Bischof Benno Elbs – hier mit Jugendlichen in Rom: „Es geht um eine Veränderung der Haltung“.
Bischof Benno Elbs – hier mit Jugendlichen in Rom: „Es geht um eine Veränderung der Haltung“.
Bischof Benno Elbs, Teilnehmer der Bischofssynode 2015 über Ehe und Familie, über das nachfolgende Papstschreiben „Amoris laetitia“. Warum es die Haltung und den Blick der Kirche verändert hat. Interview mit der Wiener Kirchenzeitung "Der SONNTAG".
Es war eine eigenartige Situation in Rom bei der Bischofssynode im Herbst 2015. „Wir sind in einer Aula gesessen und haben den, der geredet hat, nicht gesehen, sondern nur in einer Art Fernsehen“, erzählt der Vorarlberger Bischof Benno Elbs dem SONNTAG: „Vorne waren die Bildschirme, insofern war es sozusagen Fernsehen mit einer relativ langweiligen Handlung.“
Nach einem Synodentag im Oktober war Elbs „etwas frustriert“, da trifft er Papst Franziskus in der Aula. „Der Papst sagte mir: ‚Wir müssen weitergehen und auf Christus schauen.‘ Das war für mich dann ganz wertvoll, diese Erfahrung“, sagt Elbs.
Eines Tages lag in Elbs’ Synodenfach, wo sich immer Bücher befanden, eine Dreifaltigkeits-Ikone von Andrei Rubljew. „Ich habe dann bei meinem Statement den anderen diese Ikone gezeigt: Mit den Männern, die da am Tisch sitzen und wo noch ein Platz frei ist. Diese Ikone zeigte mir dieses Willkommen, dieses Geborgensein, das in der Liebe Gottes zum Ausdruck kommt, das hat mich sehr berührt. Diese Ikone war für mich dann ausschlaggebend, dass ich mein Statement noch verändert habe“, erzählt der Feldkircher Bischof.
DER SONNTAG: Herr Bischof, nach den beiden Bischofssynoden 2014 und 2015 hofften alle mit der Veröffentlichung von „Amoris laetitia“ auf klare Entscheidungen des Papstes. Dabei schreibt er in Nr. 298, dass es „keine Patentrezepte“ gibt. Was gilt jetzt? Sie schreiben in ihrem jüngsten Buch vom „Paradigmenwechsel“…
Bischof Benno Elbs: Für mich ist die Haltung der offenen Türen der Paradigmenwechsel. Es war nicht das Ziel der Bischofssynode, sozusagen neue Grundprinzipien zu entwerfen. Es ist nicht im Sinne von „Amoris laetitia“, neue oder andere Regeln zu schreiben, sondern im Endeffekt geht es um eine Veränderung der Haltung. Und diese Haltung besagt in etwa das, was der Philosoph Josef Pieper „Situationsgewissen“ nennt. Es gibt Grundprinzipien, die wertvoll sind, die ihren Sinn haben, und entscheidend ist, wie Thomas von Aquin sagt, diese mit Klugheit und Weisheit in komplexen Situationen anzuwenden. Diese Prinzipien auch zu verwenden, das ist aus meiner Sicht die große Weiterentwicklung. Es wird offengehalten für die Einzelsituation, was die ethische Beurteilung einer Situation betrifft. Das ist ein großer Schritt des Weitergehens.
Wie sieht dieser Kurs der offenen Türen entlang der drei pastoralen „Hauptstraßen“ – „begleiten“, „unterscheiden“ und „integrieren“ – aus?
„Begleiten“ heißt für mich, mit den Menschen zu gehen, in einer großen Achtsamkeit und Wertschätzung für ihre Wege, weil man als Bischof oder Priester oder als Christ davon ausgehen darf, dass jeder Mensch versucht, wie es auch in „Amoris laetitia“ heißt, „so gut er kann“ den Weg zu gestalten. Das „Unterscheiden“ ist das Wertschätzen der unterschiedlichen Lebenssituationen. Es ist ein großer Unterschied, ob jemand eine große Familie hat, Vater, Mutter und drei Kinder, oder ob jemand alleinerziehend ist oder jemand geschieden und wiederverheiratet ist. Oder ob jemand auf der Flucht oder ob jemand krank ist. Das sind ganz unterschiedliche Situationen und ich glaube, dass im Sinne der Wertschätzung der Wege der Menschen und der Möglichkeiten des Weitergehens dieses klare Hinschauen, dieses „Unterscheiden“, notwendig ist. „Intregrieren“ ist die Grundbewegung, dass die Menschen nicht das Gefühl haben sollen, wenn sie in Situationen sind, die schwierig sind, dass sie von der Kirche ausgegrenzt werden. Sondern dass es eine Bewegung ist, sie in die Mitte zu stellen, wie beim Gleichnis vom Mann mit der verdorrten Hand, wo Jesus zu ihm sagt: Stell dich in die Mitte, in die Mitte der Aufmerksamkeit, des Aufrichtens. Das sind die drei Grundhaltungen, die auch einen neuen pastoralen Zugang bilden.
Was ist die konkrete Aufgabe der Kirche? Wo doch die menschlichen Lebenssituationen mit den Worten von Papst Franziskus „wunderbar komplex“ sind?
Es geht darum, Menschen in ihrem Wachstum zu begleiten. Oder mit einem Bild aus dem Straßenverkehr: Kirche ist wie ein GPS, wie ein Navigationsgerät. Jeder Mensch hat ein Ziel oder eine Sehnsucht nach glücklichem Leben. Es ist eine der schönen Aufgaben der Kirche, Menschen auf diesem Weg zu stützen, aufzurichten und zu begleiten.
Stichwort Zugang zu den Sakramenten: Sie nennen in Ihrem Buch das Prinzip der „Gerechtigkeit im Einzelfall“ unter sorgfältiger Prüfung des eigenen Gewissens. Was kann dabei eine gute seelsorgliche Begleitung der Menschen leisten?
Sie besteht darin, dass sie die Haltung der Diskretion, der Unterscheidung, braucht und dass dem Menschen geholfen wird, sein Leben/ihr Leben vor Gott anzuschauen. Letztlich ist das Gewissen, wie es schon beim Zweiten Vatikanischen Konzil heißt, der Ort der persönlichsten Begegnung des Menschen mit Gott. Die Aufgabe der Kirche ist es, dem Menschen zu helfen, in einer spirituellen Haltung vor Gott zu sein, diese von Gott anschauen zu lassen, und in dieser Situation die richtige Entscheidung für das Leben zu treffen. Was die Kirche auch geben oder schenken kann, ist, dass sie eine Leuchtturm-Funktion hat, das heißt, irgendwie auch eine Situation ausleuchtet, damit der Mensch gut diesen Weg gehen kann.
In Ihrem Buch ist auch die bislang unveröffentlichte Zusammenfassung der Stellungnahmen der Diözesen Österreichs im Vorfeld der Synode abgedruckt. Warum?
Für mich ist das ein mehrfaches Danke. Ich habe bei der Synode angeregt, dass man den Menschen, die geschrieben haben, in Österreich waren es allein mehrere Zehntausende, dass man sich bei denen auch bedankt. Das hat man dann nicht gemacht. Für mich sind die beiden Synoden und das Schluss-Dokument und auch „Amoris laetitia“ kein Abschluss für die Schublade, sondern Stationen eines Prozesses. Und dieser Prozess hat mit der Umfrage im Vorfeld begonnen. Daher ein Danke an die Menschen, die da mitgearbeitet und auch viel eingebracht haben. Mancher könnte sich sonst fragen: Was haben die da nach Rom gemeldet? Hat man das, was ich angeregt habe, aufgenommen und ernstgenommen?
Warum ist das Handeln Jesu für die Praxis der Kirche wie ein „Gesetz“?
Weil die Kirche ihre Legitimation im Sendungsauftrag Jesu hat. Die Kirche ist kein Selbstzweck, die Kirche ist von Christus gegründet, die Kirche ist die Gemeinschaft der Menschen, die versuchen, Jesus nachzufolgen und deshalb ist es an uns, im Handeln Jesu Anleihe zu nehmen und das Vorbild Jesu als „Gesetz“ für das eigene Handeln zu sehen.
Zur Person:
Benno Elbs studiert Theologie in Innsbruck und Paris. Psychotherapeutische Ausbildung. 1986 wird er zum Priester geweiht, wird Pastoralamtsleiter (1994-2005), Generalvikar (2005-2011), Diözesanadministrator. Seit 2013 ist er Bischof der Diözese Feldkirch. In der Österreichischen Bischofskonferenz ist Elbs seit März 2016 für die Caritas zuständig, zuvor war er für die Referate Weltreligionen und Laientheologen verantwortlich. Er war Vertreter der Österreichischen Bischofskonferenz bei der Familiensynode im Oktober 2015 in Rom. Bücher: „Im Stallgeruch der Schafe“ und „Wo die Seele atmen lernt. Ein neuer Blick auf Ehe und Familie mit Papst Franziskus“ (beide Styria-Verlag).
Im Hof des Wiener Deutschordenshauses: Vorarlbergs Bischof Benno Elbs, Stefan Kronthaler
(Der SONNTAG) und Stefan Hauser (radio klassik Stephansdom).
Weitere Informationen zu "Der SONNTAG" die Zeitung der Erzdiözese Wien
Sendungshinweis:
„Lebenswege“ mit dem Feldkircher Bischof Benno Elbs auf „radio klassik Stephansdom“ am 9. Dezember 2016, 17.30 Uhr.
Gestaltung: Stefan Hauser.