Die Österreichische Pastoraltagung 2016 (7. bis 9. 1.) stand unter dem Thema „Leben ist Vielfalt. Pluralität in Gesellschaft und Kirche“.
Die Österreichische Pastoraltagung 2016 (7. bis 9. 1.) stand unter dem Thema „Leben ist Vielfalt. Pluralität in Gesellschaft und Kirche“.
Zur Österreichischen Pastoraltagung in Salzburg: "Der SONNTAG"-Interview mit Prof. Hildegund Keul über die kirchliche Bandbreite von Vielfalt.
Wieviel Vielfalt braucht die Kirche?
Prof. Hildegund Keul: Die Kirche toleriert nicht nur Vielfalt, sondern ihre gesamte Tradition setzt auf sie.
Schauen Sie sich die biblische Weihnachtsgeschichte an. Sie wird von zwei Evangelisten recht unterschiedlich erzählt: Während Matthäus stärker an Männern wie König Herodes, Josef und den Sterndeutern interessiert ist, rückt Lukas Maria, Elisabet und die Prophetin Hannah in den Blick.
Die Heilige Schrift umfasst das Alte und das Neue Testament. Es gibt nicht nur ein Evangelium, sondern gleich vier – noch dazu die Briefe. Vielfalt ist ein Lebenselixier der Kirche.
Wieviel Vielfalt verträgt die Kirche?
Prof. Hildegund Keul:Wieviel Vielfalt und welche genau die Kirche verträgt, das ist zu allen Zeiten umstritten. In der Gründungsphase der Kirche führte die Entscheidung, welche Schriften zur Bibel gehören, zu heftigen Konflikten.
Heute entzündet sich der Streit an den Fragen, die die Familiensynode in Rom diskutierte. Auch die Frage, welcher Umgang mit Flüchtlingen „christlich“ zu nennen ist, löst scharfe Debatten aus.
Die Position, muslimische Flüchtlinge an den Grenzen Europas abzuweisen, um damit angeblich die christlichen Werte zu schützen, halte ich nicht für christlich. Die Menschwerdung Gottes ist ein Akt der Humanität und fordert heraus, human zu handeln.
Was bedeutet das für die aktuelle Flüchtlings-Frage?
Prof. Hildegund Keul: Gerade die Flüchtlingsfrage zeigt, wie notwendig das Ringen der Kirche um und mit der Vielfalt ist, und zwar entlang den gesellschaftlichen Konfliktlinien.
Die Beschränkung von Pluralität funktioniert über Ausschließungen. Was tolerieren wir nicht und halten es außen vor? Wo setzen wir Grenzen und lassen Menschen nicht rein?
Ausschließungen sind Machtstrategien. Sie sind immer prekär. Solange Vielfalt „schön bunt“ ist, sind alle dafür. Schwierig wird es, wenn man sich von der Pluralität, die andere Menschen, Kulturen oder Religionen verkörpern, in der eigenen Verwundbarkeit angetastet fühlt.
Das berührt jetzt auch die Frage nach der Sicherheit...
Prof. Hildegund Keul: Schnell reagieren wir mit dem Ruf nach Sicherheit. Wir wollen uns schützen und die Fremden draußen halten, auch wenn dieser Ausschluss die Anderen verletzt oder sogar in Lebensgefahr bringt.
Im Neuen Testament steht der König Herodes für diese Strategie, Andere zu verwunden, um selbst unverletzt zu bleiben. Sich selbst, die eigene Kultur und die Religion schützen zu wollen, ist legitim, ja sogar lebensnotwendig.
Aber man muss das Gewaltpotential beachten, das der Selbstschutz freisetzt. Dieses Gewaltpotential gilt es in Entscheidungsprozessen einzubeziehen, beim Umgang der Kirche mit homosexuellen Menschen genauso wie im Umgang mit Flüchtlingen.
Selbstschutz allein schützt das christliche Abendland nicht. Wir brauchen auch das, wofür das Weihnachtsfest steht: wie Maria und Josef die eigene Verwundbarkeit riskieren und Hingabe wagen.
Liebt die Kirche auch die bunten Vögel?
Prof. Hildegund Keul: Franz von Assisi war ein bunter Vogel, Elisabeth von Thüringen und in gewissem Sinn alle Heiligen.
Die Kirche liebt bunte Vögel und nimmt zugleich Anstoß an ihnen. Das macht die Auseinandersetzung lebendig.
Steht Papst Franziskus für diese Vielfalt?
Prof. Hildegund Keul: Ja, Papst Franziskus zeichnet sich durch eine hohe Pluralitätstoleranz aus. Vor allem steht er dafür, dass wir die Auseinandersetzungen, die mit Pluralität einhergehen, tatsächlich führen.
Er überlässt das Feld nicht allein jenen Gruppierungen, die sich für besonders fromm halten. Man kann der Pluralität nicht einfach Obergrenzen setzen und sagen: bis hierhin und nicht weiter.
Vielmehr braucht es eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Argumenten, den wertschätzenden Umgang mit Anderen, und den Mut, die eigene Position auch mal zu revidieren, wenn man auf dem Holzweg war.
Prof. Dr. Hildegund Keul
lehrt Fundamentaltheologie und Vergleichende Religionswissenschaft an der Universität Würzburg und war Referentin bei der diesjährigen „Österreichischen Pastoraltagung“.
Weitere Informationen zu "Der SONNTAG" die Zeitung der Erzdiözese Wien