angesichts geopolitischer Spannungen und der ungelösten Klimafrage haben die Ökonomin Sigrid Stagl, der Filmemacher Erwin Wagenhofer und die Grünen-Politikerin Alma Zadic plädiert. Unter dem Titel "Europa am Scheideweg - zwischen Angst & neuer Hoffnung" sprachen die drei am Montagabend bei einer Podiumsdiskussion im Wiener WUK über politische, ökologische und kulturelle Perspektiven für die Zukunft Europas. Die Veranstaltung wurde von der Akademie für Dialog und Evangelisation im Figlhaus sowie der Europa-Hochschule CIFE organisiert.
"Die ganze Welt steht an einem Scheideweg. Das Alte ist noch nicht weg, das Neue noch nicht da", befand Wagenhofer. Technologie allein könne gesellschaftliche Probleme nicht lösen, ebenso wenig ein Festhalten an bestehenden Wirtschafts- und Machtstrukturen. Notwendig seien "Bottom-up-Bewegungen" und ein Umdenken in Fragen des Wirtschaftens und Zusammenlebens. Auf politische Entscheidungen zu warten, sei angesichts eines Systems, das sich stärker an Kapital als an Menschen orientiere, laut Ansicht des Autors und Filmemachers nicht ausreichend.
"Wir haben all das theoretische Wissen, das zu einem System Change notwendig wäre", konstatierte auch Stagl. Die Ökonomin betonte die Notwendigkeit von Innovation und "Exnovation" gleichermaßen, also Neues zu entwickeln und zugleich überholte Strukturen abzubauen. Dies betreffe etwa die Nahrungsmittelproduktion, die eine stärkere Orientierung auf pflanzliche Ernährung legen sollte. Kritik übte die Vorständin des Departments für Sozioökonomie der WU Wien an bestehenden Förderstrukturen, die ihrer Ansicht nach klimapolitisch kontraproduktiv seien: 82 Prozent der Förderungen im landwirtschaftlichen Bereich laufen in tierische Produkte, obwohl nur 36 Prozent der Kalorien von dort kommen, aber 84 Prozent der Emissionen.
Auch die Massentierhaltung, mit denen gewisse europäische Länder den Rest der EU mit minderwertigem Billigfleisch überschwemmen, bezeichnete Stagl als Teil des Problems, mit dem die EU getrost aufräumen könne: "So würden wir sogar innerhalb der planetarischen Grenzen wirtschaften."
Begegnungen für echten Austausch
Die ehemalige Justizministerin und Parlamentssprecherin der Grünen, Alma Zadic, plädierte im Hinblick auf die USA unter Donald Trump auf eine Rückbesinnung auf eine regelbasierte Weltordnung, die Menschenrechte hochhält, nicht das Recht des Stärkeren.
Die aktuelle gesellschaftliche Spaltung führte Zadic auf die Fragmentierung der Realität durch die zunehmende Nutzung Sozialer Medien zurück. Enge Filter-Bubbles, algorithmische Spins und fehlende gemeinsame Inhalte erschwerten zunehmend einen faktenbasierten Diskurs. Erzählungen von rechts, wonach "die Grünen den Österreichern ihr Schnitzel wegnehmen wollen" seien gleichsam falsch wie sinnlos und befeuerten einen Trend des "Klein-Klein", der nie zu den eigentlichen Problemen der Gesellschaft aufschließe. Notwendig sei eine neue Gesprächskultur mit echten Begegnungen jenseits digitaler Räume, so die stellvertretende Klubobfrau der Grünen. Als positives Beispiel strich sie dabei die Initiative "Österreich der runden und eckigen Tische" des Figlhauses herau