Josef Grünwidl und die Dechanten reflektieren Herausforderungen und Perspektiven kirchlichen Leitens – zwischen Bestärkung, notwendiger Mahnung und einer Verheißung für die Zukunft.
Sehr ernste Worte hatte unser designierter Erzbischof Josef Grünwidl im Gepäck, als er am vergangenen Dienstag – vier Tage vor seiner Weihe und zwei Tage nach seinen einwöchigen Weihexerzitien im Stift Göttweig – mit den Dechanten der 48 Dekanate unserer Diözese und Vertretern der Diözesanleitung einen Tag gemeinsam im Priesterseminar verbrachte.
Das eigentliche Thema des Tages lautete: unser Leitbild („Wir bringen Menschen mit Jesus in Beziehung“). Und unser Erzbischof hatte dazu eine sehr ernste Botschaft: Um als Pfarrer die Spannung auszuhalten zwischen Seelsorger und Manager müsse die erste Sorge der eigenen Seele gelten.
Es gehe darum, so unser künftiger Erzbischof, in sich selber lebendig zu erhalten, was einmal Grund dafür war, Seelsorger zu werden. „Und dabei“, so zitierte Josef Grünwidl, einen Satz aus unserem Leitbild: „fange ich bei mir selber an.“ Erst dann kämen alle anderen Fragen, Aufgaben, Strukturen usw. Dazu hatte er eine Bestärkung bereit, vom Apostel Paulus: „Darum rufe ich dir ins Gedächtnis: Entfache die Gnade Gottes wieder, die dir durch die Auflegung meiner Hände zuteilgeworden ist. Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“ (2 Tim 1,6).
Dazu stellte er aber auch „eine ernste Mahnung“, und zwar vom Propheten Hosea: „Mein Volk kommt um, weil ihm die Erkenntnis fehlt. Weil du die Erkenntnis verworfen hast, darum verwerfe auch ich dich, sodass du nicht mehr als Priester für mich wirken kannst.“ (Hos 4,6). Und aus derselben Quelle eine Verheißung: „Sät für euch in Gerechtigkeit, erntet in Liebe! Nehmt Neuland unter den Pflug! Es ist Zeit, den HERRN zu suchen; dann wird er kommen und Gerechtigkeit auf euch regnen lassen.“
Als Erzbischof werde er als Teamplayer in der Zusammenarbeit mit den Pfarren, Entwicklungsräumen und Dekanaten daher für Kontinuität und Erneuerung stehen, kündigte Josef Grünwidl an. Den Weg des Leitbildprozesses und der drei großen Leitvokabeln Mission, Jüngerschaft und Strukturentwicklung werde er jedenfalls weitergehen. Die zentrale Frage sei für ihn: „Wie können wir unseren dreieinigen Gott der Liebe in der heutigen Gesellschaft verkünden?“
Intensiv setzten sich die Teilnehmer dieses Tages mit einem konkreten Satz des Leitbildes auseinander, das in seiner Gesamtfassung lautet:
Unser Auftrag: Wir bringen Menschen mit Jesus in Beziehung.
Das machen wir großzügig und gastfreundlich.
Darin streben wir nach Exzellenz.
Dabei schauen wir mit Gottvertrauen nach vorne.
Damit fangen wir bei uns selber an.
Der konkrete Satz war: Darin streben wir nach Exzellenz. Einzelne Dechanten gaben dazu auf Bitte der Organisatoren Einblicke, wie das gemeint sein kann. „Für mich hat das nichts mit Perfektionismus zu tun, sondern mit Begegnung – mit dem anderen, mit Jesus, mit Gott“, sagt etwa ein Dechant aus dem Südvikariat. Da gehe es um die Frage: „Merken Menschen, dass da jemand seinen Dienst mit Liebe macht oder nur nach Vorschrift? Es gehe ums Zeitnehmen für die Begegnung, um Räume dafür zu schaffen: „Und das kann ich nur, wenn ich selber beim Herrn Platz nehme, seinen Herzschlag höre.“
Ähnlich ein anderer Süd-Dechant: „Wie wird erfahrbar und konkret, dass es in der Kirche nie um die große Masse geht, sondern um jede und jeden einzelnen?“ Es kommt einfach darauf an, sich Zeit zu nehmen, etwa zum persönlichen Gespräch vor und nach jedem Gottesdienst. Sich gut vorzubereiten auf Gespräche und das eigene Verhalten zu reflektieren: „Warum war ich für diesen Menschen jetzt nicht da? Was kann ich das nächste Mal besser machen?“
Exzellenz nicht als Streben nach Perfektion, sondern als ein Tiefe Gehen, bei dem, was man tut – drüber sprach auch ein Dechant aus der Stadt Wien im Zusammenhang mit der Feier des Gottesdienstes: Wie verhindert man, dass der Altar nicht als bloße Ablagefläche erscheint? Sicherstellen, dass am Ambo wirklich nur das Wort Gottes vorgelesen wird. Nicht grundsätzlich die Kommunion aus dem Tabernakel nehmen, sondern auf die Symbolik des gemeinsam gebrochenen Brotes achten. Und, wie in seiner Pfarre umgesetzt: Die Weisung: „Nehmet und trinket!“ ernst nehmen und in allen Gottesdiensten die Kommunion in beiderlei Gestalten ermöglichen.
Und ein Dechant aus dem Norden erzählte von einem Besuchsdienst gegen die Einsamkeit vieler Menschen, auf den sich zwölf Menschen seiner Pfarre nicht nur eingelassen, sondern intensiv vorbereitet haben, etwa mit einem mehrteiligen Kurs der Caritas. „So dass die Besuchten berichten: Das war echte Begegnung, auch Begegnung mit Gott.“