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11.07.2019 · Glaube · APG21

"Gott hat einen Plan mit jedem von uns"

Paul Cowley: „Manchmal denke ich, Gott hat einen Fehler gemacht, dass er mich in diese Kirche gesteckt hat.“

Paul Cowley ist ein anglikanischer Priester und leitet eine Gemeinde im Westen von London.
Er ist selbst ein Ex-Häftling und hat als junger Mann, in einer persönlich schwierigen Zeit, durch einen Bibelvers Jesus entdeckt. Er brachte die Alpha-Kurse in die Gefängnisse. Für seine Arbeit der Reintegration von ehemaligen Straftätern verlieh ihm die englische Königin einen Orden.

 

 

Wir kannten Paul Cowley bis jetzt nur von einer Video-Episode des Alpha-Kurses, in der er über die Versöhnung mit seiner Mutter und seinem Vater spricht.

 

Uns interessiert, seit wir das Video des Glaubenskurses zum ersten Mal gesehen haben, seine Lebensgeschichte: vom Ex-Häftling zum anglikanischen Priester. Als er vor dem Sommer Gast in Wien war, haben wir die Chance zum Interview genutzt.

Unsere Einstiegsfrage an ihn ist, ob er eine religiöse Erziehung in seinem Elternhaus erfahren hat?

 

„Nein, Mutter und Vater waren Atheisten. Keiner in meiner ganzen Familie war gläubig“, sagt Paul Cowley. „Selbst in der Schule, die ich schon im frühen Alter verlassen habe, hatte ich keinerlei Berührung mit Religion.“


Wie ich gehört habe, hatten Sie erst spät in Ihrem Leben den ersten Kontakt mit der Bibel.


Paul Cowley: Mit ungefähr 17 Jahren verließ ich das Elternhaus. Für eine Zeit lebte ich auf der Straße. Später übernachtete ich in einem Haus, das von einer Gang übernommen worden war, und ich bekam Probleme mit der Polizei.

 

Irgendwann landete ich dann vor Gericht. Hier fand meine erste Begegnung mit der Bibel statt, indem ich meine rechte Hand auf sie legte und sagte: „Ich schwöre, dass ich die Wahrheit, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit gesagt habe, so wahr mir Gott helfe.“

 

Und nach dieser Lüge wurde ich ins Gefängnis geschickt und sah die Bibel für einen langen Zeitraum nicht mehr.


Wie kamen Sie nach dem Gefängnis zur Armee?


Als ich aus dem Gefängnis entlassen wurde, wollte ich wieder zurück zu meinen Eltern. Ich stand vor dem Haus und erfuhr, dass sie dort nicht mehr lebten und ihre Ehe geschieden wurde.

 

So stand ich wieder allein da. Ich wollte aber nicht mehr im Gefängnis landen, denn das war ein schreckliches Erlebnis. Ich hatte mehrere Jobs und dann sah ich eines Tages ein Plakat: „Suchst du ein Leben voller Abenteuer? Wenn ja, dann trete der britischen Armee bei.“ Das wollte ich unbedingt und ging zum Rekrutierungsbüro in Manchester. Aber als ehemaligen Häftling hat man mich abgelehnt.

 

Ich gab nicht auf. In den nächsten sechs Monaten war ich fast jede Woche dort, bis es schlussendlich ein zweites Bewerbungsgespräch gab. Ich wurde aufgenommen und ich hatte meine zweite Begegnung mit der Bibel. Ich musste diesmal den Treueeid auf Krone und Königin schwören. Das war der Start meiner Militärkarriere.


Wie haben Sie zum Glauben gefunden?


Eines Tages erhielt ich eine Ansichtskarte mit einer biblischen Szene auf der Vorderseite und auf der Rückseite stand: „Ich wurde Christ. Du sollst die Frau, mit der du zusammenlebst heiraten. Lass uns treffen. Jesus liebt dich.“

 

Unterschrieben von Eric Martin. Er war mein Ausbildner für eine Eliteeinheit, das Army Physical Training Corps. Ich hatte ihn als furchtbaren und zornigen Menschen in Erinnerung, ich hasste ihn. Nicht nur, dass er ein verrückter Mann in der Armee war, er wurde jetzt auch noch Christ. Und das Schlimmste: Er hatte meine Adresse.


Wie ging die Geschichte weiter?

 

Meine Freundin Amanda überredete mich zu einem Treffen mit Eric. Wir verbrachten drei Tage miteinander und ich war fasziniert von diesem Mann, der noch immer in der Armee diente und nun Christ wurde.

 

Ich war schon 40 Jahre alt und Eric sprach als erster Mensch überhaupt mit mir über Jesus und sagte zu mir, dass Jesus mich liebt. Ein wenig später hat mich jemand zum Alpha-Kurs eingeladen.

 

Beim Heilig-Geist-Wochenende, dem Teil des Alpha-Kurses, bei dem sich alles um den Heiligen Geist dreht, spürte ich in meinem Herzen, dass ich mich ganz in die Arme Gottes fallen lassen kann. Ich verstand auf einmal, dass er mich liebt, mich so akzeptiert, wie ich war und bin. Das war überwältigend und ist es heute noch.


Veränderte der Alpha-Kurs Ihr Leben?


Nein, Gott veränderte mein Leben. Alpha war nur das Werkzeug in diesem Moment. Es hilft, einfachen Menschen wie mich, Gott kennenzulernen. Für uns passt die Bibelstelle aus Buch Jeremia Kapitel 29, Vers 11: „Denn ich weiß genau, welche Pläne ich für euch gefasst habe“, spricht der Herr. „Mein Plan ist, euch Heil zu geben und kein Leid. Ich gebe euch Zukunft und Hoffnung.“

 

Mir wurde bewusst, Gott hat einen Plan mit mir. Es veränderte mein ganzes Leben. Wenn das nicht passiert wäre, wäre ich schon tot oder säße wieder im Gefängnis. Und ich wusste, dass es von nun an meine Aufgabe sein wird, für die Menschen, die wie ich verloren, gebrochen und ausgegrenzt sind, keine gute Erziehung erhalten haben, da zu sein. Sie sind in Schwierigkeiten, auch wenn sie manchmal selbst nichts dafürkönnen.


Wie haben Sie bemerkt, dass Gott Sie beruft?


Berufung ist eine schwierige Sache. Du weißt niemals, ob sie richtig oder falsch ist. Manchmal denke ich, Gott hat einen Fehler gemacht, dass er mich in diese Kirche gesteckt hat.

 

Aber ich weiß, dass ich berufen bin, zu den Menschen an den Rändern unserer Gesellschaft zu gehen. So war es, dass ich die Idee hatte, Alpha-Kurse in die Gefängnisse zu bringen. Denn ich habe eine Ahnung, wie es dort zugeht und welche Nöte die Insassen haben. Beinahe alle Haftanstalten konnten im Vereinigten Königreich für das Angebot von Alpha-Kursen gewonnen werden.

 

90.000 Männer und Frauen verbüßen in meinem Land eine Haftstrafe. Sie haben Verbrechen gegen die Gesellschaft begangen und die Gesellschaft hat sie verstoßen.

 

Es gibt keine Entschuldigung für ihre Verbrechen. Aber das Evangelium den Menschen, meistens Männern, in einer hoffnungslosen Situation zu bringen, gibt Hoffnung. Die Häftlinge bemerken, dass sie trotzdem wo dazugehören und geliebt werden.


War der Weg zum Priestertum schwierig?


Sandy Millar, der damalige Vikar von Holy Trinity Brompton, ermutigte mich, über eine Priesterausbildung nachzudenken. Das Auswahlverfahren dauerte ungefähr ein Jahr: Nichts Außergewöhnliches aufgrund meiner Herkunft, meines Gefängnisaufenthaltes, meiner zwei Scheidungen.

 

Ich führte Gespräche mit dem Erzbischof von Canterbury, mit dem Bischof von London, mit dem Bischof von Kensington und noch weiteren Bischöfen. Ich dachte immer wieder, ich werde die nächste Stufe nicht erreichen. Und dann bekam ich einen Studienplatz am Oak Hill College.


Hatten Sie nie Zweifel?


Es ist schon wirklich verrückt. Zwischen dem Zeitpunkt, als ich Christ wurde, und dem Zeitpunkt, als ich Priester wurde, vergingen nur viereinhalb Jahre. Es hatte den Eindruck, weil ich spät dran war, dass Gott die Sache beschleunigte.

 

Das Theologiestudium war für mich sehr herausfordernd, ich war sehr unsicher und nervös. Aber Gott unterstützte mich, indem er gute Menschen um mich scharte, die mir halfen und mir Mut machten. Ich machte meinen Abschluss, wurde geweiht und als Kurat dorthin gesandt, wo alles begann: nach Holy Trinity Brompton (HTB).


Sie engagieren sich neben „Alpha im Gefängnis“ stark für soziale Projekte. Welche sind das?


Wir von HTB haben Schlafeinrichtungen für Obdachlose geschaffen. Für Menschen, die in Geld-Schwierigkeiten geraten sind, haben wir ein Schuldenberatungszentrum eingerichtet. Und wir haben eine karitative Einrichtung für Ex-Häftlinge gegründet.

 

Ich bin gerade dabei, weitere Kirchengemeinden zu ermutigen, sich mehr in diese Arbeit einzubringen: Männern und Frauen, die zum Glauben im Gefängnis gekommen sind, zu helfen, wenn sie wieder in Freiheit sind, sich in unsere Gemeinschaft zu integrieren.

 

Mir ist es, ehrlich gesagt, lieber, wenn sie bei uns in der Kirche sind und von Christus verwandelt werden, als dass sie mein Auto stehlen oder in mein Haus einbrechen. 

erstellt von: Der SONNTAG/Markus Langer
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Weitere Informationen:

Paul Cowley


Geboren: 1955 in Manchester

 

Kirchlicher Dienst
Paul Cowley ist heute Pfarrer von St. Francis Dalgarno Way im Westen Londons. Er wurde 2002 zum Priester für die Kirche von England geweiht. Er gehört zum Team von HTB, einer lebendigen anglikanischen Kirchengemeinde in London, seit über 21 Jahren. Er war für acht Jahre Pastor in HTB Queen’s Gate.

 

Karitatives
In 2005 gründete er die Hilfsorganisation „Caring For Ex-Offenders“ (CFEO), die lokalen Kirchen hilft, Ex-Straftäter nach der Haftentlassung wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Er leitet heute den karitativen Bereich von HTB.

 

Auszeichnungen
Paul Cowley wurde von Königin Elisabeth II. mit dem Orden „Member of the British Empire (MBE)“ für seine Dienste an Ex-Straftätern ausgezeichnet. 2014 erhielt er den Lifetime Achievement Award vom Lord Longford Trust für seine seelsorgliche Arbeit in den Gefängnissen.

 

Privates
verheiratet mit Amanda,
zwei Kinder: Clinton (aus früherer Ehe) und Phoebe.

 

Leben ist…

den Missionsauftrag zu erfüllen: Menschen zu Jüngern zu machen, sie im Namen Jesu Christi zu taufen, ihnen zu helfen, das Leben zu führen, das Gott für sie geplant hat. Und mit ihnen über das Evangelium zu sprechen, wie Eric Martin einst mir über Jesus erzählt hat.


Dieser eine Mann, dieses eine Gespräch hat mein Leben völlig verändert. Ich bete jeden Tag, dass ich alles tun kann, bis meine Zeit zu Ende ist.

 

Sonntag ist…

für mich als Priester ein Tag der Arbeit und nicht der Ruhe – und das seit 20 Jahren. Mein neuer Wirkungsort St. Francis gehört zu einem sozial benachteiligten Gebiet. Die Seelsorgearbeit ist sehr herausfordernd. Menschen kommen aus Gegenden, wo Gott für sie scheinbar eine lange Zeit nicht war oder nicht über ihn gesprochen wurde.

 

Glaube ist…
Hoffnung. Hoffnung, dass Dinge anders sein können und dass ich nicht
alleine bin.

 


 

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Warum studierst du Theologie und wie kannst du glauben, dass es einen Gott gibt? Diesen Fragen musste sich die 30-jährige Lisa Huber oft genug stellen. Wir haben uns mit ihr getroffen.

Koloman - vom "potentiellen Gefährder" zum heiligen Landespatron

Koloman, vermutlich ein irischer Pilger, von Mitchristen aus Angst erhängt und schließlich als Märtyrer zum Landespatron erhoben, stellt uns noch heute infrage.

Pfarrmedien im Fokus: "Verkündschafter"-Kongress heuer online

Österreichs Mitarbeitende in der pfarrlichen Öffentlichkeitsarbeit treffen sich am 16. Oktober virtuell zu Austausch und Weiterbildung.

Dominikaner Wien: ALPHA-Kurs im Herbst 2021 startet

Pater Markus Langer von den Wiener Dominikanern lädt Interessierte zum ALPHA-Kurs ein.

Dominikus - Der schweigsame Prediger

Vor 800 Jahren, am 6. August 1221 stirbt Dominikus Guzman in Bologna. Als Gründer des Predigerordens inspiriert er bis heute Ordensleute und Laien.

Fliegender Missionar Buchegger

Kremser Priester und Afrika-Missionar Helmut Buchegger im Portrait

Mehr als 23 Jahre war das langjährige MIVA-Kuratoriumsmitglied Helmut Buchegger als Priester und Missionar in der Zentralafrikanischen Republik tätig. Ein Buch gibt jetzt Einblick in seine Arbeit.

Fahne mit Ritter-Motiv: der hl. Georg t?tet den Drachen. Schatzkammer des deutschen Ordens.Wien, 12.7.2002? Franz Josef Rupprecht; A-7123 M?nchhof; Bank: Raiffeisenbank M?nchhof (BLZ 33054), Kto.-Nr.: 17.608

Der Hl. Georg, Held und Helfer

Ob der Heilige Georg tatsächlich einen Drachen besiegt hat, werden wir vermutlich nie erfahren. Gegen die Pläne eines späteren Heiligen hat er sich nachweislich durchgesetzt.

Hofbauer- Festwoche in Maria am Gestade

Redemptoristenorden und "Hofbauer-Komitee" laden zu Gottesdiensten im Gedenken an Wiener Stadtpatron Clemens Maria Hofbauer. Festgottesdienst mit Kardinal Schönborn am 15. März in Maria am Gestade.

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