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22.10.2018 · Glaube · Spiritualität

„Mystik kann man lernen“

Mystikern geht es nicht darum, dass die Menschen Bücher lesen, sondern dass sie verwandelt werden. Christliche Mystiker bleiben nicht dabei stehen, Texte über Jesus Christus zu lesen. Sie wollen Christus gleichgestaltet werden, in Christus sein, Tempel des Heiligen Geistes werden.

Zur Gotteserkenntnis gehört nicht nur das Wissen, sondern auch ganz stark die Erfahrung. Sabine Bobert, evangelische Professorin für Praktische Theologie in Kiel, erläutert, warum in der christlichen Mystik nicht das Lesen, sondern das
Eins-Werden und Eins-Sein mit Christus im Vordergrund steht.

 

 

 

Der Fromme von morgen wird ein Mystiker sein, einer, der etwas erfahren hat, oder er wird nicht mehr sein.“ Dieses berühmte Wort des großen JesuitenTheologen P. Karl Rahner wird meist nur mit dem ersten Satzteil zitiert.

 

Dass zum christlichen Glauben auch wesentlich der zweite Teil des Zitats gehört, ist nicht überall selbstverständlich.

 

Im ewigen Ringen zwischen Mystik und Erfahrung geht es um eine – biblisch fundierte – Christus-Mystik, ist die Kieler Theologin Sabine Bobert im Interview mit dem SONNTAG überzeugt. Bobert spricht demnächst bei den „Theologischen Kursen“ in Wien.


Die Mystik steht in vielen christlichen Bereichen unter dem Generalverdacht, vom biblischen Wort Gottes wegzuführen. Warum dieser Verdacht?


Mystikern geht es nicht darum, dass die Menschen Bücher lesen, sondern dass sie verwandelt werden. Christliche Mystiker bleiben nicht dabei stehen, Texte über Jesus Christus zu lesen. Sie wollen Christus gleichgestaltet werden, in Christus sein, Tempel des Heiligen Geistes werden.

 

Für Mönche verläuft dieser Weg hin zur Gleichgestaltung über: „Lectio“ (das Lesen heiliger Texte), „Meditatio“ (das Verinnerlichen des Gelesenen), „Oratio“ (Hingabe: sich mental, emotional und voluntativ von Gottes Gegenwart absorbieren lassen) hin zur „Contemplatio“ (das Alltagsbewusstsein überschreitet sich, vergleichbar dem Sonnenaufgang am Morgen hin zur vollen Mittagssonne im Zenit).


Warum ist Mystik als Gotteserkenntnis aus Erfahrung nicht antirational, versponnen oder gar irrational?


Wenn ein Physiker oder Chemiker nicht mehr ins Labor geht und nur noch aus der Überlieferung von Texten Physik oder Chemie betreiben würde, wäre das nicht irrational oder gar antirational?

 

Jede Religion wurzelt in einer mystischen Erfahrung, die dem Religionsgründer die geistigen und seelischen Augen geöffnet hat, so dass er mehr wahrnahm als seine Mitmenschen.

 

Jede Religion hat aus meiner Sicht ihr Existenzrecht darin, Menschen diese Grunderfahrung zu vergegenwärtigen. Das Hauptproblem sehe ich gegenwärtig darin, dass Nichtmystiker Nichtmystikern diese Grunderfahrung mit ihrem begrenzten Alltagsverstand zu erklären versuchen.


Viele geistliche Autoren, von Bernhard von Clairvaux bis Martin Luther, sprechen vom Einssein des Christen mit Christus. Ist das schon mystisch?

 

Vom Einssein mit Christus zu sprechen ist die Anwendung einer mystischen Sprachform. Es kommt nicht nur darauf an, davon zu sprechen, sondern Menschen den klaren Bewusstseinszustand und die emotionalen Energien von mystischen Grunderfahrungen (purificatio, illuminatio, unio) zu erschließen.

 

Reden genügt nicht. Durch (mystisch) Reden und (mystische) Texte lesen wird man weder Yogi noch Zen-Buddhist noch Christ. Es geht um transformierende Praxis.


Hat Mystik mehr mit dem Herzen oder mit dem Verstand oder doch mit beiden zu tun?


Ich füge noch als Drittes hinzu: Es geht um die Befreiung des Willens. Schauen Sie einfach, wie weit die Erfahrung  und Wirklichkeitswahrnehmung eines Menschen mit einer Nahtoderfahrung entfernt ist vom Alltagshorizont: was Menschen dort denken, fühlen, und nach welchen Zielen und Werten sie dort ihr Handeln ausrichten.

 

Mystik geht es um die nahezu vollständige Deprogrammierung von Kopf, Herz und Hand. Platon spricht davon, dass wir wie in einer Höhle leben und das nicht merken. Die Menschen hätten in der Höhle sogar eine Höhlenwissenschaft erfunden.

 

Gibt es überhaupt spirituelle „Techniken“? Kann man Mystik „lernen“?

 

Das Mönchtum vertrat immer die Auffassung, dass man Mystik lernen kann. Selbstverständlich gibt es auch spontane Erleuchtungserfahrungen und Einheitserfahrungen mitten in der Natur, beim Lieben oder sogar im tiefsten Leid, wenn man loslässt.

 

Die Hirnforschung bestätigt inzwischen, dass spirituelle Übungen wie Zen oder aus der Liebesmystik kurz-, mittel- und langfristig Hirnfunktionen und -strukturen verändern. Unsere Persönlichkeit und auch unser wahres menschlich-göttliches Wesen ist ein Projekt, das wir uns übend aneignen können.


Liegt die Schwierigkeit nicht auch darin, dass wir keine Erfahrung haben, sondern nur Texte, die von Erfahrungen berichten?


Inzwischen ist es so, dass Kirchen im Westen zunehmend zu Organisationen für Menschen werden, die auf Erfahrung verzichten können, während Menschen in anderen spirituellen und mystischen Traditionen sich übend wieder diese Erfahrungen erschließen.

 

Eine weitere Herausforderung bilden Menschen mit Nahtoderfahrungen in und außerhalb der Kirchen. Sie wurden – oft unvorbereitet – mitten in mystische Kernerfahrungen hineingeschleudert und warten auf eine Kirche, die ihnen im Verstehen und Verarbeiten hilft.

 

Hier wird direkt wieder mystische Kernkompetenz angefragt, die die Geheimnisse von Sterben und Tod begriffen hat.


Warum legen so viele heutzutage Wert auf Erfahrung, oft im Kontrast zu Wissen?


Warum nützt es kaum, Kochbücher zu lesen, wenn man danach nicht kocht? Wie satt wird man vom Wissen und Lesen?

 

Gelebtes Leben vollzieht sich in Handlungen. Wissen kann Flucht vor dem Leben sein und ersetzt es nicht. Erfahrung, Praxis ist der Prüfstein für Wissen.

 

Die mystischen Kernerfahrungen: Klärung von Kopf, Herz und Hand (Reinigung), Erleuchung, Vereinigung sind Stufen in der menschlichen Entwicklung. Wissen sollte Menschen in die Erfahrung dieser Wahrheit, in das Erleben wahren Menschseins führen.


Gibt es in unserem Jahrhundert so etwas wie eine Renaissance der abendländischen Mystik, mit Jesus-Gebet u.a.?


Die Säkularisierungsthese der Moderne hat sich als falsch erwiesen. Wir erleben die Respiritualisierung der Gesellschaft, und das auch in ganz zentralen Bereichen wie Medizin, Soziologie, Wirtschaft. In diesem Kontext spielen mystische Traditionen, auch die christlichen, wieder eine wichtige Rolle.

 

Das mantrische Beten und das Jesusgebet zählen zur Kerntradition der bildlosen christlichen Mystik, die auf die Überschreitung der Alltagsvernunft hin zur Erleuchtung und zur Vereinigung mit dem Göttlichen zielt.

 

Letztlich wird genau diese Renaissance das Christentum aus seinem bisherigen Verfall im Westen retten.

erstellt von: Der SONNTAG / Stefan Kronthaler
22.10.2018
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Weitere Informationen:

zur Person:

Sabine Bobert


Geboren: 1964 in Ostberlin.


Ausbildung, Beruf: Sie studierte Theologie an einem baptistischen Seminar, bevor sie zur evangelischen Kirche konvertierte. Seit 2001 Theologieprofessorin an der Universität Kiel/Deutschland.


Schwerpunkte: Forschungsschwerpunkte sind: Mystik im Kontext von interdisziplinären Consciousness Studies (Bewusstseinsstudien); Seelsorge in einer respiritualisierten Gesellschaft. Youtube-Kanal: „Mystik und Coaching Prof. Dr. Sabine Bobert“.


Termin in Wien:
Sabine Bobert spricht am 8. November 2018 (19-21 Uhr) in Wien bei den „Theologischen Kursen“ zum Thema: „Mystik für Aufgeklärte. Die spirituelle Kunst der Gotteserkenntnis aus Erfahrung.“

 


Sabine Bobert privat

Leben ist…
für mich Schönheit, Verbundensein, Loslassen von kulturellen Normen, Eintauchen in die Weisheit.

 

Sonntag ist…
für mich zunehmend ein kirchliches Klischee. Christus begegnet Dir in jedem Menschen, in jedem Moment, in dem Dein Geist klar und Dein Herz offen ist. Der
Himmel steht überall jedem offen.

 

Glaube ist…
für mich häufig noch ein Instrument, bei dem Menschen belehrt werden und dann blind etwas für wahr halten. Eigentlich ist er ein Liebesverhältnis, bis hin zum Einssein,
mit Gott.

 


 

Der SONNTAG

die Zeitung der Erzdiözese Wien

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