Von links nach rechts: Günther Kräuter (Volksanwalt), Margareta Dolezal (Bewohnerin Pflegewohnhaus Schönbrunn), Cornelia Bast (pflegende Angehörige), Michael Landau (Caritas Präsident).
Von links nach rechts: Günther Kräuter (Volksanwalt), Margareta Dolezal (Bewohnerin Pflegewohnhaus Schönbrunn), Cornelia Bast (pflegende Angehörige), Michael Landau (Caritas Präsident).
„Umgang der Gesellschaft mit dem Thema Pflege entscheidet darüber, wie zukunftstauglich sie ist", so Landau.
Gemeinsame Forderungen für die Ausgestaltung einer anstehenden Pflegereform haben Caritas und Volksanwaltschaft am Mittwoch, 20. September 2017 in Wien gestellt. Österreichweit einheitliche Qualität in der Pflegeversorgung und sowie gemeinsame Standards für die Finanzierung seien ein Gebot der Stunde, erklärte Caritas-Präsident Michael Landau in einer Pressekonferenz gemeinsam mit Volksanwalt Günther Kräuter im Vorfeld des Welt-Alzheimer-Tages am 21. September. "Der Umgang der Gesellschaft mit dem Thema Pflege entscheidet darüber, wie zukunftstauglich sie ist", betonte Landau.
Um das Ausmaß des Problems zu verdeutlichen, verwies Landau auf die Demografie: Derzeit haben fünf Prozent der Bevölkerung Österreichs das 80. Lebensjahr bereits erreicht. 2050 werden es mehr als doppelt so viel - laut Prognosen mehr als eine Million Menschen - sein. "Österreich ist in weniger als zehn Jahren eines der zehn Länder mit der ältesten Bevölkerung weltweit", mahnte der Caritas-Präsident. Mit dem Alter steige auch der Pflegebedarf - sowie der Diskussionsbedarf über die Sicherstellung der Pflege, "im Sinne sowohl der direkt Betroffenen als auch ihrer Angehörigen sowie der Pflegebediensteten".
Für eine konkrete Reform sei zunächst die Finanzierung der Pflege zu sichern, so die gemeinsame Forderung von Caritas und Volksanwaltschaft. Dass der Pflegeregress von der Regierung abgeschafft wurde, begrüßten beide Vertreter, doch: "von einer umfassenden Finanzierung sind wir weit entfernt", sagte Landau. Wichtig sei dafür die lange ausstehende Inflationsanpassung des Pflegegeldes, das derzeit 450.000 Menschen in Österreich erhalten. Auch eine "nachhaltige, solidarische Finanzierungslösung" müsse gefunden werden, in die der 2021 auslaufende Pflegefonds übergehen könne.
Sowohl Landau als auch Kräuter sahen im aktuellen "Dschungel" an Gesetzen, Handhabungen und Finanzierungen der Pflege einen großen Missstand: "Umfang, Qualität und Kosten der Pflege hängen derzeit vom Wohnort der Person ab. Diese Regelung mit neun verschiedenen Systemen geht an der Wirklichkeit der Menschen vorbei", kritisierte Landau, der einmal mehr auf bundesweit einheitliche Reglungen pochte. Dies gelte auch für den Personenschlüssel sowie für die Bereiche Infrastruktur, Diagnostik, Behandlung und Betreuung, ergänzte Kräuter. Der Volksanwalt berichtete zudem von einer "Fülle von Individualbeschwerden" von Angehörigen, denen Bundesländergrenzen Probleme machen.
Kräuter verwies auf den jüngsten Bericht der Volksanwaltschaft, der zum Teil erhebliche Missstände im Pflegewesen thematisiert hatte. Mittel des Pflegefonds sollten an einheitliche und verbindliche Qualitätsstandards geknüpft werden, so sein Vorschlag. Ein Qualitätssiegel würde hier Abhilfe schaffen, mit u.a. unangekündigten Qualitätskontrollen sowie Vorschriften hinsichtlich der Mindestzahl und Qualifikation der Mitarbeiter einer Gesundheits- und Sozialeinrichtung. Um die hohe Burnout- und Fluktuationsrate bei den Pflegern zu senken, solle zudem der Pflegeberuf aufgewertet werden, forderte Kräuter - "etwa durch bessere Bezahlung, mehr Möglichkeiten der Ausbildung und Supervision".
Mit Blick auf die nahenden Nationalratswahlen appellierte Landau an die Parteien, sich in der Gestaltung der Pflege der Zukunft an der Würde des Menschen zu orientieren und nicht nur um die innere, sondern auch die soziale Sicherheit bemüht zu sein. Die neue Regierung müsse alles daran setzen, die 2015 beschlossene Demenzstrategie auch "mit Leben zu erfüllen". Wichtig sei zudem die Entlastung der pflegenden Angehörigen, durch öffentlich geförderte, leistbare Beratung und Unterstützung, Rechtsanspruch auf Pflegekarenz und Pflegeteilzeit.
Die Wiener Künstlerin Cornelia Bast gab als selbst Betroffene Einblicke in den Lebensalltag pflegender Angehörige: Auch wenn ihre demenzkranke Mutter nun in 24-Stunden-Betreuung sei, stehe sie selbst weiterhin "24 Stunden in Verantwortung", habe etwa bei kurzen Reisen stets ein "schlechtes Gewissen" und sei ständig damit befasst, "wer bei Bedarf für mich einspringt". Wichtig wären besonders im ländlichen Raum "Netzwerke der Nachbarschaftshilfe", mit Möglichkeiten des Austauschs und erhöhter Aufmerksamkeit für die jeweiligen Lebenssituationen und -bedürfnisse, wünschte sich Bast; sie selbst sensibilisiert mit ihrer künstlerischen Reihe "Lebenswelten" in Workshops und Interaktionen für Demenz. "Denn wenn es der Umgebung gut geht, geht es auch mir selbst besser".