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21.01.2019 · Glaube · Berufung

„Wir diskutieren gerne, viel und konfliktbeladen“

Matthias Geist: „Wir leben ein Evangelium, das uns Freiheit schenkt.“

Matthias Geist ist neuer Superintendent der evangelisch-lutherischen Diözese Wien. Im SONNTAG-Gespräch schildert er, was das Evangelische ausmacht und das Miteinander der christlichen Kirchen.

 

 

Derzeit läuft die Weltgebetswoche für die Einheit der Christen. Der Ökumenische Rat der Kirchen organisiert diese. Auch während des Jahres gibt es regen Kontakt zwischen den 16 christlichen Kirchen.

 

Großes Erfolgsprojekt ist die „Lange Nacht der Kirchen“, die die Unterschiedlichkeit und Gemeinsamkeit mit vielfältigem Programm zeigt, heuer am 24. Mai.

 

Einer mit viel Erfahrung dabei ist Matthias Geist, langjähriger evangelischer Gefängnisseelsorger. Geist ist seit 1. Dezember Superintendent für die evangelisch-lutherischen Christen in Wien. Sein Amt ist vergleichbar mit jenem eines Diözesanbischofs in unserer katholischen Kirche.

 

Die evangelische Diözese Wien ist bis auf wenige Quadratkilometer ident mit dem Gemeindegebiet der Bundeshauptstadt. In 21 Pfarrgemeinden erfahren 50.000 evangelische Christen Seelsorge.

 

Ich treffe Matthias Geist in der Superintendentur beim Naschmarkt. Geist schildert, wie er schon als Bub vom evangelischen „Herz und Geist“ geprägt wurde. Beides sind die Nachnamen seiner Eltern, die sich seit jeher evangelisch engagieren. Sein Vater Till Geist lebte ihm als evangelischer Pfarrer viel vor.

 

Eigentlich wollte Matthias nicht in seine Fußstapfen treten.

 

Matthias Geist: Ich war in meiner Kindheit in Kärnten in Kinder- oder Jugendgottesdienstkreisen und habe mich mit acht Jahren entschieden, nie und nimmer evangelischer Pfarrer zu werden. Mein Vater stand vorne beim Altar und predigte auf der Kanzel. Das konnte ich mir damals überhaupt nicht vorstellen.


Was hat Sie interessiert?
Im Gymnasium war es die Mathematik. Ich habe das auch mit Statistik als Nebenfach studiert.


Ohne Theologie ging es dann doch nicht?
Das stimmt, da ich viele Freunde in kirchennahen und theologienahen Kreisen hatte. Ich schlitterte sozusagen durch meine Latein- und Griechischkenntnisse in den Hebräischkurs hinein. Dann begann ich auch mit dem Theologiestudium.


Die Zielsetzung blieb vorerst eine andere?
Ich habe zwar die Ausbildung zum evangelischen Pfarrer gemacht, bin danach aber nicht als geistlicher Amtsträger eingestiegen.


Wie haben Sie sich dann orientiert?
Ich war in einer Unternehmensberatung als Personal- und Organisationsentwickler tätig. Ich hatte da eineinhalb Jahre mit Menschen zu tun, die mit Kirche wenig oder gar nichts am Hut hatten und doch Seelsorge brauchten. Das war Teil meines Profils, das ich dort einsetzen konnte.


Dann wurden Sie aber Seelsorger und waren das über 17 Jahre in den vier Wiener Justizanstalten?
Ein Bereich, wo Freiheitsentzug gelebt wird, wo Menschen also nicht in Freiheit, wie wir sie kennen, ihr Leben aufbauen können, sondern ihnen alle Entscheidungen oft abgenommen, oder gar nicht ermöglicht werden. Ich habe immer ein offenes Ohr gehabt für jene, die auch einfach einmal ihre Klage loswerden wollten, über das eigene Leben und ihre Straftat.


Was belastet Gefangene?
Was am meisten belastet, ist es nicht mehr eine Zukunft denken zu können, auf die man hinlebt. Meine Aufgabe war es, die Menschen aus dem Sog, sich selbst mehr oder weniger aufzugeben, herauszuführen.


Die katholische Kirche bietet „Alpha-Kurse“ für den Glauben auch im Gefängnis an. Wie sehen Sie das?
In der Justizanstalt Hirtenberg gibt es diese. Ich glaube, dass es verschiedene Möglichkeiten geben soll, einen Glaubenskurs anzubieten, der auf die Persönlichkeit der Einzelnen zugeschnitten sein muss. Ich denke, das Ziel soll sein, Menschen in ihrem Sein, mit ihren Lebensfragen aufzunehmen.


Welche Kontakte haben Sie zur römisch-katholischen Kirche?
Ich bin von katholischen Kollegen sehr gut in die Gefängnisseelsorge eingeführt worden und habe gute Kontakte zu Weihbischof Scharl und Bischofsvikar Schutzki. Kardinal Schönborn kenne ich von den Weihnachtsfeiern in der Justizanstalt Josefstadt.


Was macht es aus, evangelisch zu sein?
Ein grundsätzliches evangelisches Prinzip ist die lebendige Demokratie. Wir diskutieren sehr gerne, viel, ausführlich und auch konfliktbeladen. Daraus ergibt sich, dass wir vieles in Gremien bestimmen und beschließen, auch Positionen und Ämter. Freiheit und Verantwortung.

 

Im Galaterbrief steht: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit.“ Wir leben ein Evangelium, das uns Freiheit schenkt, gleichzeitig aber nicht ins Uferlose weist.


In der katholischen Kirche gibt es die Ehelosigkeit der Priester. Sie sind verheiratet und Vater?
Wenn wir verheiratet sind und Familie haben, ist das sicher eine besondere Herausforderung, weil wir uns dann oft nicht ganz leicht tun zwischen Privatem und Beruflichen. Es ist aber dennoch ein großes Geschenk, dass wir die Möglichkeit haben, unser Leben in einer familiären Beziehung zu leben. Ich glaube, das bringt auch manches vom Evangelium ganz nah an die Menschen.


Die christlichen Kirchen leiden unter Mitgliederschwund. Gibt es eine Gegenstrategie?
Ich suche Möglichkeiten, wobei mir wichtig ist, nicht gleich den Zweckgedanken zu sehen bezüglich Kirchenbeitragseinnahmen. So kann es gelingen, dass wir Menschen mit in die Gemeinschaft nehmen.


Eines ihrer Hobbys ist das Marathonlaufen?
Der Marathon ist für mich ein guter Vergleich zum Leben und zum Glaubensleben. Denn im Glaubensleben haben wir auch Durststrecken und Labestationen. Und es gibt ein Ziel, worauf es lohnt, sich vorzubereiten.


Laufen Sie mit oder zu Gott?
Bei mir dauert der Marathon mindestens drei, manchmal auch an die vier Stunden. Da braucht man einen langen Atem. Es ist nicht nur anstrengend, sondern nach eineinhalb Stunden, auch im Training merke ich, jetzt bin’s nicht mehr nur ich, jetzt trägt mich was. Diese Erfahrung ist eine besonders schöne.

erstellt von: Der SONNTAG / Stefan Hauser
21.01.2019
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Weitere Informationen:

Stefan Hauser im Gespräch mit Matthias Geist, dem neuen Superintendenten der evangelisch-lutherischen Diözese Wien.


 

MATTHIAS GEIST

 

Geboren am 4. September 1969

 

Verheiratet mit Eva-Maria, das Ehepaar hat die Zwillinge Jonathan und Benjamin (15 Jahre)

 

Schule, Ausbildung:
AHS-Matura in Spittal/Drau, Studium der Mathematik und der Evangelischen Theologie an der Universität Wien

 

Konfirmationsspruch
„Ich lebe und ihr sollt auch leben“, Joh 14

 

Wirken in der evangelischen Kirche:
seit 1996: Religionslehrer, Vikariat in Wien-Landstraße, Mitarbeit in der Notfallseelsorge, Gefängnisseelsorge, seit Dezember 2018 Superintendent

 

Lieblingsmusik:
Mozart, Konstantin Wecker, Herman van Veen

 

Hobbys:
Marathon laufen, Schach, Sudoku, Kochen

 

Privat

Leben ist…
ist zuallererst ein Geschenk, das ich mir nicht selbst verdient habe. Das Leben ist eine Aufgabe, eine Herausforderung. Meine Eltern sind nun ins Pflegeheim gezogen, das bringt mich auch immer mehr zum Nachdenken, was wird sein, wenn ich loslasse. Einen Umgang damit zu finden, der einem den Abschied einmal leicht macht.
 

Glaube ist…
ist für mich weniger eine Gewissheit, sondern ein Vertrauen. Das Grundlegende, was man braucht, um vom heutigen Tag getrost auf den morgigen schauen zu können. Dass Gott mit mir den heutigen Tag, den nächsten Gedanken, einen übernächsten Schritt geht und ich dabei vielleicht auf Dinge vertrauen werde dürfen und müssen, die ich jetzt gar nicht bedenken und berechnen kann.

 

Sonntag ist…

ist der Ruhetag. Er ist auch uns geistlichen Amtsträgern fürs Innehalten beschert, auch wenn wir nicht immer gleich dazu kommen, weil wir ja auch Dienste versehen. Zeit für etwas haben, die wir uns sonst nicht nehmen.

 



weitere Lebens - und Glaubenszeugnisse

 


 

Der SONNTAG

die Zeitung der Erzdiözese Wien

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