Gedanken zum Evangelium von Kardinal Christoph Schönborn am Sonntag den 18. Jänner 2026
„Es ist besser, einen Tag als Löwe zu leben als 100 Jahre als Schaf.“ Dieses Wort wird Benito Mussolini zugeschrieben, dem faschistischen Diktator Italiens (1883–1945). Was meinte er damit? Der Löwe gilt als stark, majestätisch, mächtig, mutig. Könige und Kaiser haben im Löwen das Symbol ihrer Herrschaft gesehen. Für Mussolini sollte das Wort vor allem das Heldenhafte seiner Regierung, seiner faschistischen Bewegung betonen. Das Leben des Löwen mag kurz sein, aber nicht feige und untertan. Das Gegenbild ist für ihn das Schaf. Es mag lange leben, aber sein Leben ist langweilig, unterwürfig, unbedeutend, feige, verächtlich. Der Löwe dient hier als Bild des Führers, das Schaf steht für die Masse, die blindlings dem Führer folgt.
Nun ist ausgerechnet das Schaf das Tier, in dem das Christentum seinen „Führer“ symbolisiert sieht, Jesus Christus. Schlimmer noch: nicht das erwachsene, kräftige Schaf, sondern das Junge eines Schafes, das noch klein und schwach ist, zart und unbeholfen – das Lamm! Was hat Johannes der Täufer sich gedacht, als er Jesus als das „Lamm Gottes“ bezeichnete? Johannes sah Jesus auf sich zukommen und sagte: „Seht das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt!“ Dieses Wort des Verwandten Jesu gehört zum Grundbestand der Ausdrucksweise des Christentums. Verehren wir einen Schwächling? Ein hilfloses Wesen, das jeder Macht und Gewalt ausgeliefert ist? Unzählige Male habe ich als Priester den Gläubigen die Hostie gezeigt und dabei die Worte des Johannes wiederholt: „Seht das Lamm Gottes …“ Oft kommt mir dabei eine Melodie in den Sinn, die für mich zu den schönsten und zartesten Musikstücken gehört: das Agnus Dei (Lamm Gottes) aus Mozarts Krönungsmesse! Mozart hat selber gesagt, wie ihn diese Worte zutiefst bewegten.
Was ist ihr Geheimnis?Ich glaube, es sind die Worte: „das die Sünde der Welt hinwegnimmt“. Der Löwe ist mächtig durch seine Stärke. Wie will das schwache, ohnmächtige Lamm das ganze Gewicht der Sünde hinwegnehmen? Was ist überhaupt die „Sünde der Welt“? Fällt es uns wirklich so schwer, diese Worte mit Inhalt zu füllen? Zum Beispiel: dass alle fünf bis zehn Sekunden ein Kind an Hunger stirbt; dass jeder sechste Mensch auf unserer Welt unterernährt ist; dass mit einem Bruchteil der Rüstungsausgaben Hunger und krasse Armut weltweit überwunden werden könnten. All das ist „die Sünde der Welt“. Sie beginnt bei mir selber: bei meiner Ungerechtigkeit, Unversöhnlichkeit, bei meinen lieblosen Worten, meinem herzlosen Egoismus. All das zusammen ergibt die ungeheure Last, die die Welt erdrückt. Und diese Last soll das Lamm Gottes wegstemmen?
Ich verstehe, dass immer wieder der Ruf nach dem Löwen laut wird, dem starken Mann, der die Macht hat, die Welt in Ordnung zu bringen. Ein mächtiger Präsident eines mächtigen Landes hat im Wahlkampf versprochen, er werde an einem Tag Frieden in der Ukraine schaffen. Ein Jahr ist seither vergangen. Der Frieden ist auch im vierten Kriegsjahr noch immer nicht zum Greifen nahe.
Wird das Lamm Gottes das menschlich Unmögliche schaffen? Hat Christus den Frieden gebracht? Wird es einmal eine Zeit geben, in der der Löwe und das Lamm friedlich miteinander auf der Weide sind? Propheten haben davon geträumt. Bleibt es für immer ein Traum? Bleibt derweil alles beim Alten? Die Sünde der Welt kann nur durch ihr Gegenteil weggenommen und überwunden werden: das Böse durch das Gute, der Hass durch die Güte, Rachegefühle durch Vergeben, Schlechtreden durch Gutes-Sagen, Lärm durch Stille, Trägheit durch Tun, das Hässliche durch das Schöne. Dazu braucht es den Mut des Löwen und die Sanftmut des Lammes!
Johannes 1,29-34
Am nächsten Tag sah Johannes Jesus auf sich zukommen und sagte: Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt. Er ist es, von dem ich gesagt habe: Nach mir kommt ein Mann, der mir voraus ist, weil er vor mir war. Auch ich kannte ihn nicht; aber ich bin gekommen und taufe mit Wasser, damit er Israel offenbar wird. Und Johannes bezeugte: Ich sah den Geist wie eine Taube vom Himmel herabsteigen und auf ihm bleiben. Auch ich kannte ihn nicht; aber er, der mich gesandt hat, mit Wasser zu taufen, er hat mir gesagt: Auf wen du den Geist herabsteigen und auf ihm bleiben siehst, der ist es, der mit dem Heiligen Geist tauft. Das habe ich gesehen und ich habe bezeugt: Dieser ist der Sohn Gottes.