Patriarch von Jerusalem: Waffenruhe wird aufgrund Erschöpfung aller halten - Pfarrer in Gaza: Lage weiter "sehr kompliziert", weiter Warten auf Umsetzung des Friedensplans
Kardinal Pierbattista Pizzaballa, Lateinischer Patriarch von Jerusalem, hält ein Wiederaufflammen des Gaza-Kriegs für unwahrscheinlich. Die seit Oktober geltende Waffenruhe zwischen Israel und der Terrororganisation Hamas werde halten, sagte er im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Dies liege jedoch nicht an einer diplomatischen Annäherung - sondern daran, dass "alle erschöpft sind".
"Ich glaube nicht, dass sich die Situation aus humanitärer und politischer Sicht verbessern wird", so der oberste katholische Repräsentant in Nahost. Kämpfe und Gewaltausbrüche werde es weiterhin geben. "Dennoch bin ich recht zuversichtlich, dass wir einen Krieg, wie wir ihn in den vergangenen Jahren gesehen haben, zumindest in der nächsten Zeit nicht mehr sehen werden."
Pizzaballa äußerte sich auch zu dem von US-Präsident Donald Trump angekündigten "Friedensrat" ("Board of Peace"), der zum neuen politischen Leitungsgremium des Gazastreifens werden soll. Sicherlich werde der Schritt, der nach seinen Informationen fast abgeschlossen sei, für Kontroversen sorgen, so der Kardinal. "Aber auf jeden Fall müssen wir den Beginn einer neuen Phase für den Gazastreifen einleiten." Die Menschen im Konfliktgebiet benötigten schließlich eine Perspektive.
Grenzen weiter geschlossen
Dass die Lage vor Ort im Gazastreifen "weiterhin sehr unklar und sehr kompliziert", hat indes der dortige katholische Pfarrer Gabriel Romanelli am Dienstag dargelegt. Obwohl der israelische Beschuss aufgehört habe, zerstöre Israel seit Inkrafttreten des Waffenstillstands im Oktober verstärkt Häuser. Auch das Töten von Einwohnern halte an. Gleichzeitig weite Israel seine territoriale Kontrolle aus.
Zwar hätten jüngste Berichte über eine baldige Implementierung der zweiten Phase des Friedensplans für "etwas Gelassenheit" bei den Menschen gesorgt. Gleichzeitig aber seien viele verängstigt, weil es weiterhin keine klaren Zeichen dafür gebe. Als Beispiel nannte Romanelli die geschlossene Grenze nach Ägypten sowie die Ankündigung israelischer Regierungsvertreter, die Grenze nur in Richtung Ägypten zu öffnen. Der argentinische Ordensmann äußerte sich bei einem Zoom-Austausch mit einer internationalen Bischofsgruppe bei deren Jerusalembesuch.
Als widersprüchlich beschrieb Romanelli die Versorgungslage. Während es auf den kommerziellen Märkten inzwischen ein breiteres Angebot gebe, mangele es an humanitärer Hilfe, auf die die Mehrheit der Menschen angewiesen sei. Auch sauberes Wasser und Medikamente gebe es nicht in benötigter Menge.
Weiter sagte der Pfarrer, das Ansehen der Kirche sei während des Krieges gestiegen. Die Nähe der Kirche zu den Armen habe die Wertschätzung für Christen und die Kirche in Gaza gestärkt. Seit Beginn des Konflikts am 7. Oktober 2023 ging die Zahl der Christen im Gazastreifen nach Aussage Romanellis beinahe auf die Hälfte zurück. Sechs Prozent ihrer Mitglieder habe die Gemeinde durch Todesfälle verloren, darunter 23, die durch israelischen Beschuss getötet worden seien; 23 weitere seien mangels ausreichender medizinischer Versorgung gestorben