Beim Tag des geweihten Lebens im Wiener Stephansdom hat Erzbischof Josef Grünwidl die Ordensleute der Erzdiözese zur Wachsamkeit, zur gelebten Liebe und zu realistischem Mut aufgerufen. In seiner Predigt betonte er die Bedeutung des täglichen Gebets und warnte davor, Ordensgemeinschaften klein- oder großzureden.
Mit deutlichen Worten hat Erzbischof Josef Grünwidl am 30. Jänner im Wiener Stephansdom Ordensleute und Angehörige verschiedener Formen des geweihten Lebens angesprochen. In seiner Predigt während der Vesper zum Tag des geweihten Lebens rückte er die geistliche Wachsamkeit und die Liebe als Kern christlicher Nachfolge in den Mittelpunkt.
Ausgangspunkt war das Evangelium vom wachsamen Diener. Wachsamkeit sei eine Grundhaltung für alle, die Christus folgen wollen, sagte Grünwidl. „Das Gebet, die Stille, das Hinhören auf Gottes Wort – das macht uns innerlich wach“, betonte er. Das tägliche Gebet sei das „gegürtete Gewand“, das Ordensleute bereit mache, aufmerksam und bewusst zu leben.
Neben der Wachsamkeit hob der Erzbischof die Liebe als entscheidenden Faktor des Ordenslebens hervor. Die Kirchenväter hätten die brennende Lampe als Bild des Glaubens und das Öl als Symbol der Liebe verstanden. „Erst die gelebte Liebe macht unseren Glauben zum Licht“, so Grünwidl. Wer teile, versöhne und im Alltag einer Gemeinschaft geduldig handle, lasse sein Leben leuchten.
Kritik äußerte Grünwidl an der verbreiteten Frage nach der Zahl der Mitglieder einer Gemeinschaft. Diese Frage sei gut gemeint, aber übergriffig und mache Ordensleute kleiner, als sie seien. Zugleich warnte er davor, Orden zu überhöhen oder sie als „wahre Christen“ gegenüber der Diözese herauszustellen. „Lasst euch nicht kleiner und nicht größer machen, als ihr seid“, sagte der Erzbischof. Ordensleute sollten ihre Berufung „dankbar, selbstbewusst und mit Demut – dem Mut zum Dienen“ leben.
Mit historischen Daten ordnete Grünwidl den Rückgang der Ordensmitglieder ein. Zwischen dem 13. und frühen 19. Jahrhundert habe es in Österreich konstant 800 bis 1000 Ordensleute gegeben. Erst im 19. Jahrhundert sei die Zahl durch Neugründungen und soziale Herausforderungen auf rund 15.000 angewachsen. Der aktuelle Rückgang sei daher „schmerzlich, aber keine neue Entwicklung“, so Grünwidl. Zugleich erinnerte er an die derzeit 91 Gemeinschaften des gottgeweihten Lebens in der Erzdiözese Wien, die er als „Oasen der Spiritualität und des Gebets“ bezeichnete.
Seinen zentralen Hoffnungsimpuls fasste er in einem Satz zusammen: „Gott umarmt uns in der Wirklichkeit – im Hier und Heute.“ Nicht in der „guten alten Zeit“ und nicht in einer idealisierten Zukunft finde man die Nähe Gottes, sondern in der Gegenwart.
Zum Abschluss zitierte der Erzbischof ein Gebet der heiligen Edith Stein, das besonders den Jubilarinnen und Jubilaren galt, und dankte den Ordensleuten für ihr Gebet, ihr „Leuchten in der Liebe“ und ihre Hingabe.