Beim außerordentlichen Konsistorium rief Papst Leo XIV. die Kardinäle zu Einheit, Demut und gemeinsamer Verantwortung auf und warnte eindringlich vor persönlichen Agenden und kirchlichen Lagerbildungen.
Im Vatikan tagt seit Mittwoch ein außerordentliches Konsistorium, zu dem Papst Leo XIV. alle 245 Kardinäle der Weltkirche eingeladen hat. Die Beratungen, die hinter verschlossenen Türen stattfinden, stehen unter besonderen Vorzeichen: Erstmals in der Geschichte des Kardinalskollegiums stellen die über 80‑Jährigen die Mehrheit. Von den derzeit 245 Kardinälen haben 123 das 80. Lebensjahr überschritten, 122 sind jünger. Damit sind mehr als die Hälfte der Teilnehmer nicht mehr wahlberechtigt für ein künftiges Konklave und können auch keine Leitungsämter in der römischen Kurie mehr übernehmen.
Gleichzeitig zeigt diese demografische Verschiebung, wie sehr die Zusammensetzung des Kardinalskollegiums von früheren Pontifikaten geprägt ist. Europäer und Nordamerikaner bilden – vor allem aufgrund des hohen Anteils älterer Kardinäle – weiterhin die größte Gruppe. Ihnen stehen etwas mehr als 100 Kardinäle aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Ozeanien gegenüber. Die weltkirchliche Vielfalt ist dennoch sichtbar, auch wenn einige Kardinäle – wie der in der Mongolei tätige Italiener Giorgio Marengo – geografisch nicht eindeutig zuzuordnen sind.
Im Mittelpunkt des heutigen Vormittags stand die Eucharistiefeier im Petersdom, bei der Papst Leo XIV. eine eindringliche Predigt hielt. Er bezeichnete das außerordentliche Konsistorium als einen „Moment der Gnade“, in dem die Einheit der Kirche sichtbar werden müsse. Die Kardinäle seien nicht zusammengekommen, um eigene Programme zu verfolgen, sondern um gemeinsam zu erkennen, „was der Herr zum Wohl seines Volkes von uns verlangt“.
Mit ungewöhnlicher Klarheit warnte Leo XIV. davor, persönliche Agenden oder die Interessen einzelner Gruppen in den Vordergrund zu stellen. Das Konsistorium sei kein Ort für parteiliche Strategien, sondern ein geistlicher Raum, in dem „unsere Projekte und Eingebungen einer Prüfung unterzogen werden, die nur vom Herrn kommen kann“. Der Papst betonte, dass die Kirche angesichts globaler Spannungen, sozialer Ungleichheit und einer Menschheit, „die nach Frieden hungert“, oft an ihre Grenzen stoße. Dennoch könne sie – und müssten gerade die Kardinäle – einander beistehen und dem Papst helfen, „das zu finden, was Gott für die Kirche will“.
Leo XIV. würdigte ausdrücklich den jahrzehntelangen Dienst der Kardinäle in aller Welt. Dieser Dienst sei „etwas Großes und zutiefst Persönliches“, für jeden einzigartig und für die Kirche insgesamt unverzichtbar. Zugleich erinnerte er an die Schwere der Verantwortung, die sie gemeinsam mit dem Nachfolger Petri tragen. Diese Bürde könne nur in der Haltung des Vertrauens auf Gott getragen werden. Die Predigt war geprägt von einem starken Appell an die brüderliche Zusammenarbeit. Jeder solle „in geordneter Weise zum Wohl aller beitragen“, getragen von der Einheit des Glaubens und der Gnade. Die Kirche könne ihre Sendung nur erfüllen, wenn sie in allen Bereichen ihres Wirkens enger zusammenarbeite.
Bereits am Mittwoch hatten die Kardinäle in einer ersten Beratungsrunde über die Themen entschieden, die im Konsistorium vorrangig behandelt werden sollen. Mit großer Mehrheit wählten sie zwei Schwerpunkte: die Mission der Kirche in der Welt von heute sowie Synode und Synodalität als Stil und Instrument kirchlicher Zusammenarbeit. Diese Themen knüpfen unmittelbar an zentrale Anliegen des verstorbenen Papstes Franziskus an. Dessen programmatische Schrift Evangelii gaudium hatte die Kirche 2013 auf eine missionarische Erneuerung eingeschworen. In den letzten Jahren seines Pontifikats hatte Franziskus zudem die Synodalität als Grundprinzip kirchlicher Entscheidungsfindung gestärkt.
Die beiden anderen von Papst Leo vorgeschlagenen Themen – die Rolle des Heiligen Stuhls und die Liturgie – fanden keine Mehrheit. Besonders die Debatte über die Liturgie war von konservativen Kreisen erwartet worden, die sich mehr Raum für die Feier der alten lateinischen Messe wünschen. Diese Diskussion soll nun zu einem späteren Zeitpunkt geführt werden.
An den Beratungen nehmen laut Vatikan 170 Kardinäle teil, aufgeteilt in 20 Arbeitsgruppen. Die über 80‑Jährigen sitzen gemeinsam mit den Kurienkardinälen an elf Tischen, die unter 80‑Jährigen an neun weiteren. Jede Gruppe gibt ein mehrheitliches Votum ab, das in die Gesamtberatung einfließt. Papst Leo XIV. betonte zu Beginn der Sitzungen, er sei „hier, um zuzuhören“. Die Welt fordere von der Kirche ein stärkeres gemeinsames Handeln, und das Konsistorium solle helfen, Prioritäten für die kommenden Jahre zu bestimmen.
Am Donnerstag sollen die Beratungen fortgesetzt werden – mit dem Ziel, konkrete Leitlinien zu formulieren, die das Handeln des Papstes und der Kurie in den nächsten ein bis zwei Jahren prägen könnten.