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06.11.2019

ÖRKÖ: „Warten wir einmal zusammen"

Interview mit Uni. Prof. Rudolf Prokschi, dem Vorsitzenden des Ökumenischen Rat der Kirchen in Österreich.

Wie fanden Sie persönlich zur Ökumene?

 

Rudolf Prokschi: Ich bin in einem kleinen Dorf im Weinviertel aufgewachsen und habe dort wenig von anderen christlichen Kirchen bemerkt. Es gab eine einzige Familie im Ort, die der evangelischen Kirche angehörte.

 

Erst während meines Studiums – nach dem Eintritt ins Wiener Priesterseminar – haben mich Studenten zu den Ostkirchen mitgenommen; da habe ich zum ersten Mal einen orthodoxen Gottesdienst erlebt. Professor Ernst Christoph Suttner hat mich im Studium umfassend in die Ostkirchen eingeführt.

 

Ich war einer seiner ersten Studenten hier in Wien und habe dann bei ihm meine Diplomarbeit geschrieben. Nach meiner Kaplanszeit war ich sein Assistent an seinem Institut und habe auch bei ihm promoviert. Von 2004-2018 war ich sein Nachfolger an der Fakultät.

 

Wie würden Sie die Arbeit des ÖRKÖ in wenigen Sätzen erklären?

 

Der Ökumenische Rat der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ) ist ein Zusammenschluss aller christlichen Kirchen in Österreich, gegründet 1958, zunächst von vier Kirchen. Durch das Engagement von Oberin Christine Gleixner ist die katholische Kirche 1994 Vollmitglied geworden.

 

Der ÖRKÖ will einerseits eine gemeinsame Stimme der christlichen Kirchen im Hinblick auf die gesellschaftspolitischen Herausforderungen sein. Im Ökumenischen Sozialwort von 2003 nahmen die christlichen Kirchen östlicher und westlicher Tradition in Österreich gemeinsam Stellung zu den sozialen und gesellschaftlichen Herausforderungen.

 

Andererseits fördert der ÖRKÖ die Ökumene, und greift auch Themen auf, die das praktisch-pastorale Zusammenleben der Christen betreffen, wie zum Beispiel die Situation von Ehepaaren, die aus verschiedenen christlichen Konfessionen stammen: Wie finden wir eine gute Form, um den jungen Menschen aus dem Glauben heraus eine Hilfe zu geben, wie sie ihr Beziehungsleben gestalten können? Auf diesem Gebiet ist schon einiges gewachsen.

 

Heute herrscht manchmal Ungeduld. Man hat das Gefühl, dass der letzte Durchbruch, die Einheit, die sich in der Kommuniongemeinschaft ausdrückt, zu lang auf sich warten lässt. Und manche sind auch enttäuscht. Ich versuche immer wieder zu argumentieren: Wir müssen alle im Blick haben, und dürfen nicht einen Separatweg mit einzelnen christlichen Kirchen gehen.

 

Ich bin schon länger in der Vollversammlung des ÖRKÖ und war auch schon eine Periode im Vorstand. Dort spürt man deutlich wie wir – im gemeinsamen Ringen um pastorale Fragen, in den ökumenischen Gottesdiensten und in anderen gemeinsamen Veranstaltungen – einander nähergekommen sind. Ich finde es schön, dass die katholische Kirche in Österreich Vollmitglied im ÖRKÖ ist, aktiv mitarbeitet und viele Initiativen von der katholischen Kirche mitgetragen werden.

 

Stichwort „Ungeduld“: Irgendwie erzielen die Theologen seit Jahrzehnten keinen verbindlichen Konsens zu den wichtigen Themen von Kirche, Eucharistie und Amt. Warum?

 

Ich denke, wir sollten in der ökumenischen Arbeit immer wieder den Blick in unsere gemeinsame Geschichte, aber auch in die Geschichte der Trennungen, bewahren und nicht zu sehr darauf aus sein, was können wir bei den anderen kritisieren, was ihnen nach unserer Auffassung fehlt. Vielmehr sollten wir in der eigenen Geschichte nachspüren, ob wir nicht manche Einseitigkeiten auch in der eigenen Tradition haben.

 

Durch die gemeinsame ökumenische Forschung erkennen wir, dass unsere theologischen Positionen gar nicht so weit auseinanderliegen. Wir haben im Großen und Ganzen auch eine Sprache gefunden, um die diversen Differenzpunkte in einer guten Art und Weise auszudrücken.

 

Aber wahrscheinlich muss es uns gelingen, noch stärker in die jeweiligen Materien einzudringen und eine neue Sprache zu finden, wo beide Seiten zustimmen können. Das ist immer ein Vorgang, der sehr schwierig ist. Ich erinnere mich an die Gespräche der offiziellen Katholisch-Orthodoxen Dialogkommission, in der auch mein Lehrer, Professor Suttner, mitgewirkt hat. Er hat erzählt, dass es auf katholischer Seite oft das Gefühl gegeben hat: Der gemeinsame Abschlusstext, kommt uns sehr fremd vor – das muss orthodoxe Tradition sein. Und bei den Orthodoxen war genau das umgekehrte Gefühl: Das ist nicht orthodox, das muss katholisch sein.

 

Ich bin selbst Mitglied eines internationalen orthodox-katholischen Arbeitskreises, und mache die gleiche Erfahrung: Das Ringen um Formulierungen, damit sich jede Seite verstanden fühlt, ist gar nicht einfach, weil es natürlich immer um einen Kompromiss geht.

 

Dürfen wir auf baldige Fortschritte auf dem Weg zu einer „sichtbaren Gemeinschaft“ der christlichen Kirchen hoffen?

 

Wenn jemand fragt: Hat die Ökumene überhaupt einen Sinn? Kommen wir weiter? Oder treten wir nicht auf der Stelle?, dann sage ich: Diese Fragen sind falsch gestellt, denn es ist der Auftrag unseres Herrn. Jesus hat in seiner Abschiedsrede im Johannesevangelium (17. Kapitel) gesagt: „Vater, gib, dass sie eins sind.“ Und einige Verse weiter heißt es: „Damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast.“

 

Die Glaubwürdigkeit der Sendung Jesu hängt davon ab, ob wir ein zerstrittener und gespaltener Haufen sind oder ob wir vor der Welt das Zeugnis der Einheit abgeben. Es ist der Auftrag des Herrn und nicht das Privatvergnügen von einigen, die meinen, es wäre schön, wenn wir eins wären. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir auf diesem Weg weitergehen müssen.

 

Das Ziel ist klar; das Ziel ist nicht der Weg, sondern die sichtbare Einheit, die sich ausdrückt in der Communio, in der Kommuniongemeinschaft. Was das Amt und die Eucharistie anbelangt, so haben wir mit den Orthodoxen viele Gemeinsamkeiten. Wir müssen aber achtgeben, dass wir keinen Separatfrieden gegen die anderen machen.

 

Wir müssen den Blick offenhalten und deshalb finde ich die Arbeit im ÖRKÖ für sehr wichtig, weil dort alle christlichen Kirchen vertreten sind und versucht wird, gemeinsam einen Weg zu gehen. Das ist sicher ein schwieriger Weg. Mentalitätsmäßig stehen uns die Kirchen, die aus der Reformation hervorgegangen sind, näher als die Ostkirchen.

 

Aber allein vom theologischen Erbe gibt es mit den orthodoxen und mit den orientalisch-orthodoxen Kirchen viel mehr Gemeinsamkeiten beziehungsweise ein gemeinsames Erbe, das uns beide trägt.

 

Stichwort „Orthodoxie“: Was schätzen Sie persönlich an Liturgie und Theologie der Ostkirchen?

 

Beides hängt eng zusammen. Die Theologie und die Liturgie sind im christlichen Osten sehr stark von einer tiefen Spiritualität durchdrungen. Mein erstes Seminar bei Professor Suttner war zu der sogenannten „Philokalie“, der Tugendliebe, einem Sammelwerk von rund 38 geistlichen Autoren aus dem 4. bis zum 14. Jahrhundert.

 

Ich habe damals das bekannte Buch „Die aufrichtigen Erzählungen eines russischen Pilgers“(Emmanuel Jungclausse, Herder Verlag; ISBN: 978-3451049477) gelesen und war fasziniert von dieser Publikation: Wie kommt der Mensch in ein unablässiges Beten hinein? Ich bin über die Spiritualität zur Liturgie gekommen, und habe von dort die Glaubenslehre, die orthodoxe Theologie, tiefer verstanden.

 

In der östlichen Tradition ist die Liturgie und die persönliche Spiritualität ein ganz wichtiger und entscheidender Faktor. Es geht sehr stark darum, dass jeder einzelne Gläubige in der Begegnung mit Christus, die auch durch das Betrachten und Verehren der Ikonen geschieht, tiefer in den Glauben eindringt und ihn auch besser versteht.

 

Ganz wichtig für den Osten sind die „Väter“. Es war auch für mich an der Fakultät eine schöne Herausforderung, die Patrologie, die Lehre der Kirchenväter, zu vertreten, und die Kirchenväter, die unser gemeinsames Erbe sind, näher kennenzulernen und ausgehend von den Schriften der Kirchenväter unsere heutige Tradition besser zu verstehen.

 

Natürlich ist die Theologie der „Väter“ auch zeitbedingt, sie gehört in eine bestimmte Periode der Kirchengeschichte. Die Kirchenväter haben aber wesentlich die Theologie insgesamt entfaltet. Wir können unser heutiges Glaubensbekenntnis nur dann verstehen, wenn wir die Schritte sehen, die die Zeit der Kirchenväter geprägt haben, die Entwicklung der Trinitätslehre oder das Ringen um die Christologie: Wer ist Jesus Christus? Da habe ich viel gelernt durch die intensive Beschäftigung mit der östlichen Tradition.

 

Wie ist dieser Satz von Papst Franziskus zu verstehen? „Für uns Katholiken ist das Ziel des Dialogs die volle Gemeinschaft mit legitimen Formen der Verschiedenheit, keine monotone Gleichmacherei und noch viel weniger Eingliederung.“

 

Ich verstehe diesen Satz so, dass Papst Franziskus in keiner Weise die früheren Modelle aufgreifen möchte, wo man gesagt hat: Wir Katholiken sind die Mehrheitskirche und die anderen müssen sich nur bei uns eingliedern.

 

In der Vielfalt liegt eine große Chance, ein Reichtum. Professor Suttner hat immer das Bild vom Berg gebracht. Wenn man einen Berg vom Süden betrachtet, dann schaut er ganz anders aus als vom Norden aus gesehen; und ebenso verschieden vom Osten und vom Westen. Aber es ist immer derselbe Gipfel und ganz oben steht das Gipfelkreuz, das gemeinsame Ziel.

 

Ein Einsiedler auf dem Berg Athos sagte mir einmal: „Geht ihr euren katholischen Weg, so wie ihn euch eure Kirche lehrt. Geht diesen Weg und verwirklicht ihn in eurem Leben. Und wenn wir unseren orthodoxen Weg gehen, so wie unsere Kirche ihn lehrt, dann bin ich zuversichtlich, dass wir uns bei Christus treffen werden.“ Also ich verstehe die Vielfalt als Bereicherung, als Geschenk.

 

Jede Tradition soll ihr Erbe getreu weiterführen. Beim Dialog auf Augenhöhe kann es durchaus sein, dass wir das eine oder andere tiefer erkennen und aus dieser Erkenntnis noch den einen oder anderen Reformschritt machen, der uns vielleicht mit einer älteren Tradition, als wir noch zusammen waren, näher zusammenführt. Für mich ist Ökumene auf keinen Fall das Streben nach Gleichmacherei, sondern das Zulassen der Vielfalt, der Fülle.

 

Wien ist für Europa ein Hotspot der Ökumene. Es gibt hier viele Aufbrüche, die anderswo nicht möglich wären. Was zeichnet Wien im Bereich der Ökumene aus?


Es gibt hier in Wien eine Fülle von Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften, wie wir sie sonst kaum wo in der Welt an einem Ort finden können. Für mich als Ostkirchen-Fachmann sind allein die orthodoxen, orientalisch-orthodoxen und mit Rom unierten Ostkirchen ein großer Blumenstrauß.

 

Als Professor an der Fakultät war es mir ein Anliegen, dass meine Studentinnen und Studenten lernten, alle christlichen Kirchen konfessionskundlich zu unterscheiden, z. B. Wer sind die Melkiten, die Maroniten oder die Mechitharisten, damit sie dann später als Religionslehrer darüber, Bescheid wissen, ob Kinder aus diesen Kirchen den katholischen Religionsunterricht besuchen und die Sakramente in unserer Kirche empfangen können.

 

In Wien gab es in den letzten Jahrzehnten große Pioniere der Ökumene in allen Traditionen; auf katholischer Seite war es gewiss Frau Oberin Christine Gleixner. Auf diesem Erbe dürfen wir aufbauen, das ist natürlich auch ein Auftrag! Insbesondere wenn wir nicht die Höhepunkte in der Ökumene erleben, sondern „die Mühen der Ebene“ und deutlich spüren, dass die noch ausstehenden Fragen nicht im Handumdrehen zu lösen sind.

 

Es ist wie bei einer Fußwallfahrt von Wien nach Mariazell. Die einen sind bildlich noch in Heiligenkreuz, die andern hören schon die Kirchenglocken von Mariazell. Da muss man schon sagen: Warten wir einmal zusammen, um dann gemeinsam das Ziel zu erreichen.

 

Nun gibt es in Österreich auch die Plattform „Runder Tisch/Weg der Versöhnung“, bei der sich verschiedene christliche Konfessionen - darunter auch die evangelikalen Freikirchen - beteiligen. Wie ist das Verhältnis zwischen dem ÖRKÖ und dem „Runden Tisch“?

 

Ich bin da noch zu wenig in diese Frage involviert. Nach meinem Gefühl müssen wir in Zukunft auch mit diesen Gruppierungen mehr den Dialog suchen. Ich habe den Eindruck, es ist bisher eher ein Nebeneinander gewesen. Ich kann mir gut vorstellen, dass wir in Zukunft stärker aufeinander zugehen, um überhaupt die unterschiedlichen Ansätze und Anliegen näher kennenzulernen. Es gibt oft auf beiden Seiten Irritationen.

 

Da braucht es noch mehr Information und Gespräch. Manches ist uns mentalitätsmäßig fremd, da es oft aus dem angloamerikanischen Raum kommt. Was wir nicht kennen, macht uns skeptisch.

 

Freuen Sie sich auf Ihre neue Aufgabe ab 1.1.2020?

 

In mir sind verschiedene Gefühle. Einerseits freue ich mich: Ich danke sowohl unseren Bischöfen, die meiner Kandidatur zustimmten, als auch den Mitgliedern der ÖRKÖ-Vollversammlung, die mir ihre Stimme gegeben haben, für ihr Vertrauen. Viele Menschen haben mir nach Bekanntwerden des Wahlergebnisses zur neuen Aufgabe gratuliert, mich ermutigt und mir ihr unterstützendes Gebet zugesagt. Andererseits ist mir bewusst, dass diese Aufgabe für mich eine große Herausforderung in den kommenden drei Jahren sein wird.

 

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