Bischof Ägidius Zsifkovics: Es gehört zur Pflicht eines jeden Staatsbürgers und vor allem Christen, dass er sich für das gemeinsame Größere mit dem Urnengang einsetzt. Ich möchte alle Wahlberechtigten ermutigen, diesen Schritt zur Wahl zu tun.
Bischof Ägidius Zsifkovics: Es gehört zur Pflicht eines jeden Staatsbürgers und vor allem Christen, dass er sich für das gemeinsame Größere mit dem Urnengang einsetzt. Ich möchte alle Wahlberechtigten ermutigen, diesen Schritt zur Wahl zu tun.
An diesem Sonntag, 26. Mai, finden die Wahlen zum Europäischen Parlament statt. Warum es für uns Christen ein wichtiges Anliegen sein muss, zur Wahl zu gehen, erklärt der österreichische Europa-Bischof Ägidius Zsifkovics.
Wenn man den Bischofshof in Eisenstadt betritt, erkennt man schnell, dass die europäische Idee hier großgeschrieben wird. Gegenüber vom Eingang prangt ein mehrere Quadratmeter großes Plakat mit der Aufschrift „Europa braucht vieles, aber am meisten dich“.
An einer Stelle, an der täglich tausende Passanten vorbeigehen und fahren, sollen die Menschen aufmerksam darauf gemacht werden, dass sie gemeinsam Verantwortung für Europa tragen.
Der Mann, der dieses Kunstwerk beauftragt hat und generell ein großer Befürworter des europäischen Gedankens ist, ist der Eisenstädter Bischof Ägidius Zsifkovics.
Seit 2015 ist er innerhalb der Österreichischen Bischofskonferenz für Europaangelegenheiten zuständig. Somit vertritt er die österreichische Kirche in der Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Gemeinschaft in Brüssel.
Bischof Ägidius erklärt uns gleich am Anfang des Gespräches, warum er sich für Europa einbringt: „Ich bin ein Kind, das an der harten Grenze Europas am Eisernen Vorhang zur Welt gekommen ist. Seit diese Grenze eine offene ist, sind wir vom Rand Europas in die Mitte gerückt und haben eine neue Perspektive für die Zukunft erhalten.“
Sie schreiben in Ihrem Hirtenbrief an die Gläubigen Ihrer Diözese, dass Europa vor allem drei Dinge braucht: Spiritualität, Solidarität und Barmherzigkeit. Wie genau stellen Sie sich das vor?
Ägidius Zsifkovics: Wir erwarten in der Europäischen Union immer von den anderen, dass uns etwas Gutes geschieht und wenige sind bereit, auch wirklich von sich aus einen Beitrag zu leisten. Ich bin überzeugt davon, dass diese Europäische Union einfach ins Strudeln kommen muss, wenn es nur mehr Nehmer und keine Geber gibt.
Wir können nur dieses Europa in eine gemeinsame gute Zukunft führen, wenn jeder dazu seinen Beitrag an seinem Ort, wo er lebt und wirkt, konkret erbringt.
Warum wurden gerade Sie mit der Aufgabe des Europa-Bischofs betraut und warum ist Ihnen dies auch wichtig?
Es liegt mir einfach, die Funktion des Brückenbauers wahrzunehmen. Die Aufgabe ist nicht ein Zufall, sondern es ist mir zugefallen. Denn der Heilige Martin, der Patron unseres Bundeslandes und unserer Diözese, war ein großer Europäer, der überall herumgegangen ist. Er stammt aus dieser pannonischen Ecke. Er hat viele Grenzen überschritten und ich kann in einer guten Nachfolge das verwirklichen, was er uns schon vor vielen Jahrhunderten vorgezeigt hat.
Inwiefern kann man als österreichischer Bischof tatsächlich Einfluss auf die Politik und die Gesellschaft in Europa nehmen?
Ich habe in Brüssel immer wieder erfahren, dass Dinge, die uns nicht so genehm- oder die für Europa nicht so gesund sind, oft von ganz wenigen Menschen in Brüssel propagiert wurden und diese deshalb durchgekommen sind, nur weil die Mehrheit in Lethargie verfallen ist und nichts getan hat. Da bin ich ganz auf der anderen Seite.
Wir dürfen uns als Kirche nicht zurücknehmen, sondern müssen voll hinein in die Arena, um dort unsere Anliegen zu artikulieren.
Welche Anliegen sind das konkret?
Europa ist nicht nur auf Wirtschafts- und Rechtsverträgen gegründet, sondern wir müssen die Seele des Menschen berücksichtigen.
Wir haben einen großen Bruch zwischen West- und Osteuropa. Dieser ist noch immer nicht überwunden. Es ist unsere, vor allem meine Aufgabe, als kleine Brücke zwischen den beiden Teilen Europas alle mit ins Boot hineinzunehmen.
Wenn man auf die aktuelle Lage blickt, dann fällt auf, dass es einen starken Rechtsruck gibt und der „Mia san mia“-Gedanke als Nationalismus wieder zunimmt. Gleichzeitig steigt bei vielen die Skepsis gegenüber Europa. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?
Der Mensch hat aus der Geschichte nicht viel gelernt. Vor allem die ältere Generation müsste wissen, was es heißt, wenn es nur Nationalismus gibt, in welche fatale Ecke das Ganze gedrängt wird und was diese „Ideologien“ den Menschen letztlich gebracht haben.
Es stimmt mich auch traurig, dass in der ganzen Wahlwerbung für die Europawahl viel zu wenig das Positive herausgestellt wird, was Europa uns allen und das sage ich vor allem als Burgenländer gebracht hat und bringt. Wir hatten in vielen Bereichen Nachholbedarf.
Europa hat bei uns investiert. Denken wir nur an das große Friedensprojekt. Das sollte man herausstreichen und nicht diese satanischen Floskeln, die die Menschen nur im Negativen stärken wollen und ihnen keine Zukunft bringen. Das ist eigentlich der Tod Europas, wenn wir in diese Richtung gehen. Ich stehe für ein anderes Europa.
Sie stehen für ein anderes Europa, sagen Sie. Was wäre Ihre ganz persönliche Vision für Europa?
Europa soll ein Kontinent mit vielen verschiedenen Menschen, Sprachen, Ethnien, Konfessionen und Religionen sein, wo wir aufgrund unserer alten europäischen Werte ein friedliches und offenes Zusammenleben pflegen, wo man den Mitmenschen nicht als Konkurrenten sieht, sondern vielmehr als eine wertvolle Ergänzung für das Gesamte.
Was antworten Sie, wenn Sie jemand fragt, als was Sie sich fühlen, als Burgenländer, als Österreicher, als Europäer?
Jeder Mensch hat seine Identität, aufgrund seiner Muttersprache, seiner Zugehörigkeit zu einem Volk, zu einer Nation.
Aber es gibt auch eine gemeinsame europäische DNA, die auf drei Hügeln begründet ist:
Bundeskanzler Sebastian Kurz hat unlängst Reformpläne für die EU vorgestellt. Was halten Sie persönlich davon?
Ob in dieser schwierigen, instabilen Situation jetzt wirklich ein so gravierendes Update der EU nötig ist, bin ich mir nicht ganz sicher. Ein Aufschnüren des Lissabon-Vertrages wäre eine große Gefahr, dass da vieles zu Fall kommt.
Ich würde vielmehr vorschlagen, dass wir schauen, ob der vorhandene Vertrag wirklich gelebt und umgesetzt wird. Und der ist in vielen Dingen nicht- oder nur halb- umgesetzt worden. Daraus folgen auch die Probleme.
Ich wäre dafür, dass wir diesen Vertrag tatsächlich zum Leben bringen. In konkreten Fällen, wo es wirklich ein Update braucht, macht man Zusätze zum Vertrag. Und nach einer längeren Zeit, vielleicht auch nach einer stabileren Periode denken wir über eine Generalsanierung nach.
Sie sprechen von einer recht instabilen Periode. Gibt es trotzdem Tendenzen und Entwicklungen, die Sie hoffen lassen, dass die Idee Europas eine zukunftsfähige bleibt?
Ich möchte einfach nicht den Dämonen unserer Tage das Feld überlassen. Europa funktioniert! Europa ist immer ausbaufähig.
Da es viele Mitglieder und unterschiedliche Situationen gibt, müssen wir flexibel im Umgang und in der Bewertung sein. Europa ist auf einem guten Weg und wir sollen das, was nicht so funktioniert oder was als Chaos hochstilisiert wird, nicht überbewerten.
Europa kann nur vorwärts kommen, wenn wir eine positive Vision haben und unsere ganze Kraft dafür einsetzen, an dieser zu arbeiten und sie zu verwirklichen.
Es heißt, dass das Christentum in Europa immer weniger wichtig wird. Schlummert der Glaube bei vielen Menschen unter der Oberfläche und ist es an der Zeit, dass dieser geweckt wird?
Der Brand an der Kathedrale Notre-Dame in Paris hat gezeigt, dass selbst im laizistischen Frankreich, wo die Trennung von Staat und Kirche hoch gepriesen wird, Menschen eine Sehnsucht nach Religion haben. Das ist für mich ein Beweis dafür: Es geht in erster Linie um die spirituelle Dimension des Menschen, einfach darum, aus dem Glauben heraus das Leben zu gestalten.
In unserer Kirche hat die Weitergabe des Glaubens teilweise nicht wirklich funktioniert. Der Glaube ist vor allem bei der jungen Generation zu einem Museumsstück geworden. Daran haben wir zu knabbern, das ist unser Problem.
Unsere Kirche muss noch viel mehr zusehen, wie sie aus dieser Lethargie herauskommt und neue Impulse gibt. Es soll nicht nur eine Kirche von Funktionären und Berufschristen sein.
Einige Kritiker gehen davon aus, dass die Politik, die in Brüssel betrieben wird, in Wahrheit dem Christentum schadet. Wie sehen Sie diese Vorwürfe?
Ich würde nicht sagen, dass die EU ein Feind des Christentums ist. Im Europäischen Parlament sitzen sehr viele Christen und wenn diese wirklich nach ihrer Überzeugung abstimmen würden, dann müssten manche Gesetze anders aussehen.
Ich appelliere sehr an unsere eigenen Parlamentarier, dass sie zu ihrem Christsein stehen und dies auch in der politischen Fragestellung seinen Niederschlag findet.
Sie appellieren generell an die Verantwortung eines jeden Christen. Gehört dazu auch, am 26. Mai zur Wahl zu gehen?
Es gehört zur Pflicht eines jeden Staatsbürgers und vor allem Christen, dass er sich für das gemeinsame Größere mit dem Urnengang einsetzt. Ich möchte alle Wahlberechtigten ermutigen, diesen Schritt zur Wahl zu tun.
Wir sollten es nicht irgendwelchen Fundamentalisten überlassen, dass sie, ganz so wie beim Brexit, für viele eine schreckliche Zukunft bestimmen.

Bischof Ägidius Zsifkovics
Geboren am 16. April 1963
Ausbildung:
1982 bis 1987 Studium der Theologie an den Universitäten Wien und Zagreb;
1988 bis 1992 Studium des kanonischen Rechtes an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom
Kirchlicher Werdegang:
am 29. Juni 1987 zum Priester geweiht,
1992-1999 Ordinariatskanzler,
1994-2010 Pfarrer in Wulkaprodersdorf,
1999-2011 Generalsekretär der Österreichischen Bischofskonferenz,
seit 2010 Bischof der Diözese Eisenstadt,
Aufgaben in der Bischofskonferenz: Europa bzw. Flucht, Migration und Integration.
Leben ist…
für mich der Weg, der uns Menschen auf ein größeres Ziel jenseits aller Erwartungen hinführt.
Als Christen gehen wir, um es mit Augustinus zu sagen, bewusst auf dieses Ziel hin, mit allen Irrungen und Reifungen, die dazugehören. Die Heiden gehen dagegen bloß im Kreis.
Sonntag ist…
für mich der wichtigste Tag der Woche. Der Tag des Herrn ist ja auch der Tag für die Familie, für Freunde, für Erholung und ein erfülltes Menschsein abseits von Zwängen und Erwartungen.
Eine Gesellschaft, die den Sonntag opfert, gibt mehr preis, als sie sich vorstellen kann.
Glaube ist…
für mich das Urvertrauen in den Schöpfer aller Dinge. Es sagt mir, dass am Ende alles gut wird.
weitere Lebens- und Glaubenszeugnisse
weitere Informationen zu
E-Mail-Adresse: redaktion@dersonntag.at