Ein zentraler ökumenischer Gottesdienst in Wien rief zu leidenschaftlicher Einheit der Christen auf und verband spirituellen Zuspruch mit konkreter Solidarität über Konfessionsgrenzen hinweg.
Im Zeichen eines eindringlichen Plädoyers für eine lebendige und engagierte Ökumene stand am Dienstagabend der zentrale Gottesdienst des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ) im Rahmen der internationalen Gebetswoche für die Einheit der Christen. Gastgeberin war die altkatholische Kirche St. Salvator im Wiener Stadtzentrum, die sich einmal mehr als offener Ort der Begegnung der Konfessionen präsentierte.
Der armenisch-apostolische Bischof Tiran Petrosyan, Vorsitzender des ÖRKÖ, begrüßte zahlreiche Vertreterinnen und Vertreter der Mitgliedskirchen sowie Gäste aus nahezu allen christlichen Traditionen des Landes. In seiner Predigt betonte der griechisch-orthodoxe Archimandrit Ilias Papadopoulos die Dringlichkeit eines gemeinsamen christlichen Zeugnisses. Angesichts globaler Krisen, gesellschaftlicher Polarisierung und religiöser Instrumentalisierung brauche es eine Kirche, die über konfessionelle Grenzen hinweg hörbar und glaubwürdig spricht.
Papadopoulos würdigte zugleich die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte: Die Zeiten offener Konfrontation zwischen den Kirchen seien weitgehend überwunden, vieles an ökumenischer Zusammenarbeit sei heute selbstverständlich geworden. Dass dennoch nicht alles möglich sei, dürfe jedoch nicht entmutigen. Statt Resignation brauche es Neugier, Offenheit und die Bereitschaft, sich von anderen Traditionen überraschen zu lassen. Eine solche „Ökumene der Neugier“ lade dazu ein, die geistlichen Schätze der jeweils anderen wahrzunehmen – unabhängig von Größe oder gesellschaftlichem Gewicht einer Kirche.
Deutliche Worte fand der Archimandrit auch mit Blick auf aktuelle innerkirchliche Entwicklungen. Unter Bezug auf die jüngste Weihnachtsbotschaft des Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios warnte er vor Gleichgültigkeit gegenüber der fortdauernden Spaltung der Christen. Das Streben nach Einheit sei kein optionales Projekt, sondern ein unverzichtbarer Auftrag christlichen Glaubens.
Besonderes Gewicht erhielt der Gottesdienst durch das Gebet für die Christen in Armenien und für jene, die aus der Region Berg-Karabach vertrieben wurden. Die liturgischen Texte der Gebetswoche wurden heuer von Kirchen in Armenien vorbereitet – vor dem Hintergrund politischer Spannungen und eines offenen Konflikts zwischen der armenischen Regierung und der Armenisch-apostolischen Kirche ein hochaktuelles Zeichen. Bischof Petrosyan erinnerte dabei an die jahrhundertealten spirituellen und liturgischen Traditionen seines Volkes und bekundete Vertrauen darauf, dass Christus seine Kirche nicht verlässt.
Das biblische Leitwort aus dem Epheserbrief – „Ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen seid zu einer Hoffnung in eurer Berufung“ – zog sich als roter Faden durch den Abend. Die Kollekte war dem ÖRKÖ-Spendenprojekt 2026 gewidmet, das armutsbetroffene ältere Menschen in der Republik Moldau unterstützt.
Die jährlich vom 18. bis 25. Jänner begangene Gebetswoche macht damit erneut deutlich: Ökumene bleibt kein abstraktes Ideal, sondern eine gelebte Praxis gemeinsamer Hoffnung und Verantwortung.