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12.04.2018 · Aus der Diözese · Seelsorge

Eine Ethik, die dem Leben dient

Im Gewissen geht es darum, die berechtigten Ansprüche der anderen an uns zu erkennen und mit unseren ebenso berechtigten eigenen Anliegen zu vermitteln.

Kirche, Sexualität und Gewissen: Wie sich diese drei Pole zueinander verhalten können und sollen, darüber spricht der Freiburger Moraltheologe Eberhard Schockenhoff am 2. Mai bei den „Theologischen Kursen“ in Wien. Im Blickpunkt: Das päpstliche Schreiben „Amoris laetitia“ und die Ehe-Lehre von Papst Franziskus.

 

Lange Zeit wurde das sechste der biblischen Zehn Gebote als „sex-tes“ Gebot missverstanden. Die Kirche sagte und wusste beinahe zu viel zu diesem Thema. Heute ist es fast umgekehrt, das Thema Kirche und Sexualität wird oft ignoriert oder ins Lächerliche gezogen.

 

Wie kommen Kirche und Sexualität wieder zusammen? Ist also nicht der ausgestreckte Zeigefinger, sondern die hilfsbereit ausgestreckte Hand die neue (alte) pastorale Methode?

 

„Das ist ein gutes Bild für die gewandelte Blickrichtung, zu der Papst Franziskus uns anleiten möchte“, sagt der Freiburger Moraltheologe Eberhard Schockenhoff im SONNTAG-Gespräch.

 

Franziskus kritisiere in „Amoris laetitia“ („Die Freude der Liebe“) eine „kalte Schreibtischmoral“. „Er denkt an einen ethischen Rigorismus, der unbarmherzig wirkt, weil er die persönlichen Lebensschicksale der einzelnen dem steilen Anspruch moralischer Ideale opfert“, sagt Schockenhoff: „Im Mittelpunkt einer lebensdienlichen Ethik stehen jedoch nicht abstrakte Prinzipien, sondern konkrete Menschen in ihrer Suche nach einem sinnerfüllten Leben.“


Kardinal Walter Kasper betont in seinem Buch „Die Botschaft von Amoris laetitia. Ein freundlicher Disput“, dass „Amoris laetitia“ „keine neue Lehre“ vertritt. Ist das päpstliche Schreiben also, wie er schreibt, „eine schöpferische Erneuerung der Tradition“?


Schockenhoff: In der Tat: Das päpstliche Lehrschreiben, das die Beratungen der Bischofssynode zusammenfasst, stellt keinen Traditionsbruch, sondern eine notwendige schöpferische Fortbildung der Tradition dar.

 

Dies sprengt den Rahmen des katholischen Traditionsverständnisses in keiner Weise, da dieses immer ein lebendiges Überlieferungsgeschehen meint, das auch eine Weiterentwicklung der kirchlichen Lehre einschließt.

 

Inwiefern gibt es keine Widersprüche zwischen Papst Johannes Paul II. und Papst Franziskus?
Zwischen den beiden Päpsten gibt es keine Widersprüche hinsichtlich der kirchlichen Lehre über die Unauflöslichkeit der Ehe und das Erfordernis ehelicher Treue.

 

Auch stimmen beide in der Annahme überein, dass es Handlungsweisen gibt, die ausnahmslos und in sich schlecht sind, ohne dass es dazu einer differenzierten Bewertung der Folgen bedürfte.

 

Papst Franziskus unterscheidet sich aber durch die Annahme, dass das Eingehen einer zivilen Zweitehe nicht immer als eine solche in sich schlechte Handlungsweise qualifiziert werden muss.

 

Ist es also möglich, dass jemand in der Gnade Gottes lebt, der moralische Tugenden nicht erfüllt und erfüllen kann?
Wer in der Gnade Gottes lebt, kann mit ihrer Hilfe den Weg des Guten soweit gehen, wie es seiner individuellen Befähigung und seinen persönlichen Lebensumständen entspricht.

 

Im Allgemeinen wird er dabei, wenn er sich anstrengt und einigermaßen Mühe gibt, auch ein tugendhaftes Leben führen können.

 

Das heißt jedoch nicht, dass er vor Fehlschlägen und Niederlagen gefeit ist, die aus eigener Schwäche hervorgehen oder von ihm, wie es beim Zerbrechen einer Ehe nicht selten der Fall ist, trotz eigener Anstrengung nicht verhindert werden können.

 

In einem solchen Fall sagt Papst Franziskus: Die Gnade Gottes hilft jedem dazu, die Antwort auf den Ruf Gottes zu geben, die ihm jetzt möglich ist und ihn auf dem Weg der Liebe weiter voranbringt.


Franziskus ermuntert in „Amoris laetitia“ (Nr. 227) die Familien zu häufigeren Beichten und zu geistlicher Begleitung. Ist diese Papst-Botschaft schon im deutschsprachigen Raum angekommen?


Die Praxis eines gemeinsamen geistlichen Lebens, die sich im Gebet, in der Bereitschaft zu gegenseitiger Vergebung und Versöhnung sowie auch in der Beichte äußern kann, ist im deutschsprachigen Raum in den letzten Jahrzehnten weithin abhanden gekommen.

 

Dabei stellt gerade das gemeinsame Gebet eine gute Schule der Aufmerksamkeit für den Anderen innerhalb einer Ehe dar, ohne dass es deshalb als Mittel zur Vorbeugung gegen Ehekrisen instrumentalisiert werden sollte.

 

„Wir sind berufen, die Gewissen zu bilden, nicht aber dazu, den Anspruch zu erheben, sie zu ersetzen.“ („Amoris laetitia“, Nr. 37) Wie und wann wird unser Gewissen von den Seelsorgern gebildet, anhand welcher Kriterien kann der Einzelne sein Gewissen bilden?


Im Gewissen geht es darum, die berechtigten Ansprüche der anderen an uns zu erkennen und mit unseren ebenso berechtigten eigenen Anliegen zu vermitteln.

 

In der Sprache Jesu ausgedrückt: Es geht darum, die rechte Balance zwischen den Geboten der Nächstenliebe und der Selbstliebe zu finden, von der Jesus spricht, wenn er dazu auffordert, den Nächsten wie sich selbst zu lieben.

 

Die einzelnen Gebote des Dekalogs leisten eine weitere Konkretisierung des Grundgebotes der Liebe zu Gott, zum Nächsten und zu sich selbst. In Konfliktfällen kann ich mein Gewissen auch dadurch schärfen, dass ich in geistlichen Gesprächen mit Seelsorgern und glaubwürdigen Christinnen und Christen Rat suche.

 

Seit der Enzyklika „Humanae vitae“ (1968) ist die Frage der Fruchtbarkeit der ehelichen Liebe seit gut 50 Jahren durch innerkirchliche Konflikte belastet...
Um „Humanae vitae“ ist es bereits unter Papst Benedikt XVI. stiller geworden; er hat die beständigen Ermahnungen seines Vorgängers jedenfalls in dieser Form nicht wiederholt.

 

Papst Franziskus erwähnt die Verurteilung der künstlichen Empfängnisregelung überhaupt nicht mehr. Stattdessen spricht er davon, dass auch die konkreten Wege der Familienplanung der Menschenwürde entsprechen sollen.

 

Die Zukunft wird zeigen, inwieweit sich unter diesen vorsichtigen Aussagen eine Abkehr des Lehramts von dem bisherigen strikten Verbot ankündigt. 

erstellt von: Der SONNTAG / Stefan Kronthaler
12.04.2018
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Weitere Informationen:

Theologische Kurse/Akademie am Dom

„Theologische Kurse“.

Ort: Stephansplatz 3, Wien 1.

Anmeldung, Info: 01/ 51552-3708 oder www.theologischekurse.at

 

25. 4. 2018, 18.30-21 Uhr: „Sexualität: Alles erlaubt, worauf zwei sich einigen?“, mit Pfarrer Dr. Gregor Jansen, Wien; Univ.-Prof. und ev. Pfarrerin Dr. Rotraud Perner; Univ.-Prof. Dr. Ines Weber, Linz.


2. 5. 2018, 15-17.30 Uhr: „Dem Menschen und seinem Gewissen trauen. Amoris laetitia als Wendepunkt der Moraltheologie?“, mit Univ.-Prof. Dr. Eberhard Schockenhoff, Freiburg.

18.30-21 Uhr: „Ehe für alle?“, mit Univ.-Prof. Schockenhoff.

 

4. 5. 2018, 9-11.30 Uhr: „Nach der Revolution. Die arabisch-christliche Welt im Umbruch“, mit Prof. P. Dr. Samir Khalil Samir SJ, Rom.

15.30-18 Uhr: „Das Christentum in frühislamischer Zeit“, mit Prof. P. Dr. Samir Khalil Samir SJ.


16. 5. 2018, 18.30-21 Uhr: „70 Jahre Staat Israel. Geschichte - Konflikte - Theologie“: mit  Assoc. Prof. Dr. Regina Polak, Wien; Dr. Eleonore Lappin-Eppel, Wien; Prof. em. Mosche Zimmermann, Jerusalem.

 

6. 6. 2018, 18.30-21 Uhr: „Mut zum fraglichen Sein. Zum Verhältnis von Angst und Glaube“, mit Univ.-Prof. Dr. Ulrich Körtner, Wien.


11. 6. 2018, 18.30-21 Uhr: „Das Hauptstück des Neuen Testaments. Der Römerbrief“, mit Bischof Hon. Prof. Dr. Michael Bünker.


21. 6. 2018, 18-20.30 Uhr: „Bilder der Sprache – Sprache der Bilder. Dom Museum Backstage“, mit Dr. Johanna Schwanberg, Dom Museum Wien.

 

 

 

 

weitere Informationen zu

Der SONNTAG

die Zeitung der Erzdiözese Wien

Stephansplatz 4/VI/DG

1010 Wien
T +43 (1) 512 60 63
F +43 (1) 512 60 63-3970

E-Mail-Adresse: redaktion@dersonntag.at

 

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