Junge Menschen in Ecuador erhalten eine hochwertige technische Universitätsausbildung.
Junge Menschen in Ecuador erhalten eine hochwertige technische Universitätsausbildung.
Anleger beteiligen sich an sozial motivierten Projekten und Organisationen, die eine positive gesellschaftliche Wirkung erzielen wollen.
In den letzten Jahren taucht immer stärker der Begriff "Social Impact Investment" auf. "Dieser wurde eingeführt, um sich von einem normalen Investment, das keinerlei Berücksichtigung einer sozialen Komponente beinhaltet, abzugrenzen“, erklärt Reinhard Heiserer, Vorstandsvorsitzender des internationalen Hilfswerks "Jugend Eine Welt". "Die Menschen wissen nicht immer, in welches Investment sie ihr Geld stecken: in Unternehmen, die Waffen produzieren, Gentechnologie betreiben oder Atomstrom erzeugen. Bei Social Impact Investments investieren die Kapitalgeber in Unternehmen, die wirtschaftliche Aktivitäten mit einem sozialen Nutzen, mit einem Zusatzbonus, wenn man so will, setzen", so Heiserer.
Dass es mehr als um Geld geht, sagt auch Günter Lenhart, stellvertretender Vorsitzender von Oikocredit Austria. "Menschen, deren soziales Interesse ist, dass es anderen auch gut geht, wollen ihr Geld nicht anonym anlegen. Bei Oikocredit wissen sie, dass dieses nicht nur als Starthilfe für wirtschaftliche Tätigkeiten wie etwa Tierhaltung, Pflanzenzucht oder Handwerk zur Verfügung gestellt wird." Damit verbunden sei immer eine Beratungstätigkeit und Begleitung, damit die Menschen den Kleinkredit auch wirklich sinnvoll nutzen können. „Denn die große Gefahr besteht darin, wenn man erstmals Geld in die Hand bekommt, es ohne entsprechendes wirtschaftliches Wissen in die falsche Richtung investiert oder überhaupt für Konsum ausgibt, ohne es für wirtschaftliche Tätigkeiten zu verwenden", so Günter Lenhart.
Auf das Thema „Social Impact Investment“ ist man bei der Hilfsorganisation Jugend Eine Welt erst gekommen, als man erkannt hat, dass Spenden nur ein Teil einer Fördermöglichkeit darstellen. Mit Spenden finanzierte Projekte unterstützen Menschen in Not, geben Straßenkindern ein Zuhause oder helfen bei Katastrophen. Reinhard Heiserer: "Bei Projekten, die wirtschaftlich in der Lage sind, sich zu refinanzieren, würden Spenden das Eigenengagement der Menschen eigentlich behindern. Es liegt schon im Menschen, wenn er etwas geschenkt bekommt, nimmt er das und bemüht sich nicht sonderlich. Von daher gab es eine Reihe von Projektträgern, die an uns herangetreten sind und gesagt haben: 'Wir wollen das Geld gar nicht geschenkt, aber wir hätten gern, dass ihr uns einen Kredit gewährt. Wenn ihr uns das Darlehen gebt, wollen wir es auch wieder zurück bezahlen.'"
Aus dem Bedürfnis nach alternativen Finanzierungsformen entwickelte die Don Bosco Finanzierungs GmbH, eine gemeinnützige Tochtergesellschaft von Jugend Eine Welt, gemeinsam mit der Raiffeisen-Landesbank Tirol die erste sozial nachhaltige Anleihe, die am österreichischen Kapitalmarkt 2009 mit großem Erfolg begeben wurde. Mit dieser Anleihe stellten sozial orientierte Investoren 6,3 Millionen Euro für den Ausbau der Salesianeruniversität in Ecuador (Universidad Politécnica Salsesiana) zur Verfügung und ermöglichten damit jungen Menschen eine qualitativ hochwertige Ausbildung auf Universitätsniveau. Inzwischen hat die Salesianeruniversität von Cuenca auch Standorte in der Hauptstadt Quito und in Guayaquil. Zum Zeitpunkt der Platzierung der Anleihe erhielten ca. 16.000 junge Menschen an der Salesianeruniversität eine Ausbildung. Zum 20-jährigen Jubiläum 2014 waren es schon mehr als 20.000 Studierende. Jugend Eine Welt setzt seit Ende Juni 2015 wiederum – diesmal mit Unterstützung der Erste Bank Oesterreich – auf eine „Social Impact-Anleihe“, um in den kommenden Jahren den Ausbau der Universitätsstandorte der Salesianer Don Boscos in Ecuador zu ermöglichen. Mit dem lukrierten Geld von zwölf Millionen US-Dollar sind der Bau von Gebäuden mit Labors, Werkstätten und Hörsälen, sowie der Ankauf von technischem Equipment für die Labors der Studiengänge Mechatronik und Fahrzeugtechnik geplant. Die Zins- und Rückzahlungen der Anleihe erfolgt aus den laufenden Einnahmen der Universität.
"Das Geld, das Oikocredit bekommt, ist keine Spende", betont Günter Lenhart. „Es handelt sich hier um eine Veranlagung bei einer Kreditgenossenschaft nach niederländischem Recht, weil der Sitz in Amersfoort liegt.“ Diese wurde 1975 auf Initiative des Ökumenischen Rates der Kirchen gegründet, der sicherstellen wollte, dass Rücklagen der Kirchen, aber auch von Privaten, einer sozial überprüfbaren Veranlagung zugute kommen. „Mit dem Anteilszertifikat, das man ersteht, ist man dann sozusagen in dem ‚Reich der sozial Engagierten‘ mittätig und hilft den Menschen, die eine selbstständige Tätigkeit ausüben und nicht von Spenden abhängig bleiben wollen.“ In Österreich stellen der Entwicklungsgenossenschaft etwa 5.000 Anleger ungefähr 81 Millionen Euro zur Verfügung.
Oikocredit biete, so Günter Lenhart, einen mehrfachen Gewinn. Die Anleger bilden eine Rücklage ohne Nebenkosten. Es ist nur ein jährlicher Mitgliedsbeitrag – unabhängig von der veranlagten Summe – zu zahlen. In der Regel wird zur Jahresmitte eine Dividende ausgeschüttet. "Der zweite Vorteil ist: Wer Genossenschaftsanteile besitzt, kann davon ausgehen, dass das Investment nicht für Spekulationen, sondern für den Aufbau von Strukturen in den Entwicklungsländern verwendet wird. Menschen können in ihrer Heimat bleiben und sind nicht genötigt, aus Überlebensstrategie zu flüchten. Drittens: Man darf nicht vergessen, dass einer der großen Triebfedern für Krieg und Terror natürlich die Armut ist“, betont Lenhart. „Wenn ich den Menschen das Überleben und einen bescheidenen Wohlstand ermögliche, dann sichere ich auch eine friedliche Welt des Zusammenlebens und Zusammenarbeitens."
Abseits der "Don Bosco Anleihe", die institutionelle und private Großinvestoren ansprechen soll, können Freunde und Förderer von Jugend Eine Welt mit kleineren Summen, in Form von zinsenlosen Darlehen, den Verein unterstützen. Dieser muss viele Projekte und Aktivitäten vor- und zwischenfinanzieren und ist auf günstige Finanzierungsformen angewiesen. "Zinsenlose Darlehen helfen uns in Zeiten von schwankenden Spendeneingängen. Sie sind eine willkommene Ausgleichszahlung, die uns hilft, die Liquidität unserer Organisation besser zu steuern", erklärt Heiserer.
Jugend Eine Welt unterstützt Stiftungen, die im Social Impact Investment tätig sind, bei der Auswahl von Projekten. Stiftungen würden in Österreich aufgrund der rechtlichen Rahmenbedingungen hauptsächlich zu eigennützigen Zwecken errichtet, so Reinhard Heiserer. "In Österreich gibt es sehr wenige gemeinnützig tätige Stiftungen, was aus meiner Interpretation eines der ureigensten Eigenschaften einer Stiftung ist, für das Gemeinwohl einzustehen." Mittlerweile hat sich eine Gruppe von Stiftern zum „Bund der gemeinnützigen Stiftungen“ zusammengeschlossen und bemüht sich, in Zusammenarbeit mit dem Wirtschaftsministerium neue Rahmenbedingungen zu schaffen. „In Zukunft soll es möglich sein, dass Menschen mit geringerem Aufwand und Startkapital eine Stiftung gründen können. Weiters sollen Gelder, die in Stiftungen fließen bzw. von Stiftungen für gemeinnützige Zwecke ausgeschüttet werden, steuerlich etwas besser gestellt werden.“ Der Vorstandsvorsitzende von Jugend Eine Welt hofft, dass die neuen Rahmenbedingungen für gemeinnütziges Stiften bald kommen und ist zuversichtlich, "dass es in Zukunft mehr Österreicher geben wird, die ihre Stiftung in Österreich gründen und österreichische Initiativen und Organisationen begünstigen."
Eine der Erfolgsgeschichten von Oikocredit: Die Schneiderin Karen Aoko Odhiambo aus Kenia konnte mit der Investition einer Nähmaschine ihre Existenz gründen.
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