Friday 27. May 2016

Ostkirchengipfel endete mit großer Feier im Stephansdom

Kardinal Schönborn: Verfolgungen der Ostkirchen ab 1915 zeigen "unvorstellbare Geschichte des Leids, wenn der Mensch nicht mehr als Abbild Gottes gesehen wird".


Der Wiener "Ostkirchengipfel" mit den Kardinälen Leonardo Sandri und Christoph Schönborn, sowie Bischöfen und Theologen aus mehr als zehn Ländern ist am Samstag, dem 9. November 2013, mit einer großen Feier im Wiener Stephansdom zu Ende gegangen. Auch hunderte Pilger aus Ungarn mit Bischof Fülöp Kocsis aus Nyerigyhaza an der Spitze nahmen teil. 13 weitere griechisch-katholische Bischöfe kamen ebenfalls aus Gebieten der ehemaligen Monarchie.

 

Märtyrer des 20. Jahrhunderts

In Ungarn wird in der Zeit vom 4. bis zum 11. November das Gedenken an das Maria-Pocs-Wunder von 1696 begangen. Die Gedenkwoche steht seit 1989 auch im Zeichen der Überwindung der kirchlichen Leidenszeit während des Kommunismus'.

 

Kardinal Schönborn ging in seiner Ansprache auf die Märtyrer des 20. Jahrhunderts ein. Der Stephansdom atme an diesem Abend im Sinn von Papst Johannes Paul II. mit "beiden Lungen", der östlichen und der westlichen, betonte er. Er erinnerte, dass der 9. November auch der "schmerzliche Gedenktag" der NS-Pogrome von 1938 sei. Auch die Verfolgungen der Ostkirchen ab 1915 zeigten eine "unvorstellbare Geschichte des Leids, wenn der Mensch nicht mehr als Abbild Gottes gesehen wird". Im Rückblick auf das 20. Jahrhundert bekomme der "Blick auf Christus" eine starke Evidenz. Nur die Barmherzigkeit Gottes könne der "Flut des Bösen" eine Grenze setzen.

 

Der Wiener Erzbischof appellierte an die Gläubigen, insbesondere für die "dramatisch verfolgten Brüder und Schwestern in Syrien" zu beten. Die Menschen würden sich überall nach Frieden sehnen, aber allzu oft werde diese Hoffnung durch Hasspropaganda und Aufhetzung durchkreuzt.

 

Symposion über Märtyrer der Ostkirchen

Vor dem Gottesdienst hatte ein von der Wiener Katholisch-Theologischen Fakultät und dem ITI (International Theological Institute, Trumau bei Baden) veranstaltetes Symposium über die Märtyrer der Verfolgungswellen 1915-1920 (Türkei), 1917-1943 (Russland), 1946-1988 (Ukraine), 1950-1968 (Slowakei) und 1948-1989 (Rumänien) stattgefunden.

 

Der ukrainische griechisch-katholische Bischof für Westeuropa, Borys Gudziak, lud die Christen in Europa dazu ein, sich nicht von sinkenden Statistikzahlen einschüchtern zu lassen und zahlenmäßiges Kleinsein schätzen zu lernen. Gudziak erinnerte daran, dass die Christen zu Weihnachten die Glaubensüberzeugung feiern, dass der "unendlich große Gott sich klein und machtlos macht und ein Menschenkind wird".

 

Aus seiner eigenen Geschichte berichtete Gudziak, der wesentlich zum Aufbau der Katholischen Universität in Lemberg (Lwiw) beigetragen hat, dass vor mehr als 20 Jahren bei der Gründung der Universität bewusst die Entscheidung getroffen wurde, sich von der Trauer über die Verfolgungszeit der kommunistischen Vergangenheit abzuwenden. Man habe sich vielmehr auf das Zeugnis der Märtyrer besonnen, die durch die Überwindung des Totalitarismus "die größte Errungenschaft des 20. Jahrhunderts" erbracht hätten. Gleichzeitig sei ein Schwerpunkt festgelegt worden, nämlich die Situation der an den Rand Gedrängten, wie etwa der geistig Behinderten. Zum Abschluss seiner Ausführungen überreichte der Bischof Kardinal Schönborn eine Ikone, die den seligen oberösterreichischen Märtyrer und Kriegsdienstverweigerer Franz Jägerstätter in der ostkirchlichen Tradition darstellt.

 

Der Lemberger Kirchenhistoriker Prof. Oleg Turij erinnerte daran, dass die kriegerischen und ideologischen Verwüstungen die Ukraine in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zwischen 15 und 17 Millionen Tote gekostet hätten. Aber mitten in der "Dunkelheit des stalinistischen Regimes" hätten ungezählte griechisch-katholische Märtyrer und Bekenner im "heroischen Widerstand" Glaube, Hoffnung und Liebe gelebt.

 

Verfolgung nach der Oktoberrevolution

Der Ordinarius für Patrologie und Ostkirchenkunde an der Wiener Katholisch-Theologischen Fakultät (und Vizepräsident von "Pro Oriente"), Prof. Rudolf Prokschi, zeigte beim Symposium die Verfolgung der russisch-orthodoxen Kirche nach der Oktoberrevolution auf. Prokschi hatte sich ab 1996 in Moskau im Staatsarchiv der Russischen Föderation intensiv mit dem Aktenmaterial des Landeskonzils der russisch-orthodoxen Kirche von 1917/18 auseinandergesetzt.

 

Das Landeskonzil war - nach der Februarrevolution und der Absetzung des Zaren - im August 1917 in Moskau feierlich eröffnet worden. Unter den 564 Delegierten waren nicht nur Bischöfe und Äbte, sondern auch gewählte Laien- und Klerikervertreter als stimmberechtigte Mitglieder, was deutlich gemacht habe, "wie sehr die russisch-orthodoxe Kirche damals um einen umfassenden und tiefgreifenden Reformprozess bemüht war". Die positiven Reformansätze konnten aber "nie in die Praxis umgesetzt werden", wie Prof. Prokschi betonte.

 

1918 habe die Kirchenverfolgung begonnen; 1937 hätten sich noch immer 42 Prozent der Erwachsenen in der damaligen Sowjetunion zur Orthodoxie bekannt, betonte Prokschi. Das sei dann Auslöser für die Kampagne zur physischen Vernichtung der Kirche gewesen. Allein in den Jahren 1937/38 seien rund 150.000 Priester und Ordensleute inhaftiert und die meisten erschossen worden.

 

Zur griechisch-katholischen Kirche in der Tschechoslowakei sprach Metropolit Jan Babjak aus Presov. "Um die Kirche leichter ausschalten zu können, wollte man sie ihrer Hirten berauben", so Babjak zur Situation von 1950. Eine sogenannte "Synode" habe die griechisch-katholische Kirche de facto aufgelöst. Dabei handelte es sich keineswegs um eine freiwillige Rückkehr, wie das aus orthodoxer Sicht interpretiert wurde. Vielmehr sei es eine erzwungene, von nichtgläubigen Kommunisten vorbereitete Handlung gewesen. "Leider nahmen an dieser Aktion auch einige griechisch-katholische Priester teil", so Babjak. Diese handelten aber nicht im Namen der griechisch-katholischen Kirche.

 

Nach ihrer "Abschaffung" sei die griechisch-katholische Kirche dennoch am Leben geblieben, und die Priester arbeiteten zumindest einige Zeit weiter in ihren Pfarren. Trotz der Bemühungen der Staatsmacht sei die Situation nicht nach den kommunistischen Plänen verlaufen. Die Priester wollten den Übertritt zur orthodoxen Kirche nicht unterzeichnen, und "sie ließen sich auch von Drohungen mit Deportation, Bestechungsversuchen und zunehmendem Druck nicht beeindrucken". Nach einiger Zeit wurde der Druck allerdings immer größer, und einige Geistliche unterzeichneten schlussendlich.

 

"Periode des Schreckens" in Armenien

Im Blick auf Armenien sagte der Patriarchaldelegat der armenisch-apostolischen Kirche für Mitteleuropa, Tiran Petrosyan, Märtyrertum sei für die Armenier von Anfang an kein fremder Begriff gewesen. Bereits in den 1930er-Jahren betrug die Zahl der ermordeten Geistlichen mehr als 2.000. Man könne die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts als "Periode des Schreckens" bezeichnen, so Petrosyan.

 

Bei der anschließenden Diskussion sagte der römisch-katholische Theologe Philipp Harnoncourt, dass einige seiner Verwandten während der Nazizeit im KZ Dachau oder später in Moskau gefangen waren. Ihm sei immer erzählt worden, dass in der Gemeinschaft der Gefangenen die verschiedenen Glaubenskonfessionen kaum eine Rolle gespielt hätten. Katholische, evangelische und orthodoxe Gläubige hätten "das Einssein in der Kirche wahrgenommen und auch praktiziert", "Interkommunion" sei selbstverständlich gewesen. Harnoncourt stellte die Frage, weshalb es nicht möglich sei, "diese Erfahrung in die Freiheit mitzunehmen". In der Freiheit gebe es stattdessen leider wieder viele Feindseligkeiten und Misstrauen.

 

Exarch von Tschechien schützte Heiligenkreuz

Der emeritierte Abt von Stift Heiligenkreuz, Gregor Henckel-Donnersmarck, erinnerte an den im Vorjahr verstorbenen Apostolischen Exarchen von Tschechien, Ivan Ljavinec. Ljavinec sei im Krieg als Theologiestudent in Heiligenkreuz gewesen. Als die Rote Armee einmarschiert sei, habe er aufgrund seiner Sprachkenntnisse mit den Kommandanten verhandeln können und das Stift vor drohenden Zerstörungen gerettet, so der Altabt.

 

Ljavinec ging 1946 von Wien in Tschechoslowakei zurück. 1955 wurde er festgenommen und 1956 in einem konstruierten Prozess zu vier Jahren Kerker verurteilt. Mit Aufenthaltsverbot in der Ostslowakei belegt, verdingte er sich nach der Freilassung bei der Müllabfuhr sowie als Heizer und Schaffner in Prag. 1969 konnte er wieder als Pfarrer arbeiten; 1993 wurde er Bischofsvikar. Am 30. März 1996 empfing Ljavinec in der Klemens-Basilika in Rom die Bischofsweihe.

erstellt von: KAP
11.11.2013

Der Wiener Erzbischof Kardinal Christoph Schönborn appellierte an die Gläubigen, insbesondere für die "dramatisch verfolgten Brüder und Schwestern in Syrien" zu beten. Die Menschen würden sich überall nach Frieden sehnen, aber allzu oft werde diese Hoffnung durch Hasspropaganda und Aufhetzung durchkreuzt.

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Eindrücke von der Feier im Stephansdom.

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