Zum Internationalen Holocaust-Gedenktag mahnen Erzbischof Grünwidl, Regina Polak und Bischof Scheuer zu wachem Erinnern und persönlicher Verantwortung. Betroffenheit allein reiche nicht – das Gedenken müsse vor Gleichgültigkeit schützen und sensibel machen für die Gefahren von Hass und Ausgrenzung heute.
"Am heutigen Tag erinnern wir uns an die Opfer des Holocaust. Nach so vielen Jahren der Aufarbeitung ist es immer noch ein unfassbares Verbrechen, das jede menschliche Vorstellungskraft übersteigt. Damit das nie wieder passieren kann, müssen wir die Erinnerung wach halten" – so Erzbischof Josef Grünwidl auf seinen Social-Media-Kanälen zum heutigen Internationalen Gedenktag an die Opfer der Shoah, zugleich dem Jahrestag der Befreiung des Lagers Auschwitz-Birkenau.
Auch die Präsidentin des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit, Prof. Regina Polak, mahnte in einem Ö1-Beitrag eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem Holocaust an. Angesichts zunehmender gesellschaftlicher Spannungen, wachsendem Rassismus und neuem Antisemitismus reiche bloße Betroffenheit nicht aus: „Wenn Judenfeindlichkeit, Rassismus und Hass heute das gesellschaftliche Klima vergiften, höre ich dies als Aufruf, das Gedenken an Auschwitz zu vertiefen. Aber Betroffenheit allein ist zu wenig.“ Der Gedenktag erinnere an ein singuläres Verbrechen der Menschheitsgeschichte. Nicht, weil Leid oder Tod jüdischer Menschen einzigartig wären – Genozide habe es viele gegeben –, sondern wegen der beispiellosen Systematik, Bürokratie und Industrialisierung des Mordens, verbunden mit der breiten gesellschaftlichen Verstrickung: Täter:innen, Profiteur:innen, Mitläufer:innen und Wegschauende.
Polak zeigte sich besorgt über wachsende Distanz zur Erinnerungskultur. So gaben in der Studie „Was glaubt Österreich?“ im Jahr 2024 rund 40 Prozent an, man solle „nicht immer wieder aufwärmen“, dass Jüdinnen und Juden im Zweiten Weltkrieg ermordet wurden. „Diese Beobachtungen erschrecken mich. Aber moralische Empörung hilft nicht“, sagte Polak. Gefragt seien Argumente, Bildung – und auch persönliche Reflexion: „Wie sprechen Familien und Freundeskreise über Jüdinnen und Juden? Wirken Parolen von damals in mir nach?“
Der Linzer Bischof Manfred Scheuer rief in einer Stellungnahme zu einem selbstkritischen Erinnern auf, das nicht in historischer Distanz erstarrt. Gedenken müsse „in ein moralisches Verhältnis zu den Opfern treten“ und dürfe nicht zur nüchternen Geschichtstatsache verflachen.
Jeder Mensch müsse sich fragen, welche Rolle er oder sie in Dynamiken von Ausgrenzung und Gewalt einnehme: „Opfer, Richter, Täter, Zuschauer, Beschämter, Anwalt?“ Eine vorschnelle Identifikation mit den „Guten“ sei ebenso problematisch wie das Abgleiten in statistische Betrachtungen, die die Opfer hinter Zahlen verschwinden ließen. Scheuer warnte davor, NS-Verbrechen zu relativieren oder als „bewältigt“ zu erklären. Orte wie Auschwitz, Gusen oder Hartheim ließen sich nicht einfach historisch abschließen. Ein ehrliches Gedenken müsse Scham, Trauer und Reue zulassen – und zugleich sensibel bleiben für heutige Formen von Armut, Entwurzelung, Hass, Ressentiment und gesellschaftlicher Polarisierung.
Die Botschaften von Grünwidl, Polak und Scheuer eint der Appell, die Erinnerung an den Holocaust nicht zur Routine werden zu lassen. Der 27. Jänner soll nicht nur mahnen, sondern den Blick schärfen für gegenwärtige Gefahren: Antisemitismus, Rassismus, gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit – und die erschreckende Fähigkeit von Gesellschaften, in Inhumanität abzugleiten.
Erinnern bedeutet Verantwortung – persönlich, gesellschaftlich und politisch. Und es bedeutet, die Opfer nicht dem Vergessen zu überlassen.