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03.12.2022 · Kardinal · Gedanken zum Evangelium

Der Himmel kommt ganz nahe

Der seltsame Mann in der Einsamkeit der Wüste Juda wird zu einem Anziehungspunkt für zahllose Menschen. Sie kommen von weitem, aus allen Kreisen der Bevölkerung. Was macht für sie alle Johannes so anziehend? Ich glaube, dafür gibt es nur eine Erklärung: seine Glaubwürdigkeit!

Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium vom   4. Dezember 2022.

Heute, am zweiten Adventsonntag, steht ein seltsames Wort im Mittelpunkt: „Das Himmelreich ist nahe.“ Es ist eine Art Code-Wort. Jesus spricht ständig davon, und Johannes der Täufer, sein Wegbereiter, gebraucht es ebenfalls. Um annähernd zu verstehen, was die beiden damit meinen, hilft es, sich das Wort im hebräischen und griechischen Original anzusehen. Man kann es auch so übersetzen: „Die Herrschaft des Himmels ist nahegekommen.“ Im Judentum vermeidet man es, das Wort „Gott“ auszusprechen. „Himmel“ ist daher eine Umschreibung. Auch wir sprechen gerne vom „Himmel“, wenn wir Gott meinen: „Der Himmel weiß es …“ Spontan zeigen wir zum Himmel, wenn wir Gott meinen. „Da oben“, im Himmel, ist die Welt Gottes. Hier auf Erden herrschen die irdischen Gesetze und Regeln. Auf Erden geht es nicht immer himmlisch zu. Was aber meinen Johannes und Jesus, wenn sie sagen, die Herrschaft des Himmels sei nahegekommen?


Johannes hat dafür ein Passwort gegeben, und Jesus hat es aufgegriffen. Mit diesem Passwort bekommen wir Zugang zum Verstehen des Code-Wortes „Himmelreich“. Es lautet kurz und bündig: „Kehrt um!“ Man kann es auch so übersetzen: „Ändert euren Sinn, euer Denken, eure Einstellung!“ Was aber ist damit gemeint? „Kehrt um!“ ist nicht nur ein Wort. Es geht um ganz praktisches Tun. Wie dieses aussieht, zeigt der heutige Bericht des Evangeliums. Die Geschichte beginnt damit, dass Johannes, ein Verwandter Jesu, etwas ganz Verrücktes tut. Er zieht sich zurück an den denkbar unwirtlichsten Ort von Judäa, seiner Heimat: in die Wüste beim Toten Meer. Seine Lebensweise ist alles andere als anziehend. Wer ernährt sich schon gerne von Heuschrecken und wildem Honig? Seine Kleidung ist das Gegenteil von feinen Markenanzügen. Ein Gewand aus Kamelhaar stelle ich mir schrecklich unangenehm vor, eine reine Bußübung.


Doch nun geschieht das Erstaunliche: Der seltsame Mann in der Einsamkeit der Wüste Juda wird zu einem Anziehungspunkt für zahllose Menschen. Sie kommen von weitem, aus allen Kreisen der Bevölkerung. Was macht für sie alle Johannes so anziehend? Ich glaube, dafür gibt es nur eine Erklärung: seine Glaubwürdigkeit! Die Menschen spürten, dass da einer ihnen nicht nach dem Mund redet. Er sucht nicht zu gefallen. Sein Leben stimmt mit seinen Worten überein. Seine Person muss in den Herzen vieler Menschen eine Seite geweckt haben, die sonst oft verdrängt ist. Niemand nötigte sie dazu, sie taten es von sich aus: „Sie bekannten ihre Sünden und ließen sich von ihm im Jordan taufen.“ Johannes hat ihre Herzen bewegt, ihr Gewissen angesprochen. Vor allem hat er in ihnen die Sehnsucht geweckt, ihr Leben in Ordnung zu bringen. Ich kann diese Empfindung nachvollziehen. Mich hat 1961 die Begegnung mit Padre Pio, dem inzwischen heiliggesprochenen Kapuziner, tief berührt, sie hat meinen Glauben geweckt. Die Begegnung mit einem spirituellen Menschen, einem Heiligen, kann echte Umkehr auslösen. Vielen Menschen, die damals zu Johannes kamen, muss es so ergangen sein. Ihre Herzen wurden offen, ihr Leben hat sich gewandelt.


Wenn freilich Johannes spürte, dass keine Bereitschaft da war, wirklich das Leben zu ändern, konnte er sehr deutlich und scharf werden, wie im heutigen Evangelium den Pharisäern gegenüber, die glaubten, dass nur die anderen sich ändern müssen, sie selber aber nicht der Umkehr bedürfen.


Was aber meint das Rätselwort „Das Himmelreich ist nahe“? Das Passwort heißt „Umkehr“. Wo wir unsere Fehler eingestehen, unsere Lieblosigkeit bereuen, einander vergeben und gemeinsam auf Gott vertrauen, da ist der Himmel uns ganz nahe. Genau darum geht es im Advent und zu Weihnachten.   

 

erstellt von: Kardinal Christoph Schönborn
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Evangelium vom 4.12.2022

Matthäus 3,1-12
In jenen Tagen trat Johannes der Täufer auf und verkündete in der Wüste von Judäa: Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe. Er war es, von dem der Prophet Jesaja gesagt hat: Stimme eines Rufers in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn! Macht gerade seine Straßen! Johannes trug ein Gewand aus Kamelhaaren und einen ledernen Gürtel um seine Hüften; Heuschrecken und wilder Honig waren seine Nahrung. Die Leute von Jerusalem und ganz Judäa und aus der ganzen Jordangegend zogen zu ihm hinaus; sie bekannten ihre Sünden und ließen sich im Jordan von ihm taufen. Als Johannes sah, dass viele Pharisäer und Sadduzäer zur Taufe kamen, sagte er zu ihnen: Ihr Schlangenbrut, wer hat euch denn gelehrt, dass ihr dem kommenden Zorngericht entrinnen könnt? Bringt Frucht hervor, die eure Umkehr zeigt, und meint nicht, ihr könntet sagen: Wir haben Abraham zum Vater. Denn ich sage euch: Gott kann aus diesen Steinen dem Abraham Kinder erwecken. Schon ist die Axt an die Wurzel der Bäume gelegt; jeder Baum, der keine gute Frucht hervorbringt, wird umgehauen und ins Feuer geworfen. Ich taufe euch mit Wasser zur Umkehr. Der aber, der nach mir kommt, ist stärker als ich und ich bin es nicht wert, ihm die Sandalen auszuziehen. Er wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen. Schon hält er die Schaufel in der Hand; und er wird seine Tenne reinigen und den Weizen in seine Scheune sammeln; die Spreu aber wird er in nie erlöschendem Feuer verbrennen.

 

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