"Wir waren stolz darauf, Katholiken zu sein", erinnert sich Paul Zulehner an seine Kindheit.
"Wir waren stolz darauf, Katholiken zu sein", erinnert sich Paul Zulehner an seine Kindheit.
Am 20. Dezember wird der renommierte Pastoraltheologe Paul M. Zulehner 75 Jahre alt. Im Interview erzählt er über seine katholische Kindheit, spricht über sein Verständnis von Theologie und über den Zölibat als Hochrisikolebensform.
Wie sind Sie von Zuhause geprägt worden, auch im Glauben?
Paul Zulehner: Wir sind in einer streng katholischen Familie aufgewachsen. Ich hatte eine geradezu extensiv fromme Mutter und einen sehr diskret frommen Vater. Das hat mich natürlich schon sehr geprägt, weil die üblichen Rituale mir als Kind gar nicht zuwider waren. Als Ministrant in der Kirche Am Hof bei den Jesuiten oder später als Sängerknabe bei den Schotten hat mir das kirchliche Leben Freude gemacht und auch angezogen. Aber es war ein sehr vorkonziliares Leben mit Rosenkränzen, Herz Jesu-Freitagen, alles was halt dazu gehört hat. Wir waren stolz darauf, Katholiken zu sein. Ich erinnere mich, wie wir mit der Jungschar über die Ringstraße gezogen sind und das stolze Lied des Jesuiten Erich Przywara "Christus mein König, Dir allein" gesungen haben. Es war die Hochblüte des Katholizismus nach dem Krieg in den mittleren und späten 1950er Jahren. Das Ansehen der Kirche war wegen der Verfolgungen im Nationalsozialismus und im Zuge des Wiederaufbaus, für den sich die Kirche sehr engagiert hat, extrem hoch und konnte eigentlich danach nur schwächer werden. Was aus vielfältigen Gründen auch passiert ist.
Sie und ein Bruder sind Priester geworden. Wie hat sich das ergeben?
Paul Zulehner: Das kann ich nicht sagen. Josef und ich sind ganz unterschiedliche Brüder geworden, auch was das Priesteramt und die Theologie betrifft. Er war sehr marianisch, konservativ, geradezu apokalyptisch. Mir hat eher zugesagt, was ich bei Karl Rahner gelernt habe: eine weltoffene Konzilstheologie. Er war wahrscheinlich ein Heilspessimist, ich ein Heilsoptimist. Er dachte wie Augustinus daran, einige aus der Verdammnis heraus zu retten, durch viel Gebet, Fasten und Almosen. Ich habe immer gedacht: Was kann ich Gott zutrauen? Wird er es wirklich bei Hitler, Stalin und mir schaffen? Das ist eine theologisch sehr fundamentale Frage für mich. Ich gestehe gerne, dass ich ihm es zutraue.
In den Jahrzehnten Ihrer Lehrtätigkeit waren Sie viel unterwegs.
Paul Zulehner: Innsbruck ist mir sehr wichtig geworden, danach Bamberg, mein erster Lehrstuhl, wo ich allerdings nur eine Vertretung hatte. Ich hätte ihn dann auch nehmen können, habe mich aber für Passau entschieden. Ich habe an sehr verschiedenen Orten gelernt. Das hatte die Folge, dass meine Bindungen immer relativ waren. Auch die Verbindung zur Erzdiözese Wien war immer freundschaftlich, ich habe mich immer dazugehörig gefühlt.
Aber als ich 1984 zurückkam, war schon klar, dass ich einer bin, der aus der Fremde kommt und nicht in der Diözese groß geworden ist. Kardinal Schönborn war immer froh, dass ich hier an der Fakultät war und viele Aufgaben als Dekan erfüllt habe. Wir haben auch vereinbart, dass es nie zu einem Konflikt kommen wird, zwischen Fakultät und Kirche. Wir haben gesagt: In Zeiten des Umbaus der Universität müssen wir gemeinsam auftreten. Und wenn es Konflikte gab, wie etwa bei einer Berufungsfrage, haben wir uns zusammengesetzt und das Problem bereinigt. Das ist eine sehr kluge und friedensförderliche Politik gewesen. Der Kardinal, glaube ich, war dafür auch sehr dankbar.
Etwas sehr Bewegendes war die Predigt, die Sie vor drei Jahren gehalten haben, als einer ihrer Brüder, der eine schwere Behinderung hatte, gestorben ist.
Paul Zulehner: Hans hat den Gang unserer Familie bestimmt, wir sind von Wien nach Oberösterreich gezogen, weil wir ihn sonst außerhäuslich in eine Einrichtung hätten geben müssen. Die Familie hat beschlossen, wir wollen ihn zuhause haben, es ist das Beste für ihn. Er war unser Lehrer solidarischer zu werden. Ich glaube, dass es auch theoretisch für die Gesellschaft gut ist, weil eine Gesellschaft ohne Menschen mit Behinderung eine kühlere und eine ärmere ist. Die Schwachen machen uns solidarischer und nicht die, deren Leben üppig und glatt läuft. Er war mir auch sehr nahe, ich habe von ihm nicht nur sehr viel gelernt, sondern wir hatten ein sehr gutes Verhältnis zueinander. Ich dachte bei der Predigt, aber das kann nicht das letzte Wort Gottes über diesen meinen Bruder gewesen sein. Das ist etwas, so habe ich es erlebt, gefesselt. Ich hoffte, wenn er in den Tod geht, dass diese Fesseln abfallen und die große Schönheit, die ihm Gott zugedacht hat, in seinem himmlischen Leben jetzt ausreift, zur Entfaltung und Blüte kommt.
Ein Thema in Ihrem Buch "Mitgift" ist der Zölibat. War er für Sie ein Problem?
Paul Zulehner: Meine Position heißt: Es gibt nur mehr zwei Hochrisikolebensformen, die Ehe und die Ehelosigkeit. Zölibat ist heute eine durchaus vernünftige, plausible und lebbare Form. Aber so wie eine lebendige Ehe immer ein Auf und Ab ist, gute und böse Tage kennt – wie wir es bei der Trauung den Menschen immer sagen – dass man manchmal an die Grenze kommt und nicht weiß, ob man bleibt oder geht.
Ich kenne Priester, die mein Buch lesen, und sagen: Gut, dass du offen darüber redest. Das tut auch mir selber gut, weil ich mich im Feld der Normalität wiederfinde. In dieser Beruhigung bin ich möglicherweise auch stärker, meinen Weg am Ende geradlinig doch weiterzugehen, ohne einen Menschen, dem ich in Liebe verfallen bin, zu kränken und einen Umbau einer liebevollen Beziehung so zu machen, dass sie mit der eigenen Lebensform kompatibel bleibt.
Das vollständige Interview auf Radio Stephansdom:
Der katholische Theologe Paul M. Zulehner gehört zu den einflussreichsten Religionssoziologen im deutschsprachigen Raum. Er nimmt sich kein Blatt vor den Mund, wenn ihn Missstände in der Kirche bewegen. Seine Worte polarisieren, aber er unterstreicht auch immer wieder seine Freude an der Kirche. Ein Gespräch zum 75. Geburtstag des Theologen und Priesters.
Dienstag, 16. Dezember 2014, 19.00-19.25 Uhr.
Eine Sendung von Stefan Hauser.
Podcast zum Nachhören und Herunterladen
|
Paul M. Zulehner Mitgift
Autobiografisches anderer Art |
|
| Dieses Buch oneline bei der Wiener Dombuchhandlung "Facultas" erstehen | |
Webseite: "Der Sonntag"
![]() |
Wöchentliche Kolumne von Chefredakteur Michael Prüller im "Sonntag"
|
![]() |
Der Sonntag TestaboWiener Kirchenzeitung "Der Sonntag" vier Wochen gratis testen. |
![]() |
Das Team der Redaktion des Sonntags |
![]() |
Der Sonntag SonderaboEin Jahr die Kirchenzeitung abonnieren und einen Pilgerrucksack gratis dazu bekommen. |